Davids Aufstieg (1. Samuel 16,1-13)


Eine bekannte Geschichte. Die erste Szene im Drama um den Aufstieg Davids zum Nachfolger Sauls und König von Israel. Ich mag diese Geschichte, weil ich ihren zentralen Vers mag, der zur Jahreslosung dieses Jahres (2003) wurde: „Der Mensch sieht, was vor Augen ist, Gott aber sieht das Herz an!“
Andererseits finde ich diese Geschichte aber auch allzu idyllisch: Da laufen – wie bei „Israel sucht den Superstar“ – die ansehnlichen Söhne Isais laufstegmäßig an Samuel vorbei, und ausgerechnet der jüngste, der unwahrscheinlichste Kandidat schießt am Ende den Vogel ab?! Wo gibt es denn so was? Und warum – wenn denn Gott wirklich das Herz ansieht und nicht das, „was vor Augen ist“ – muss dann doch so betont davon erzählt werden, was für ein gut aussehender junger Mann dieser David doch war, „braun gebrannt und mit schönen Augen“ (Vers 12).
Irgendwie klingt das alles doch sehr nach „Starkult“ oder posthumer „Heiligenverehrung“.
So sind sich denn auch die meisten Ausleger darin einig, dass wir hier keinen historischen Bericht vor uns haben, sondern den Versuch, in späterer Zeit – vielleicht unter Davids Nachfolger Salomo – den Anspruch der Familie Davids auf den Königsthron theologisch zu untermauern und zu legitimieren.
Der Schriftsteller Stefan Heym lässt in seinem Buch „Der König David Bericht“ einen Schreiber auftreten, der – anlässlich einer Sitzung der „königlichen Kommission zur Ausarbeitung des Einen und Einzigen Wahren und Autoritativen, Historisch Genauen und Amtlich Anerkannten Berichts über den Erstaunlichen Aufstieg, das Gottesfürchtige Leben, sowie die Heroischen Taten und Wunderbaren Leistungen des David ben Jesse, Königs von Juda während Sieben und beider Juda und Israel während Dreiunddreißig Jahren, des Erwählten Gottes und Vaters von König Salomo, abgekürzt, des König-David-Berichts – der also während einer solchen Sitzung seine Zweifel an dieser Geschichte anmeldet:
„Nehmen wir an“, sagt dieser Schreiber in Heyms Buch, „Samuel kam wirklich nach Bethlehem und verhielt sich, wie erzählt wird – würde David dadurch nicht zum berühmtesten Knaben im Ort geworden sein, und würden die Leute in Bethlehem nicht monatelang davon geredet haben, und wären Jesse und seine sechs älteren Söhne nicht sofort zu all ihren außerhalb wohnenden Onkels und Vettern und Schwägern gereist, um ihnen von der neuen Würde Mitteilung zu machen? Der ganze Stamm Juda hätte in kürzester Frist von der Sache gewusst und geprahlt, dass einer seiner hoffnungsvollen Jünglinge bald König von Israel sei. Wie lange, muss man sich fragen, würde es wohl gedauert haben, bis König Saul davon erfuhr und den jungen David abholen und vor Gericht stellen ließ wegen Amtsanmaßung oder auch Verschwörung? Und doch, als David zum ersten Mal am königlichen Hof erscheint, erhebt da einer die Stimme und spricht: Siehe dort, mein Herr König, ist der hübsche junge Mann mit der Laute und den Versen nicht derselbe David ben Jesse, der erst kürzlich von Samuel gesalbt wurde, König zu sein an Eurer Statt? – Kein einziger!“ (Stefan Heym, Der König David Bericht, S. 36)
Und so erzählen die folgenden Kapitel des ersten Samuelbuches auch eine ganz andere Geschichte vom Aufstieg Davids zum König, die – wie übrigens zuvor auch die Geschichte seines Vorgängers Saul – auch in einer anderen Variante der Königssalbung endet: Da wird David eben nicht vom Seher Samuel, sondern von den Männern Judas zum König gesalbt, nachdem er sich als fähiger Soldat und zielstrebiger Machtpolitiker einen Namen gemacht hatte.
In dieser Geschichte erscheint der Aufstieg Davids zu Macht und Königtum als rein diesseitiges, allenfalls verborgen von Gott gelenktes, aber im Großen und Ganzen in sich logisches und konsequent „weltliches“ Geschehen: Ein fähiger, junger Mann mit der nötigen Portion Selbstbewusstsein und einem gewissen „Willen zur Macht“ erlangt schließlich die Königswürde über Juda und Israel.

Erinnern wir uns:
David, Sohn eines bethlehemitischen Bauern namens Isai, wird an den Hof König Sauls berufen, und zwar zunächst als eine Art Heilmittel gegen Sauls Melancholie, als Spielmann, wir würden heute sagen: als Musiktherapeut (1. Sam 16,14-23).
Aber dabei bleibt es nicht. Er gewinnt schnell die Freundschaft des Prinzen Jonathan (1. Sam 18,1-4; 20; 2. Sam. 1,23.25f) und avanciert zum Söldnerführer (1. Sam. 18, 5.13). Und schon bald überwiegt das Militärische ganz entschieden das Musikalische. Schließlich heiratet David auch noch, nach Überwindung einiger Schwierigkeiten, die Prinzessin Michal und wird damit Sauls Schwiegersohn (1. Sam. 18,17-27).
Eine Bilderbuchkarriere! Dann der Bruch: Saul verspürt im Laufe der Zeit zunächst ein leises Unbehagen, bald aber offene Furcht vor David. Er wittert in dieser jungen, glänzenden Gestalt einen Rivalen, vielleicht nicht gleich einen Rivalen um den Königsthron, wohl aber einen Rivalen um die Gunst des Volkes. Denn es gehörte unzweifelhaft zu den großen Gaben Davids, sich die Herzen der Menschen geneigt zu machen – und eben das war dem alternden, gemütskranken, von Jahwe verlassenen König ein Dorn im Auge. 1. Sam. 18,14-16: „David hatte Erfolg auf allen seinen Wegen, weil Jahwe mit ihm war. Als Saul sah, dass er viel Erfolg hatte, bekam er Angst vor ihm. Ganz Israel und Juda aber liebte David, weil er an ihrer Spitze aus- und einzog.“
Dieser Erfolg David war hauptsächlich militärischer Art, und der wachsende Zorn Sauls ist begreiflich, wenn er hören muss, wie die Frauen in Israel dem von Kriegszügen heimkehrenden David zurufen und zusingen: „Saul hat seine Tausende geschlagen, David aber seine Zehntausende!“ (1. Sam 18,7) Mobbing am Königshof!
Die Lage wird unhaltbar, und es kommt zum Bruch, zum Ausscheiden Davids aus dem Dienst des Königs, mehr noch: zur Flucht Davids vor Saul und seinen Häschern.
Diese Ereignisse werden im Erzählwerk von Davids Aufstieg in höchst lebendigen Farben geschildert: oft sagenhaft und in der Rückschau aus einer Zeit, als David den Zenith seiner Laufbahn längst erreicht hatte und das Rankenwerk der Legende seine Person zu umspinnen begann (1. Sam. 18,28 – 26,25). Dem Leser drängt sich, von den Erzählern beabsichtigt, die bange Frage auf: Wie soll aus diesem armen und doch großmütigen Flüchtling etwas werden? Wie soll aus ihm gar ein König werden? Und es vermindert den Reiz und die Spannung nicht im geringsten, dass der Leser die Antwort immer schon weiß.
In dieser Situation erfolgt die entscheidende Wende im Frühstadium der Laufbahn Davids. Es geschieht wieder einmal das gerade nicht, was man eigentlich hätte erwarten sollen. Nichts hätte ja näher gelegen, als dass David nach seiner Flucht vor Saul in den Schoß seiner bethlehemitischen Familie zurückkehrt und ein Bauer wird, wie es seine Väter gewesen sind. Eigentlich hatte er allen Anlass, seine politische Karriere als beendet zu betrachten. Was aber tut David? Er geht ins judäische Gebirge und setzt dort das Kriegshandwerk fort.
Zu diesem Zweck bildet er eine Söldnergruppe, die in 1. Sam. 22,2 so beschrieben wird: „Da sammelten sich bei ihm allerlei Bedrängte, sowie jedermann, der einen Gläubiger hatte und allerlei Leute mit verbittertem Gemüt, und er wurde ihr Anführer, ungefähr vierhundert Mann schlossen sich ihm an.“ Sehr Vertrauen erweckende Leute sind das wohl nicht, vielmehr armes und niedriges Volk, wirtschaftlich gescheiterte und sozial heruntergekommene Existenzen, dunkle Gestalten. Aber eine Tugend haben diese Dunkelmänner: Sie sind ihrem Anführer David treu ergeben und gehen mit ihm durch dick und dünn.
Mit diesen Männern also zieht David unstet im Hügelland und im judäischen Gebirge herum. Und – klug wie er ist – liegt ihm viel daran, ein gutes, nach Möglichkeit ungetrübtes Verhältnis zu den Judäern zu gewinnen. Zielstrebig betreibt er eine geschickte Heiratspolitik: ehelicht die Achinoam aus dem südlichen Iesreel (Lage unbekannt, 1. Sam. 25,43) und die kluge Witwe Abigail aus Maon (Tell Maìn), die freilich nicht ohne Davids Zutun Witwe geworden war und eben dies auch so gewollt hatte (1. Sam. 25,2-42). Mord zur Eheanbahnung?! Das glänzende Bild des angehenden Königs bekommt die ersten Flecken.
Man hat Davids Existenz in dieser Periode seiner Laufbahn mit den italienischen Condottieri der Renaissance verglichen, die sich mit ihrem Militär in den Dienst der Fürsten stellten und sich zu allerlei ehrenhaften und unehrenhaften Unternehmungen brauchen oder missbrauchen ließen. Genau das tut nämlich auch David: Nachdem er einige Zeit selbständiger Räuberhauptmann gewesen ist und Konflikte seiner Söldner mit den Bauern des Gebirges trotz aller Mühe nicht ganz hat vermeiden können, tritt er in den Dienst des Philisterfürsten Achisch von Gath (1. Sam. 27), wird philistäischer Vasall und beweist damit zumindest, dass ihm nichts ferner liegt als nationale Ressentiments. Dass Sauls Staatswesen einst gegen die Philister gegründet worden war, behindert ihn keineswegs. Sein Dienstherr gibt ihm die Stadt Ziklag als Lehen und David wird dort Herrscher von Philister Gnaden. Seinem Prestige tut das freilich keinen Abbruch: Über den Schönheitsfehler, dass er in philistäischen Diensten steht, sieht man hinweg, lässt er doch deutlich erkennen, für wen sein Herz eigentlich schlägt, und dass er Manns genug ist, die philistäische Vasallenschaft eines Tages auch wieder loszuwerden.
So ist Davids Aufstieg – auch ganz menschlich gesehen – nicht mehr aufzuhalten und seine Erhebung zum König liegt in der Luft! Da entbehrt es nicht einer gewissen Ironie, dass die Philister als Steigbügelhalter dazu einen bescheidenen, aber wirksamen Beitrag leisten.
In diesem Stadium der Dinge ereignet sich nämlich im Norden die Katastrophe Sauls. Ohne Zutun Davids zum Glück. David wird durch ein spürbares Misstrauen der Philister davor bewahrt, gegen seinen eigenen König zu Felde ziehen zu müssen (1. Sam. 29), was ja vermutlich auch das Ende seiner politischen Laufbahn zumindest im Norden bedeutet haben würde. Er befindet sich auf einer Strafexpedition gegen die Amalekiter im Süden (1. Sam. 30), als Saul stirbt. Was für ein Glück!
Doch als er die Nachricht vom Tode Sauls erfährt, kehrt er nur für kurze Zeit nach Ziklag zurück und begibt sich dann schnell ins Gebirge nach Hebron. David verfügt über eine politische Witterung großen Formats, die ihm sagt, dass die alte Rivalität zwischen Nord und Süd jetzt nach dam Tode Sauls vielleicht zu Entwicklungen führt, die für ihn selbst nur günstig sein konnten.
Und in der Tat, er braucht nicht lange zu warten. 2. Sam. 2,1-4: „Danach fragte David bei Jahwe an: Soll ich in eine der Städte Judas ziehen? Jahwe antwortete ihm: Ja! Als dann David fragte: Wohin soll ich ziehen? antwortete er: nach Hebron. So zog denn David dort hin mit seinen beiden Frauen, Achinoam aus Jesreel und Abigail, der Frau des Nabal, aus Karmel. Auch ließ David seine Leute, die er bei sich hatte, jeden mit seiner Familie hinaufziehen, und sie wohnten in den Ortschaften um Hebron. Da kamen die Männer von Juda und salbten David dort zum König über das Haus Juda.“
Kein Wort davon, dass David eigentlich doch schon längst König war! Kein Wort von Samuel und seinem göttlichen Auftrag aus 1. Samuel 16. Eine ganz menschliche Geschichte! Ein völlig weltliches, aus sich heraus verständliches Geschehen – allenfalls verborgen gelenkt vom Willen Gottes, der gerade diesen David auf dem Thron seines Volkes haben wollte. Und erkennbar wird dieses verborgene Wirken Gottes erst im Nachhinein, in der späteren theologischen Deutung der ganz normalen „Zufälle“ eines mehr oder weniger normalen Lebens.

Wenn ich ehrlich bin, erlebe ich mich selbst und mein Leben oft ganz genau so! Da passiert meist nichts „Besonderes“. Da lebe ich in den gleichen „weltlichen“ Zusammenhängen wie alle anderen auch, in den gleichen Strukturen und Kausalitäten. Da gibt es keinen besonders „geistlichen“ Bereich, in dem es irgendwie „wunderbarer“ zuginge als im normalen Alltag.
Nein, der normale Alltag ist das Wunder! Dass aus dem, was ich kann und tue, aus dem, was ich bin und habe, am Ende vielleicht etwas wird, das in den Augen Gottes Bestand hat, das ist das Wunder. Und dieses Wunder geschieht in meinem ganz normalen Leben – oder es geschieht gar nicht.
Für mich ist genau das das Faszinierende an der Gestalt Davids: Wenn ich seine Geschichte lese, dann erscheint mir dieser David über weite Strecken als wenig „königlich“. Zumindest entspricht er nicht dem Bild, das ich von einem König habe, der Gott recht sein könnte. Mord und Totschlag, Kriegstreiberei und Ehebruch gehören eben genau so zu diesem Bild wie Harfenspiel und Psalmendichterei. Ein sehr facettenreiches und durch und durch widersprüchliches, gebrochenes Bild entfaltet sich da. David – und das ist das Faszinierende an biblischer Geschichtsschreibung – ist eben nicht der strahlender Held, der nur das Gute will und tut. Er ist kein Mann Gottes „ohne Fehl und Tadel“. Er ist ein ganz normaler Mensch, mit Stärken und Schwächen, mit guten und schlechten Seiten, mit geistlichen Höhenflügen und abgrundtiefer Schuld.
Und genau mit diesem Menschen verhilft Gott seinem Volk zu einer Blütezeit. Mit diesem Menschen bereitet er sein endgültiges Heil für uns und seine Welt vor: Schließlich wird Jesus, der Sohn Gottes, 1000 Jahre später als einer aus dem Geschlecht Davids, als „Sohn Davids“ geboren.
Aber Gott greift, um seine Ziele zu erreichen, eben nicht von außen in unser Leben ein. Da taucht kein alter Seher auf, gießt uns Öl über das Haupt und sagt: Irgendwann einmal wirst du König sein – und wir brauchen nur noch abzuwarten, wann das geschieht!
Nein. Gott mutet uns zu, dass wir unser Leben leben und unseren Weg gehen. Er zwingt uns nicht seinen Weg und Willen auf, er verbiegt uns nicht, er manipuliert nicht unser Handeln. Aber er ist – das ist meine feste Überzeugung – das Herz aller Dinge. Er gestaltet unser Leben und den Lauf der Welt von innen heraus. Er ist die Mitte, die alles prägt und trägt, allen Zufällen und Kausalitäten des Lebens Sinn und Bedeutung verleiht. Oft erst im Nachhinein. Und manchmal so, dass wir es beim besten Willen nicht begreifen, sondern nur gegen den Augenschein darauf vertrauen und es glauben können.
Doch dass Gott genau so ist und handelt, das macht mir Mut für mein eigenes Leben! Schließlich erlebe ich mich selbst oft auch als wenig „königlich“. Und genau wie bei David ist auch bei mir nicht nur das, was vor Augen ist, wenig königlich, sondern oft genug auch das, was innen drin passiert: im Herzen, im Kern meiner Persönlichkeit. Und doch sieht Gott mein Herz an! Hält es in der Hand! Weiß, was in mir ist, und hat mich trotzdem lieb und gestaltet von innen heraus mein Leben.
Von außen betrachtet folgt dabei alles dem „normalen“ Lauf der Dinge. Von innen betrachtet sehe ich hin und wieder das verborgene Wirken Gottes. Und überall da, wo ich es nicht sehe, versuche ich wenigstens darauf zu vertrauen, dass es da ist – so schwer das manchmal auch fällt.
Und ein letztes: Genau so, wie ich Gott mit David umgehen sehe in der biblischen Geschichte, genau so, wie ich ihn in meinem eigenen Leben erlebe als den, der mich durch und durch kennt und trotzdem liebt, mich nicht auf Oberflächlichkeiten reduziert, sondern tiefer schaut, bis ins Herz, genau so möchte ich andere Menschen anschauen und ihnen begegnen. Ich möchte Gott glauben, dass er auch ihr Leben von innen her trägt und prägt, dass er wirklich das Herz in allen Dingen ist – wie unansehnlich, wie wenig königlich, wie abstoßend mir vielleicht auch manches und manch einer erscheinen mag.
Ich möchte lernen, die Menschen und die Welt um mich herum mit den Augen Gottes zu sehen – so wie ich mich selbst mit dem Blick der Liebe aus den Augen und dem Herzen Gottes gesehen weiß.

(c) Volkmar Hamp