Die zehn Aussätzigen (Lukas 17,11-19)


Der amerikanische Journalist und Schriftsteller A.J. Jacobs hat ein Faible für existentielle Projekte: So las er sich zum Beispiel in einem Jahr durch sämtliche Bände der „Encyclopedia Britannica“. Das ist der „Große Brockhaus“ der Engländer. Die Erfahrungen, die er dabei gemacht hat, hielt er in seinem Buch „Britannica und ich“ fest.
Vor kurzem ist nun ein neues Buch von Jacobs erschienen. Es heißt „Die Bibel und ich“ und Jacobs beschreibt darin seinen neuesten „Selbstversuch“: ein Jahr lang konsequent nach den Geboten der Bibel zu leben!
Zunächst einmal liest er die ganze Bibel. Wirklich die ganze! Jedes Wort! Altes und Neues Testament.
Dabei notiert er sich alle Gebote, die er im Buch der Bücher findet. Er kommt auf etwa 700 direkte Anweisungen, die es zu befolgen gilt – und macht sich sofort an die Arbeit:
Er lässt sich einen Bart wachsen, begrüßt den Beginn jedes neuen Monats mit einer Widderhorn-Fanfare und eröffnet eines morgens seiner Frau beim Frühstück, dass er ab sofort den Zehnten entrichten werde.
Er geht mit der festen Absicht in den Central Park, Ehe- und Sabbatbrecher zu steinigen. So richtig bringt er das dann allerdings doch nicht übers Herz, aber er schafft es immerhin, ein paar leichte Kieselsteine aufzuheben und sie den Sündern auf die Schuhe zu werfen.
Er trifft fundamentalistische Christen, tanzt mit chassidischen Juden und reist nach Israel.
Die letzten Monate seines Experiments sind dem Neuen Testament gewidmet. Und trotz vieler merkwürdiger Begegnungen und scheinbar absurder Gesetze versteht A.J. Jacobs allmählich, welcher Sinn hinter dem Buch der Bücher steht. Am Ende seines ganz persönlichen biblischen Jahres ist er zwar nicht gläubig, aber auf jeden Fall klüger geworden: ein toleranterer Mensch, der sich und anderen mehr Respekt entgegenbringt.
Auf die Frage, welches biblische Gebot ihm am meisten Mühe bereitet oder welche Erfahrung ihm am meisten bedeutet habe, zitiert Jacobs einen Vers aus dem 1. Thessalonicherbrief: „Seid dankbar in allen Dingen!“ (1 Thess 5,18) Dieser Satz aus 1. Thessalonicher 5,18 sei für ihn der am schwersten zu befolgende – und zugleich der wichtigste gewesen!

Seid dankbar in allen Dingen? Geht das denn überhaupt? Kann man das? Fällt es uns nicht schon manchmal schwer, dankbar zu sein, wenn es uns gut geht?! Und jetzt auch noch „in allen Dingen“?
Ich lese dazu eine Geschichte aus dem Neuen Testament. Ihr findet sie in Lukas 17,11-19:

Und es geschah auf der Wanderung nach Jerusalem, als er längs der Grenze zwischen Samarien und Galiläa hinzog, da kamen ihm beim Betreten eines Dorfes zehn aussätzige Menschen entgegen, die in der Ferne stehen blieben. Und sie erhoben ihre Stimme und riefen: Jesus, Meister, erbarme dich unser! Und als er sie sah, sagte er zu ihnen: Geht und zeigt euch den Priestern! Und es begab sich, während sie hingingen, wurden sie rein.
Einer aber von ihnen, der sah, dass er geheilt worden war, kehrte zurück, indem er mit lauter Stimme Gott pries, warf sich aufs Angesicht zu seinen Füßen und dankte ihm; und das war ein Samariter.
Da antwortete Jesus und sprach: Sind nicht die Zehn rein geworden? Wo sind aber die Neun? Haben sich keine gefunden, die zurückgekehrt wären, um Gott die Ehre zu geben, als nur dieser Fremde?
Und er sprach zu ihm: Steh auf und geh hin! Dein Glaube hat dich gerettet.

So weit der Bibeltext. Eine der ersten und wichtigsten Fragen, die man an solch eine biblische Geschichte richten kann und soll, ist die Frage: Wozu? Wozu wird diese Geschichte erzählt? Warum ist sie aufgeschrieben und überliefert worden?
Bei diesem Text ist das, denke ich, klar: Die Geschichte wird erzählt, damit wir nicht vergessen „Danke“ zu sagen, wenn uns etwas Gutes widerfährt. Wenn wir Glück haben, wenn in unserem Leben ein Wunder geschieht, dann sollen wir dafür „Danke“ sagen. Und die richtige Adresse für diesen Dank ist Gott!
Einer meiner theologischen Lehrer, der Neutestamentler Gerd Theißen, hat das einmal so formuliert: „Glauben ist die Gabe, Glück in Dankbarkeit gegen Gott zu verwandeln.“
Wir sollen uns also mit dem einen Dankbaren in dieser Geschichte identifizieren – nicht mit den neun anderen, die das Danken vergessen haben.
Aber so einfach scheint das nicht zu sein, denn sonst bräuchten wir nicht daran erinnert und diese Geschichte bräuchte nicht erzählt zu werden!
Ich weiß nicht, wie euch das geht – mir gelingt das mit der Dankbarkeit Gott gegenüber oft nur sehr bedingt. Da ist diese Geschichte sozusagen ein Spiegelbild meiner Seele: Es kommt vor, dass mir in 90% meines Lebens nicht nach Danken zumute ist. Und es gab und gibt Zeiten, da sind es 100%.
Soll ich dann trotzdem dankbar sein? In allen Dingen?

Stellt euch einmal vor, wir könnten einen von den neun, die nicht zurückkamen, fragen, warum er denn so „undankbar“ war!
Vielleicht würde er sagen: Ich schämte mich! Ich schämte mich meines Glücks! Nachdem ich von Jesus geheilt worden war, kam ich an so vielen Kranken vorbei, denen es nicht so ergangen ist wie mir: die nicht geheilt wurden, die immer noch wie Aussätzige behandelt und ausgegrenzt werden.
Wie kann ich da dankbar sein? Wie kann ich einem Gott Danke sagen, der scheinbar vollkommen willkürlich die einen mit Glück überschüttet und die anderen links liegen lässt?
Einer eurer modernen Liedermacher (Klaus Hoffmann) hat das sehr schön ausgedrückt:

Den einen rennt das Glück die Tür zum Leben ein
und jeder Schritt bedeutet Hauptgewinn.
Und andere, die stolpern Tag für Tag
und fallen letztlich immer wieder hin.

Ihr feiert heute Erntedank – und gleichzeitig verhungern irgendwo anders auf dieser Welt Menschen! Da ist mir einfach nicht nach Dank zumute, eher nach Klage, nach Aufschrei, nach Protest!

Was könnten wir einem solchen Menschen antworten?
Wir könnten ihm sagen: Du hast recht! So denken wir manchmal auch. Lass uns gemeinsam klagen, denn die Klage hat vor Gott genauso ihr Recht und ihren Raum wie der Dank.
Ja, man könnte sogar sagen: Klage und Dank haben eine gemeinsame Wurzel, denn beiden geht es um das Leben! Überall da, wo Leben verhindert oder zerstört wird, ist das ein Grund zu klagen. Und überall da, wo Leben gelingt und gefördert wird, haben wir Grund zu danken. Wer nicht von Herzen klagen kann, der kann auch nicht von Herzen danken! Und Gott, der ein Gott des Lebens ist, ist die richtige Adresse für beides: für unsere Klage und für unseren Dank!


Könnten wir einen zweiten aus der Gruppe der neun fragen, die nicht zurückgekommen sind, so würde der vielleicht sagen:
Danken? Gott danken? Nein, danke! Genauso schlimm wie unsere Krankheit war doch, dass wir wegen dieser Krankheit ausgegrenzt wurden. Niemand wollte etwas mit uns zu tun haben. Wir waren Aussätzige, Ausgestoßene – und das im Namen der Religion!
Und jetzt soll ich zurückkehren in die Arme eines Gottes, in dessen Namen man mich jahrelang ausgegrenzt hat? Nein. Mein Weg in ein neues Leben ist ein Weg weg von Gott und jeder Religion.
Und mir fällt dazu auch ein Lied von eurem modernen Liedermacher (Klaus Hoffmann) ein:

Kann nicht verzeihn. Kann es nicht lassen.
Die Vergangenheit liegt in mir wie ein Stein.
Sie friert mir langsam Herz und Seele ein.
Kann nicht verzeihn.

Will nicht verzeihn. Will nicht vergessen.
Alte Schläge sollten längst verwunden sein.
Doch in den Träumen fallen sie mir wieder ein.
Will nicht verzeihn.

Was könnten wir einem solchen Menschen antworten?
Dass das mit Jesus und dem Glauben an ihn etwas anderes ist? Aber wurden und werden nicht auch im Namen Jesu und des Christentums jede Menge Gräueltaten vollbracht.
In Südafrika zum Beispiel, da gilt in vielen Gemeinden eine AIDS-Infektion immer noch als Strafe Gottes. Und seien wir ehrlich: Manchmal denken wir hier in Deutschland doch ganz genauso.
Mit Jesus hat das nichts zu tun. Das ist richtig. Und vielleicht wäre das eine erste Antwort: Jesus lässt sich für solche Diskriminierungen nicht in Anspruch nehmen! Er hat sehr bewusst religiöse Vorschriften missachtet, wenn Menschen unter diesen Vorschriften litten: Er hat am Sabbat Kranke geheilt, hat mit Zöllnern und Sündern gegessen und immer wieder betont, dass die Gebote Gottes für den Menschen da sind und nicht der Mensch für die Gebote!
Vielleicht können wir aber auch noch einen Schritt weiter gehen. Denn immer dann, wenn wir Gott Danke sagen für das, was uns im Leben an Gutem widerfährt, dann nehmen wir einen Teil der Wirklichkeit dieser Welt und bringen sie in die Gegenwart Gottes. Jedes Dankeschön an Gott macht deutlich: Wir selbst und alles, was um uns herum ist und geschieht, gehören nicht uns selbst und keiner Macht dieser Welt, sondern dem, der uns und alles, was ist, geschaffen hat und liebt.
Darum werden wir überall da, wo wir selbst, andere Menschen oder die Schöpfung missachtet werden, aufstehen und – im Namen Gottes – protestieren. So verändert das Danken unser Denken.
Wer Gott am Morgen für sein Frühstücksei oder für die Wurst auf seinem Brot dankt, dem wird es nicht gleichgültig sein, unter welchen Bedingungen die Geschöpfe Gottes leben, die für die Produktion dieser Lebensmittel gebraucht werden.
Wer Gott für sein Handy oder seinen Computer dankt, dem sind die Umstände nicht egal, unter denen sein IT-Equipment von billigen Arbeitskräften in China zusammengebaut wird.
Wer in jedem Kind ein Geschenk Gottes an diese Welt sieht, der wird anders mit Kindern umgehen, als jemand, für den Kinder nur „Nachwuchs“ oder zukünftige Beitragszahler für die Rentenkasse sind.
Wenn wir Gott danken, verändert das unser Denken – und das tut uns selbst und dieser Welt gut!


Vielleicht ist da noch ein Dritter, den wir fragen könnten, warum er nicht zurückgekommen ist, um Jesus für seine Heilung zu danken.
Vielleicht sagt der: Ich habe mich nicht getraut. Ich habe mein Leben lang als Ausgestoßener auf der Verliererseite verbracht. Jetzt möchte ich endlich einmal zur Mehrheit gehören. Und die Mehrheit hat sich nun mal gegen Gott entschieden.
Schaut euch doch den einen an, der zurückgekommen ist! Was war das denn für einer? Ein Samariter, ein Ausländer, ein Fremder. Ein Ausgestoßener unter Ausgestoßenen. Soll ich mich zu dem gesellen und mich damit wieder selbst an den Rand der Gesellschaft manövrieren?

Was könnten wir einem solchen Menschen sagen?
Ja, müssten wir wohl sagen, da hast du Recht! Als religiöser Mensch – und dann noch als Christ! – bist du Teil einer Minderheit. Zumindest hier bei uns in Deutschland ist das so. Wir leben in einer weitgehend säkularisierten Gesellschaft. Wer hier an Jesus glaubt, wird schnell als weltfremder Spinner abgetan.
Aber willst du über das, was du denkst oder glaubst oder wie du lebst, die Mehrheit entscheiden lassen? Oder entscheidest du das selbst? Willst du ein Rädchen oder Sand im Getriebe dieser Welt sein?
Du wirst gebraucht! Gerade du! Denn du weißt, wie das ist, ausgegrenzt und an den Rand gedrängt zu werden! In der Mitte, bei der Mehrheit, lebt es sich vielleicht bequemer – aber wenn du wirklich etwas verändern, wenn du einen Unterschied machen willst in dieser Welt, dann musst du dich wohl oder übel an den Rand bequemen. Dort sind, die Menschen, die dich brauchen!


Und genau an dieser Stelle wird uns vielleicht ein vierter von denen, die nicht zurückgekommen sind, unterbrechen und sagen: Genau das ist es! Genau das ist der Grund, warum ich nicht zurückgekommen bin, um Jesus zu danken.
Ich habe darüber nachgedacht. Ehrlich. Aber ich habe gewusst: Wenn ich das mache, dann werde ich gleich vereinnahmt und muss etwas tun, um meine Dankbarkeit zu zeigen.
Ich weiß doch, wo das endet: Von einem geheilten Samariter erwartet jeder sofort, dass er auch zum barmherzigen Samariter wird - und sich um andere Menschen kümmert. Und darauf habe ich echt keinen Bock!
Habe ich nicht jetzt, wo ich endlich geheilt bin, das Recht, mein Leben zu genießen? Mich einmal nur um mich selbst zu kümmern – und um niemand sonst! Nicht um Gott und nicht um andere Menschen.


Und wie diese vier hätten vielleicht auch der fünfte, sechste, siebte, achte und neunte gute und verständliche Gründe, warum sie nicht zu Jesus zurückgekommen sind, um ihm zu danken.
So wie wir selbst manchmal gute Gründe haben, warum es uns schwer fällt, unsere Dankbarkeit Gott und Menschen gegenüber zum Ausdruck zu bringen.


Darum möchte ich zum Schluss den einen zu Wort kommen lassen, der dankbar war – und das auch zeigen konnte. Fragen wir ihn: Warum lobst du Gott? Warum lobst du ihn, obwohl die anderen fehlen?

Vielleicht sagt der: Genau das ist der Grund! Genau darum lobe ich Gott: weil die anderen fehlen!
Ich will stellvertretend loben und klagen für die vielen anderen, die nicht wissen, wohin mit ihrer Klage und mit ihrem Dank! Nicht gegen sie, sondern für sie.
Ich will stellvertretend loben und klagen für die, die sich in ihrem Leben ausgeschlossen und an den Rand gedrängt fühlen, heimatlos und aussätzig.
Ich will stellvertretend loben und klagen für die, die traurig sind, aber verlernt haben zu weinen.
Ich will stellvertretend loben und klagen für die, die von Glück überwältigt sind, aber ihr Glück nicht in Dank verwandeln können.

Ich weiß: Ich bin nicht allein damit. Überall auf der Erde loben und klagen Menschen wie ich. Und jedes Lob, jede Klage überall auf der Welt, in allen Konfessionen und Religionen, ist Teil eines großen Dialogs, den Gott mit dieser Welt und mit uns Menschen führt.
Jedes Lob, jede Klage ist eine Antwort auf Gottes Sehnsucht nach uns. Und es tut einfach gut, ein Teil dieser Antwort zu sein!

(c) Volkmar Hamp
nach einer Idee von Gerd Theißen, Die offene Tür. Biblische Variationen zu Predigttexten. München 1990.