Eine Adventspredigt zum Thema Warten (Jesaja 9,1)


In der Predigt geht es heute um das Warten. In der Adventszeit warten wir auf Weihnachten, auf das Kommen Gottes in diese Welt. In dem kleinen Jesuskind in der Krippe – das glauben wir als Christen – ist Gott selbst Mensch geworden. Er ist angekommen in dieser Welt. Darum heißt der Advent auch Advent. Das ist nämlich lateinisch und bedeutet „Ankunft“.
Jedes Jahr im Advent warten wir also darauf, dass Gott noch einmal ankommt in dieser Welt. Nicht wie damals vor 2000 Jahren als kleines Kind in der Krippe, aber doch irgendwie so, dass wir etwas davon bemerken.
Die Adventszeit hat also ganz viel mit Warten zu tun. Darum heute morgen vier kurze Gedanken zum Thema Warten. Vier Kerzen auf dem Adventskranz. Für jeden Gedanken zünden wir eine davon an.


Erste Kerze – erster Gedanke: Warten gehört zum Leben dazu!

Irgendwie, so scheint es, warten wir ja immer. Wer, wie ich, viel mit der Deutschen Bahn fährt, kann ein Lied davon singen. Aber andere können das auch.
Junge Eltern warten auf die Geburt ihres Kindes, auf das erste verständliche Wort, das es spricht, auf die ersten Schritte, die es läuft, auf den Tag, an dem es in den Kindergarten oder in die Schule kommt – und irgendwann darauf, dass es mit 28 endlich in eine eigene Wohnung zieht.
Kleine Kinder warten auf Weihnachten oder auf ihren Geburtstag. Große Kinder warten darauf, dass die, in die sie sich verliebt haben, endlichen merken, was man von ihnen will. Sie warten darauf, dass sie endlich auch die Filme sehen dürfen, die erst ab 16 oder 18 freigegeben sind. Sie warten auf einen Ausbildungs- oder Studienplatz, auf einen Job, auf das erste selbst verdiente Geld.
Erwachsene warten auf bessere Zeiten, auf den Feierabend, auf das Wochenende, auf die Rente. Manche warten darauf, dass mit 66 Jahren das Leben endlich anfängt. Andere warten nach einem mehr oder weniger schönen Leben auf ein gutes Ende – und auf das, was vielleicht danach kommt.
Warten gehört zum Leben dazu.

Das gilt auch in einem geistlichen Sinn, also in unserer Beziehung zu Gott. Wir warten darauf, dass sich uns das Wesen Gottes immer mehr und immer besser erschließt. Wir warten, dass wir die eine oder andere Bibelstelle vielleicht endlich verstehen. Wir warten, dass Gebete erhört oder wenigstens beantwortet werden.
Wir warten darauf, dass Gott seine Verheißungen erfüllt – und gerade mit Advent und Weihnachten sind viele dieser Verheißungen verknüpft: „Ehre Gott in der Höhe und Friede den Menschen auf Erden!“ (Lukas 2,14) Was für eine Verheißung! Wir warten darauf, dass das endlich Wirklichkeit wird – oder doch wenigstens, dass ein bisschen mehr davon sichtbar und spürbar wird in dieser Welt: hier bei uns in Berlin, aber auch in Indien, im Kongo, im Irak.
Warten auf Gott und sein Handeln in dieser Welt ist ein zutiefst geistliches Geschehen.


Zweite Kerze – zweiter Gedanke: Warten kann man so oder so

Manchmal warte ich darauf, dass der ICE, in dem ich sitze und der schon seit zwei Stunden aus unerfindlichen Gründen mitten in der Pampa zwischen Hannover und Bielefeld steht, endlich weiterfährt. Das sind Situationen, in denen ich das Warten als verlorene Zeit empfinde. Stillstand. Nichts geht mehr. Und die Zeit, bis endlich wieder etwas geht, zieht sich wie ein ausgelutschtes Kaugummi dahin.
Hin und wieder aber gelingt es mir, dass ich diese Zeit ganz anders empfinde. Dann habe ich vielleicht ein spannendes Buch dabei und freue mich, dass ich auf diese Weise noch vor der Ankunft in Wuppertal erfahre, ob der Gärtner oder der Butler der Mörder war.
An der Situation hat sich nichts geändert: Mein Zug steht immer noch seit zwei Stunden in der Pampa zwischen Hannover und Bielefeld. Aber ich habe diese scheinbar sinnlose Zeit des Wartens mit Sinn gefüllt.
Warten auf Weihnachten, das kann ein vier Wochen langer, langweiliger, dunkler Tunnel sein. Irgendwo zwischen Hannover und Bielefeld. Es kann aber auch eine mit Plätzchen backen und Geschenke basteln, mit Kerzenlicht und Tannennadelduft angereicherte, wunderbare Zeit werden, die wie im Fluge vergeht.
Warten kann man also so oder so: Die Zeit des Wartens vergeht auf die eine oder andere Weise. Und irgendwann hat alles Warten ein Ende. Der Zug setzt sich wieder in Bewegung und Weihnachten steht vor der Tür. Aber darüber, wie ich eine Zeit des Wartens erlebe, ob ich sie mit Sinn fülle oder nicht, darüber entscheide ich selbst.

Und auch das gilt nicht nur für mein Leben mit der Deutschen Bahn und für die Adventszeit, sondern auch für mein Leben mit Gott. Auch in meinem „geistlichen Leben“ kann ich Zeiten des Wartens so oder so gestalten.
Ich kann passiv darauf warten, dass sich mir ein Bibeltext irgendwann von selbst erschließt – ich kann aber auch eine Menge dafür tun, dass dies geschieht. Ich kann darauf warten, dass Gott seine Verheißungen erfüllt und endlich seine Herrschaft aufrichtet – ich kann aber auch hingehen und anfangen, Reich Gottes zu bauen in dieser Welt: in meiner Familie, hier in der Gemeinde, in dieser Stadt, in diesem Land und weltweit.
Die Zeit des Wartens wird dadurch nicht kürzer. Aber sie bekommt eine andere Qualität. Und vielleicht wird dann aus bloßem Warten so etwas wie „Erwartung“.
Philosophen definieren Erwartung als einen Akt der Aufmerksamkeit auf etwas, das noch nicht da, aber in Aussicht gestellt ist. Im Zustand der Erwartung, sagen sie, sind wir eingestellt auf das, was wir erwarten und tragen so etwas dazu bei, dass es auch ankommen kann bei uns.
Die Hirten damals auf dem Feld bei Bethlehem, die hätten, nachdem sie die Botschaft der Engel gehört hatten, ja auch sitzen bleiben und weiter auf den Messias warten können. Aber sie haben sich auf den Weg gemacht, weil sie die Erwartung hatten, ihn wirklich in diser Krippe im Stall von Bethlehem zu finden.
Die Weisen damals, die hätten noch viele Sterne beobachten können in ihren Sternwarten weit im Osten. Aber sie haben sich auf den Weg gemacht, weil sie die Erwartung hatten, am Ende ihrer Reise mit diesem einen Stern dem neugeborenen König zu begegnen.
Warten kann man so oder so. Auch in der vor uns liegenden Adventszeit!


Dritte Kerze – dritter Gedanke: Warten lohnt sich!

Ich habe in diesem Jahr lange auf die Nebenkostenabrechnung für meine Wohnung gewartet. Viel länger als sonst, was vermutlich dait zu tun hat, dass mein Vermieter gewechselt hat. Gestern ist sie nun endlich gekommen! Und – wie jedes Jahr – bekomme ich auch in diesem Jahr wieder ein Guthaben erstattet. So kurz vor Weihnachten kommt das natürlich gerade recht. Das Warten hat sich also gelohnt.
Für nächstes Jahr hat mein neuer Vermieter nun die Miete angepasst und den Abschlag, den ich für die Nebenkosten zu zahlen habe, reduziert. Für die Nebenkostenabrechnung im kommenden Jahr werde ich also meine Erwartungen herunterschrauben, damit ich nicht enttäuscht bin, wenn der vorweihnachtliche Geldsegen dann kleiner ausfällt.
Warum ich das erzähle? Weil es sehr schön veranschaulicht, dass Warten sich lohnt, wenn es auf einer begründeten Hoffnung beruht.
Meine Erfahrungen mit den Nebenkostenabrechnungen der letzten Jahre – und mein vorbildlicher Umgang mit Wasser und Energie natürlich – haben in mir die begründete Hoffnung geweckt, dass ich auch in diesem Jahr die Weihnachtsgeschenke für meine Familie nicht vom normalen Haushaltsgeld, sondern aus einem Extrabudget bezahlen kann. Darum hat das Warten sich gelohnt!

Auch diese Erfahrung hat eine geistliche Dimension: „Das Volk, das im Finstern wandelt, sieht ein großes Licht und über denen, die da wohnen im finstern Lande scheint es hell.“ – ein klassischer Advents- und Weihnachtstext aus dem Jesajabuch (Jesaja 9,1)
Mehrere Jahrhunderte hat das Volk Israel auf die Erfüllung dieser Verheißung gewartet. Mit dem Stern von Bethlehem, so glauben wir, ist sie endlich Wirklichkeit geworden. Das Warten hat sich gelohnt!
Wie aber kann es sein, dass ein Volk über viele Generationen hinweg eine solche Erwartung aufrechterhalten kann. Ich denke, das liegt daran, dass das Volk Israel in seiner Geschichte Erfahrungen mit Gott gemacht hat, die Erwartungen für die Zukunft geweckt haben. Das meine ich mit „begründeter Hoffnung“!
In meinem Leben mit Gott funktioniert das ganz ähnlich: Ich habe Gott in der Vergangenheit bei so vielen Gelegenheiten als verlässlichen Partner erlebt, dass ich für meine persönliche Zukunft und für die Zukunft der Welt die begründete Hoffnung habe, dass das Warten auf ihn und sein Kommen sich lohnt!
Das ist für mich die gute Nachricht der Advents- und Weihnachtszeit: Das Warten hat sich gelohnt! Gott ist gekommen und hat sein Volk besucht. Und so wie er damals gekommen ist und die Verheißungen der Propheten erfüllt hat, so wird er wiederkommen und sein Reich aufrichten. So wie er damals in diese Welt gekommen ist, so kommt er in dein und in mein Leben und macht es hell. Vielleicht nicht heute. Vielleicht nicht morgen. Aber du kannst dich drauf verlassen: Er kommt!


Vierte Kerze – vierter Gedanke: Alles Warten hat einmal ein Ende! Und das ist gut so!

Der Adventskranz hat vier Kerzen. Wenn die vierte Kerze brennt, wissen wir: Jetzt hat das Warten bald ein Ende (und diese Predigt auch!).
Wenn die vierte Kerze brennt, dann sind es ganz sicher nur noch ein paar Stunden oder Tage bis Weihnachten. Bis die Lichter am Tannenbaum angezündet sind und die Geschenke ausgepackt werden dürfen.
Ist das nicht gut? Dass alles Warten irgendwann ein Ende hat? Dass wir selbst und unser Leben, dass diese Welt und ihr Schicksal nicht einer unendlichen und ungewissen Zukunft entgegengehen, sondern begrenzt sind durch Gott und das, was er sich für die Zukunft ausgedacht hat?
Was wäre die Adventszeit ohne Weihnachten? Was wäre das Kind in der Krippe ohne den Mann am Kreuz und den wiederkommenden Herrn am Ende der Zeit? Was wäre das Leben ohne den Tod und die begründete Hoffnung, dass danach noch was kommt?
Alles Warten hat einmal ein Ende – und das ist gut so! Das nimmt mir den Druck, in diese „Zwischenzeit“ zwischen Geburt und ewigem Leben alles hineinpressen zu müssen, was nur irgendwie geht. Und es gibt mir die Gelassenheit, mein Leben – so gut es eben geht – aus Gottes Hand zu nehmen und mit ihm zu gestalten.
Und noch etwas, das ich ganz wichtig finde: Nicht nur wir warten auf Gott und sein Kommen in diese Welt und in unser Leben – Gott wartet auf uns! Er sehnt sich nach dir und nach mir. Darum lässt er uns nicht unendlich warten, sondern macht allem Warten – auf die eine oder andere Weise – irgendwann ein Ende.
Ein Freund von mir hat einmal einen kurzen Vierzeiler geschrieben, der das ganz gut ausdrückt und für mich so eine Art „Lebensmotto“ geworden ist:

Ich bin keiner von den Frommen,
die ganz sicher in den Himmel kommen!
Ich lebe von dem Wissen:
Gott würde mich vermissen.

Die Adventszeit ist Ausdruck der Hoffnung, dass wir Gott nicht egal sind. Dass er uns vermisst. Weihnachten wird diese Hoffnung bestätigt: Gott will nicht länger auf uns warten. Er kommt in diese Welt und in unser Leben: „Das Volk, das im Finstern wandelt, sieht ein großes Licht und über denen, die da wohnen im finstern Lande, scheint es hell.“ (Jesaja 9,1)

Amen.


(c) Volkmar Hamp