Gottes Geist ist wie der Wind
Predigt für einen Familiengottesdienst zu Pfingsten
(Apostelgeschichte 2; Genesis 1,1-2; 1 Könige 19,11-13; Markus 1,-9-11)



Pfingsten. Das Fest im Kirchenjahr, an dem wir das Kommen des Geistes Gottes in diese Welt feiern. Ein komisches Fest.

Weihnachten, da haben wir das Kind in der Krippe, Maria und Josef, die Weisen und die Hirten mit ihren Schafen, Ochs und Esel im Stall, die Engel. Das ist ein schönes Fest. Gott wird Mensch und kommt uns Menschen nah.
Auch Karfreitag und Ostern gibt es etwas zu sehen: das Kreuz, das leere Grab, den Auferstandenen. Weil Gott seinen Sohn nicht dem Tod überlässt, können wir an Auferstehung glauben.
Aber Pfingsten? Ein Sturm und Feuerzungen und Leute, die plötzlich in fremden Sprachen reden? Heiliger Geist? Wie sollen wir das verstehen? Und was hat das mit uns zu tun?

Um darüber nachzudenken, möchte ich euch auf eine kleine Reise mitnehmen. Eine Reise zu drei Geschichten aus der Bibel. Und damit das ein bisschen spannender ist, habe ich euch drei Fotos mitgebracht. Jedes dieser Fotos steht für eine von diesen biblischen Geschichten, die alle etwas mit unserem Gottesdienstthema zu tun haben: „Gottes Geist ist wie der Wind“.
Eure Aufgabe ist es nun herauszufinden, um welche biblischen Geschichten es sich handelt. Ich werde dann bei jedem Bild und jeder Geschichte etwas – hoffentlich – „Geist-reiches“ über den Geist Gottes sagen.


Hier kommt das erste Foto:


wazabi / photocase.com

Genesis 1,1-2:
Am Anfang schuf Gott Himmel und Erde. Und die Erde war wüst und leer, und es war finster auf der Tiefe; und der Geist Gottes schwebte auf dem Wasser.

Ganz am Anfang der Bibel, gleich im zweiten Vers, ist also schon vom „Geist Gottes“ die Rede. Noch bevor Gott sein Schöpfungswerk beginnt, ist er da.
Eigentlich müsste ich sagen: „ist sie da“. Denn das Wort ruach, das hier im Hebräischen steht, ist weiblich. Viele Wörter, die im Deutschen männlich sind, sind in anderen Sprachen weiblich – und umgekehrt. So sagen wir zum Beispiel „Der Mond“, und die Franzosen sagen „la lune“, eigentlich „die Mondin“.
Das hebräische Wort für „Geist“ ruach – also eigentlich: „Die Geistin“ – kann aber auch so viel bedeuten wie „Atem“, „Hauch“, „Sturm“ und „Wind“. Statt „Der Geist Gottes schwebte auf dem Wasser“ könnte man diese Stelle ganz am Anfang der Bibel also auch übersetzen mit „Ein großer Wind wehte über das Wasser“ oder – ganz wörtlich – „Gottessturm bewegte sich über der Wasserfläche“.

Gottes Geist ist wie der Wind. Von diesem Vers ganz am Anfang der Bibel in der Schöpfungsgeschichte her heißt das: Gottes Geist hat etwas mit der Schöpfung zu tun.
Der Geist Gottes, das ist Gott in Aktion. Da, wo Gott mit seinem Geist anwesend ist, da geschieht etwas, da entsteht etwas, da kommt etwas Neues in die Welt.
Wenige Verse später wird erzählt, wie Gott den Menschen schuf: „Da machte Gott, der Herr, den Menschen aus Erde vom Acker und blies ihm den Atem des Lebens in seine Nase. So wurde der Mensch ein lebendiges Wesen.“ (Genesis 2,7)

Dass wir leben, dass wir ein- und ausatmen – Minute um Minute, Jahr um Jahr –, das ist Wirken des Geistes Gottes in dieser Welt. Gottes Geist ist der Schöpfergeist. Er ist der Geist des Lebens (Jürgen Moltmann).

Da war einmal ein Bauer, der wollte nicht mehr davon abhängig sein, wie das Wetter zufällig wurde. Er meinte, eine richtige Planung des Wetters, von Sonne und Regen würde ihm mehr Ertrag bringen.
Also ging er zu Gott und sagte: „So wie du das Wetter machst, das passt mir nicht. Da ist mein Ertrag viel zu sehr von Zufällen abhängig. Lass mich doch einmal ein ganzes Jahr lang das Wetter bestimmen.“
Gott ließ sich darauf ein, und so plante der Bauer sorgfältig jeden Regentag, den Sonnenschein und die richtige Temperatur. Das Korn gedieh prächtig und wuchs heran. Der Bauer freute sich auf die gute Ernte.
Aber was musste er zu seinem Entsetzen feststellen? Keine einzige Ähre trug Frucht. Jede war leer. In seinem Übereifer hatte er nämlich den Wind vergessen.

So wie der Wind in der Natur mit dafür sorgt, dass die Pflanzen bestäubt werden und Frucht bringen können, so sorgt der Geist Gottes dafür, dass das, was Gott sich Gutes ausgedacht hat für diese Welt und für uns Menschen, auch Wirklichkeit wird.
Wo immer unter uns etwas geschieht, das dem Leben dient und das Leben fördert, da können wir die „Geistes-Gegenwart“ Gottes spüren: in jedem freundlichen Wort, in jeder tröstlichen Umarmung, in jedem herzlichen Lachen, überall da, wo Menschen sich nach einem Streit versöhnen. Gottes Geist ist wie der Wind: ein Geist des Lebens.


Hier das zweite Foto:


triple seVen / photocase.com

1. Könige 19,11-13:
Der Herr sprach: Geh heraus und tritt hin auf den Berg vor den Herrn! Und siehe, der Herr wird vorübergehen. Und ein großer, starker Wind, der die Berge zerriss und die Felsen zerbrach, kam vor dem Herrn her; der Herr aber war nicht im Winde. Nach dem Wind aber kam ein Erdbeben; aber der Herr war nicht im Erdbeben. Und nach dem Erdbeben kam ein Feuer; aber der Herr war nicht im Feuer. Und nach dem Feuer kam ein stilles sanftes Sausen. Als das Elia hörte, verhüllte er sein Antlitz mit seinem Mantel und ging hinaus und trat in den Eingang der Höhle. Und siehe, da kam eine Stimme zu ihm und sprach: Was hast du hier zu tun, Elia?

Gottes Geist ist wie der Wind. In der Pfingstgeschichte ist von einem Brausen die Rede, von einem gewaltigen Wind, der plötzlich das Haus erfüllte. Ganz ähnlich Psalm 29 (in einer kindgemäßen Übersetzung):

„Du starker, großer Gott.
Deine Stimme ist über dem mächtigen Wasser.
Deine Stimme ist wie Donner.
Deine Stimme ist so stark, dass Berge hüpfen.
Deine Stimme ist wie ein Wirbelwind, dass die Bäume tanzen.
So stark bist du, Gott!
Gib auch mir von deiner riesengroßen Kraft!“

(Regine Schindler / Arno, Im Schatten deiner Flügel. Die Psalmen für Kinder. © Patmos Verlag Düsseldorf 2005, Seite 28)

Manchmal ist Gottes Geist wie ein Wind, der alles durcheinander wirbelt. Manchmal brauchen wir das, damit sich in der Kirche und in dieser Welt etwas bewegt. Damit es voran geht mit Gott und seinem Reich. Damit etwas von seiner Herrschaft sichtbar wird. Damit die Welt ein bisschen mehr so wird, wie Gott sie sich gedacht hat.
Aber manchmal macht uns das vielleicht auch Angst. Wenn Gott so groß und stark und mächtig ist – wie kann ich kleines Menschenkind da vor ihm bestehen? Sieht er mich überhaupt? Nimmt er mich wahr? Kümmert es ihn, wie es mir geht?
Oder sieht er nur das große Ganze und kümmert sich einen feuchten Dreck um mich?

Immer, wenn ich solche Fragen habe, dann erinnere ich mich an die Geschichte von Elia am Berg Horeb. Der hatte auch eine Menge Zweifel. Der hatte sich zu Gott gehalten. Der hatte für Gott gekämpft. Und was hat ihm das eingebracht? Isebel, die Frau von König Ahab, wollte ihn umbringen lassen. Er war müde, traurig und verzweifelt. Er fühlte sich allein gelassen. Auch von Gott. Am liebsten wollte er sterben.

Da kommt es am Berg Horeb zu einer Begegnung mit Gott. Ein Sturm zieht auf – aber Gott ist nicht im Sturm. Ein Erdbeben erschüttert den Berg – aber Gott ist nicht im Erdbeben. Ein Feuer zieht vorbei – aber Gott ist nicht im Feuer. Gott ist in dem stillen, sanften Sausen, das danach kommt.

Ich finde, dieser Text sagt etwas sehr Schönes und sehr Tröstliches über Gott und seinen Geist: Gottes Geist ist wie der Wind. Er kann uns aufrütteln und uns den Boden unter den Füßen wegziehen, wie ein Orkan.
Aber dem Wesen Gottes entspricht es weit mehr, uns zärtlich und liebevoll zu begegnen. Wie eine sanfte Brise, die in deinen Haaren spielt und deine Haut streichelt und dir sagt: Gott hat dich lieb. Er ist für dich da. Er ist der Wind in deinem Rücken, der dich voran bringt.


Hier das dritte Foto:


ruanorosa / photocase.com

Markus 1,9-11:
Da kam Jesus von Nazareth in Galiläa und ließ sich taufen von Johannes im Jordan. Und als er aus dem Wasser stieg, da sah er, wie sich der Himmel öffnete und der Geist Gottes wie eine Taube herabkam auf ihn. Und eine Stimme sprach vom Himmel: Du bist mein lieber Sohn, an dir habe ich Wohlgefallen.

Diese Geschichte kennt ihr alle: Jesus lässt sich von Johannes dem Täufer im Jordan taufen und der Geist Gottes kommt herab auf ihn „wie eine Taube“.
Ich weiß nicht, wie man sich das ganz genau vorstellen soll. So wichtig ist das, denke ich, auch nicht. Wichtig ist, was danach passiert: Danach beginnt Jesus sein öffentliches Wirken. Der Zimmermannssohn aus Nazareth wird zum Botschafter der anbrechenden Gottesherrschaft. „Die Zeit ist erfüllt, und das Reich Gottes ist herbeigekommen. Kehrt um und glaubt an diese gute Nachricht!“ Das sind im Markusevangelium die Worte seiner ersten Predigt (Markus 1,15).

Viel kürzer als meine, fürchte ich. Aber keine Sorge: Ich komme jetzt auch langsam zum Schluss – und bin eigentlich ganz froh, dass Jesu erste Predigt im Lukasevangelium auch etwas länger ausfällt. Sonst wüsste ich gar nicht, was das eigentlich bedeutet: „Das Reich Gottes ist herbeigekommen.“
Dort, im Lukasevangelium, liest Jesus nämlich bei seiner ersten Predigt den Leuten einen Bibeltext vor – so ähnlich wie hier bei uns heute Morgen auch. Einen Text aus dem Propheten Jesaja (Jesaja 61,1f):

„Der Geist des Herrn ruht auf mir, denn der Herr hat mich gesalbt.
Er hat mich gesandt, damit ich den Armen eine gute Botschaft bringe,
damit ich den Gefangenen die Entlassung verkünde und den Blinden das Augenlicht,
damit ich die Zerschlagenen in Freiheit setze und ein Gnadenjahr des Herrn ausrufe.“
(Lukas 4,18-19)

Und als die Leute ihn fragend anschauen, ob er ihnen dieses Bibelwort denn auch erklären kann, da sagt er nur: „Heute hat sich dieses Wort, das ihr eben gehört habt, erfüllt.“ (Lukas 4,21)

Wer wissen möchte, wie das aussieht, wenn der Geist Gottes in dieser Welt und bei den Menschen ankommt, der muss sich Jesus anschauen:
wie er Kranke heilt und sich Ausgestoßenen zuwendet,
wie er die Armen selig preist und den Reichen die Leviten liest,
wie er Geschichten vom Reich Gottes erzählt und andere Menschen in seine Nachfolge ruft,
wie er Menschen zu essen und zu trinken gibt und ihnen gleichzeitig hilft zu verstehen, dass Essen und Trinken nicht alles ist im Leben,
wie er seiner Überzeugung treu bleibt, auch als es schwierig wird für ihn,
und wie er noch am Kreuz denen vergibt, die ihn dorthin gebracht haben.

Wer wissen will, wie das aussieht, wenn der Geist Gottes einen Menschen bewegt, der muss sich Jesus anschauen.


Hier ein viertes Foto:


backyardpix / photocase.com

Gottes Geist ist wie der Wind. Zu diesem letzten Foto gehört keine biblische Geschichte mehr. Dazu möchte ich euch ein Gedicht vorlesen, das davon handelt. Es stammt von Werner Bergengruen, einem der großen deutschen Schriftsteller des letzten Jahrhunderts.


Preist den Wind!

Preist den Wind! Gott gab dem Winde
oberhalb der Erdenrinde
alles in sein Eigentum,
Alle Meere, alle Länder,
gab ihm Masken und Gewänder:
Tramontana und Samum,
Zephyr, Blizzard, Föhn und Bora,
Mistral, Eurus und Monsun;
Hurrikan, Passat und Ora
und Tornado und Taifun ...

Wälderdurchbrauser und Steppendurchschweifer,
dunkler Bläser und heller Pfeifer,
hetzt er Schwalbe und Kormoran,
wühlt in den Mähnen der jagenden Rosse,
schleudert er Drachen, Schiffe, Geschosse,
Adler und Geier aus ihrer Bahn.

Kerzenverlöscher und Flammenschürer,
Nebelzerteiler und Wolkenführer,
schäumiger Wellen johlender Freier,
Trinker der Tränen, Zerreißer der Schleier,
rauchblau, schwärzlich und hagelweiß,
Tücherbauscher,
Seelenberauscher,
kindlicher Spieler und zorniger Greis.

Ungebändigt im Springen und Streunen,
reißt die Dächer er von den Scheunen
und von den Herzen die Schwermut los,
kühner Beflügler, ewiger Dränger,
mächtiger Löser und Kettensprenger,
Felsenrüttler und Wipfelbeuger,
großer Zerstörer und größerer Zeuger,
Flötenruf und Posaunenstoß,
reisiger Feger des Himmelshauses,
Abbild des pfingstlichen Geistgebrauses –
preiset den Wind! Der Wind ist groß ...

(Aus: Werner Bergengruen, Gestern fuhr ich Fische fangen. © 1992 by Arche Verlag AG, Raabe + Vitali, Zürich.)

Amen

(c) Volkmar Hamp