„Das ist ein seltsames Gefühl!“
Von richtiger und falscher Scham


Scham ist ein seltsames und sehr mächtiges Gefühl!

Scham sorgt dafür, dass Menschen bestimmte, von der Gesellschaft gezogene Grenzen nicht überschreiten, weil sie sonst aus der Gemeinschaft – auf die sie doch angewiesen sind! – heraus fallen würden. Dies ist sozusagen ihre präventive (vorbeugende) Funktion. Grenzen bleiben gewahrt. Wurde – willentlich oder unwillentlich – eine solche Grenze überschritten, reagieren wir aber auch im Nachhinein mit Scham: Wir schämen uns für uns selbst und unser Verhalten oder – wenn jemand anders der „Schuldige“ ist – für ihn bzw. mit ihm. Dabei kann Scham von heftigen körperlichen Symptomen wie beschleunigtem Herzschlag, Erröten oder Schweißausbruch begleitet sein.


Soziologisch unterscheidet man zwischen „Scham-“ und „Schuldkulturen“:


In einer Schamkultur muss sich der Geschädigte selber um Wiedergutmachung kümmern. Scham hat zu empfinden, wem Unrecht zugefügt wurde. In einer solchen Kultur gilt nicht ein ruhiges Gewissen, sondern die öffentliche Wertschätzung als höchstes Gut. Demzufolge sind Vergehen, die niemand bemerkt, hier kein Grund sich zu schämen.
In einer Schuldkultur hingegen sollte Scham empfinden, wer Unrecht begangen hat. Das eigene Verhalten wird also durch das Gewissen kontrolliert. Dabei ist es nicht von Belang, ob andere das eigene Vergehen bemerkt haben oder nicht. Als höchstes Gut wird in einer solchen Kultur das ruhige Gewissen betrachtet.
Diesen Definitionen zufolge kennen alle Gesellschaften (wenn auch höchst unterschiedliche) Gegenstände der Scham, sind also „Schamgesellschaften“, während nur einige darüber hinaus auch „Schuldgesellschaften“ sind.
Unsere Gesellschaft hat sich in den letzten Jahren und Jahrzehnten – im Gegensatz zu früheren Zeiten – wieder stark in Richtung „Schamgesellschaft“ entwickelt: Das Hauptproblem der meisten Menschen, sagen uns die Religionssoziologen, ist heute nicht mehr Schuld, sondern Scham. Sie fragen nicht, wie Martin Luther das einst tat: „Wie kriege ich einen gnädigen Gott?“, sondern: „Wie viel bin ich wert?“ – vor mir selbst (Selbstwertgefühl), in den Augen anderer (Anerkennung, Wertschätzung) und, wenn sie denn an ihn glauben, auch vor Gott (Liebt Gott mich wirklich so, wie ich bin?).


Entwicklungspsychologisch betrachtet sind Nacktheit und Scham eng miteinander verbunden.

„Körperscham“ gibt es in allen Kulturen, auch bei den so genannten „primitiven“. Sie gehört offenbar zum Wesen des Menschen. Und sie hat nach Ansicht von Verhaltensforschern im Erwachsenenalter auch eine wesentliche Funktion: Das Schamgefühl und damit die Intimität des Geschlechtslebens verstärken die Paarbindung der Menschen. Die Scham trägt also dazu bei, die Zweierbeziehung zu stabilisieren.
Anfangs, im Paradies, waren Adam und Eva zwar nackt, aber „sie schämten sich nicht“ (Genesis 2,24). Das taten sie erst, nachdem sie vom Baum der Erkenntnis gegessen hatten (Genesis 3,7.10). Auch Kinder brauchen eine bestimmte „Erkenntnis“, um sich schämen zu können. Nämlich die, dass sie eigenständige Personen sind, nicht eins mit der Mutter. Denn man schämt sich ja nur, wenn es ein Gegenüber gibt, vor dem man sich schämt!
Dieses „Selbst-Bewusstsein“ haben Kinder im Alter von 18 bis 24 Monaten erlangt. Doch erst, wenn sie in ihrer Denkentwicklung eine bestimmte Stufe erreicht haben und auch Regeln des Miteinanders verstehen können, setzt die Scham ein. Das ist mit fünf bis sechs Jahren der Fall. Ab diesem Alter passiert es, dass sich Kinder vor ihren Eltern nicht mehr so gern nackt zeigen. Nach dem Baden flitzen sie ganz schnell an Vater oder Mutter vorbei in ihr Zimmer, um sich dort unbeobachtet anziehen zu können. Später, vielleicht mit neun oder zehn, lassen sie keinen mehr mit ins Badezimmer.
Natürlich spielt hierbei auch die Erziehung eine große Rolle! Intuitiv schränken Eltern die Nacktheit ihrer Kinder im Laufe der Jahre ein. Sie bringen ihnen bei, dass man sich anzieht, wenn man spazieren geht, oder dass man nicht in der Öffentlichkeit an den Genitalien spielt. Und die Kinder beobachten, dass Mutter und Vater die Tür zumachen, wenn sie zur Toilette gehen, und angezogen sind, wenn Besuch kommt. Nacktheit, das merken die Kinder mit der Zeit, ist eben nicht die Norm. Sie ist etwas Privates, nichts Öffentliches. So wird Nacktheit vor anderen Menschen ein Grund, sich zu schämen. Und je weniger Nacktheit in einer Familie zugelassen wird, umso größer ist die Scham.
Aber es gibt auch Eltern, die keine Probleme mit Nacktheit haben und dennoch verwundert feststellen, dass ihr Kind sich plötzlich schämt. Kinder lernen ja nicht nur von ihren Eltern, sondern auch von anderen Menschen, die ihnen nahe sind. Vielleicht
traut sich der Freund oder die Freundin nicht, sich vor anderen Kindern umzuziehen. Vielleicht ist die Erzieherin ein sehr genierlicher Typ.
Man sollte aber Scham nicht mit Verklemmtheit verwechseln! Eltern übersehen leicht, dass die Scham in der kindlichen Entwicklung eine wichtige Funktion hat: Mit der Scham grenzen sich Kinder ab, markieren ihre Intimsphäre. Denn Scham ist immer auch ein Rückzug, eine Suche nach Schutz. Wer nackt ist, ist besonders verletzlich. Deshalb lautet die Grundregel für Eltern, die von den Kindern gesetzten Grenzen zu akzeptieren und zu respektieren. Sie sollten begreifen, dass ihre Kinder ein Recht auf einen Privatbereich haben – und dazu gehört eben auch das Körperliche. Die Kinder müssen ja auch die Grenzen der Eltern anerkennen. Also: Nicht ins Badezimmer platzen, obwohl das Kind deutlich zu verstehen gegeben hat, dass es das nicht will! Nicht am Strand dem Kind die Hose herunter ziehen, wenn es das nicht mag! Damit verletzt man nur seinen Selbstrespekt. Wenn Eltern sich an solche Regeln halten, erfahren die Kinder, dass nur sie selbst über ihren Körper verfügen dürfen. Dass nicht jeder sie beobachten oder einfach anfassen darf – auch eine vorbeugende Maßnahme gegen sexuellen Missbrauch!
Sind die Eltern jedoch wegen plötzlicher „Schamhaftigkeit“ beunruhigt, können sie das Kind ruhig danach fragen – ohne daraus gleich eine peinliche Inquisition zu machen. Hilfreich ist zum Beispiel die Frage: „Wer darf denn noch zu dir ins Badezimmer?“ So können die Eltern die Regeln des Kindes kennen lernen.
Aber nicht nur die eigene Nacktheit, auch die Nacktheit der Eltern kann die Kinder beschämen. Diese Nähe wird ihnen plötzlich unangenehm. Meist geschieht das zu Beginn der Pubertät, aber es kommt manchmal schon im Grundschulalter vor. Auch dies sollten Eltern respektieren.
Gibt es ein zu viel an Scham? Eigentlich nur, wenn sie durch Angst vor Strafe ausgelöst wurde. Im Alter von ein, zwei Jahren zeigen Kinder zum Beispiel sehr gern ihren Körper her. Wenn Eltern diesen ganz natürlichen Exhibitionismus verbieten oder gar bestrafen, passiert es, dass Kinder Schamgrenzen nur aus Angst vor Sanktionen einhalten. Im ungünstigsten Fall entwickelt sich daraus ein gestörtes Verhältnis zum eigenen Körper.


Von „richtiger“ und „falscher“ Scham

Psychologisch betrachtet ist Scham ein Gefühl, das besonders viel mit Selbsterkenntnis und Selbstwerdung zu tun hat. Die biblische Geschichte von der Vertreibung aus dem Paradies (Genesis 3,1-24) beschreibt diese Erfahrung symbolisch: Adam und Eva fühlen sich im „Paradies“ eins mit der Welt und schämen sich nicht für ihre Nacktheit. Erst als sie verbotenerweise die Frucht vom „Baum der Erkenntnis“ essen, erkennen sie den Unterschied zwischen gut und böse. Zugleich werden sie sich ihrer Nacktheit bewusst. Sie schämen sich, basteln sich einen Lendenschurz und verstecken sich vor Gott, der sie schließlich aus dem Paradies vertreibt.
In dieser „Menschheitsgeschichte“ beginnt die Scham mit einer Erfahrung von Schwäche (der Versuchung nicht standhalten, Idealen nicht genügen zu können). Sie verhilft dazu,
Unterschiede wahrzunehmen (gut und böse) und sich der eigenen Person bewusst zu werden (Nacktheit). Sie motiviert zu kreativen Leistungen (Anfertigen des Lendenschurzes), aber auch dazu, sich zu verstecken – und letztlich zur Vertreibung aus dem Paradies der (schamfreien) Unschuld!
Als Teil der biblischen „Urgeschichte“ sagt auch diese Geschichte etwas über die Grundbedingungen des Menschseins aus, unter denen wir leben. In dieser Perspektive ist Scham nichts „Falsches“ oder „Krankhaftes“, sondern etwas zutiefst Menschliches: Sie
gehört ganz einfach zum Menschsein dazu! Zu einem „Problem“, ja, zu einem Auslöser von „Krankheit“ wird Scham erst dann, wenn es an ihr mangelt oder wenn sie im Übermaß vorhanden ist. Wie bei vielen anderen Dingen kommt es auch hier auf ein „Optimum“ an und nicht auf ein „Maximum“ oder „Minimum“.
Sehr häufig tritt Scham in Situationen auf, in denen man anderen unterlegen ist oder sich ohnmächtig fühlt („Unterlegenheitsscham“). Das ist ein Grund, warum sich manche Vergewaltigungs- und Missbrauchsopfer scheuen („schämen“), den Täter oder zumindest das Verbrechen anzuzeigen. Oft findet man in solchen Situationen auch „stellvertretende Scham“, nämlich dann, wenn der Täter ein naher Angehöriger oder eine wichtige Bezugsperson ist: Das Opfer schämt sich für diese Person, weil es sich mit ihr identifiziert, oder weil es sich für die Beziehung zu ihr schämt.
Darüber hinaus benutzt die Gesellschaft Scham manchmal als Mittel, um Menschen zu bestimmten Verhaltensweisen zu veranlassen: angefangen von der Aufforderung „Schäm Dich!“ über der Strafandrohung in der Schule „Dann musst du in der Ecke stehen!“ bis hin zu subtilen Manipulationen in der Werbung (z.B. wenn man sich für den in der Wäsche verbliebenen „Grauschleier“ schämen soll, weil man das falsche Waschmittel gekauft hat).
Dabei ist der Gegenstand der Scham abhängig von der jeweiligen Kultur und verändert sich im Laufe der Zeit: Während man sich früher mehr für Sexualität und Nacktheit schämte, stehen heute andere Auslöser von Scham im Vordergrund, zum Beispiel: der „Makel“ von Arbeitslosigkeit oder Armut, bestimmten Schönheitsidealen nicht zu entsprechen (Model-Figur, Waschbrettbauch), der Mangel an Statussymbolen (Markenbekleidung) und Leistungsfähigkeit (am Arbeitsplatz wie auch im Bett) oder auch die Angst, im Alter mit dem Jugendlichkeitswahn der Gesellschaft nicht mehr mithalten zu können.
Weil Scham stark mit Sehen und Gesehen werden verbunden ist, wollen Menschen, die sich schämen, „am liebsten im Boden versinken“. Umgekehrt ist die Freiheit, sich zeigen zu dürfen, wie man ist, eine der wirksamsten Methoden, um Scham zu verringern. Darum ist es wichtig, schon Kindern zu dieser Freiheit zu helfen, damit sie lernen, zwischen „richtiger“ (angemessener und berechtigter) und „falscher“ (unangemessener und unberechtigter) Scham zu unterscheiden. Nur so können sie zu selbstbewussten Erwachsenen werden, die den „goldenen Mittelweg“ zwischen übertriebener Schamhaftigkeit und grenzenloser Schamlosigkeit finden!
Letztlich ist auch dies ein Ausdruck der Freiheit des Evangeliums, zu der wir von Jesus eingeladen sind und zu der wir auch die Kinder in unseren Gruppen einladen wollen. Und es ist ein Ausdruck der Hoffnung, dass am Ende die „paradiesischen Zustände“ vom Anfang wieder hergestellt, ja, noch überboten werden: So wie der Tod nicht mehr sein wird, keine Trauer, keine Klage, keine Mühsal (Offenbarung 21,4), so wird es nach meiner Überzeugung in Gottes neuer Welt auch keinen Grund mehr geben sich zu schämen, weil alle Schuld vergeben sein wird und wir Gott, uns selbst und einander „durch und durch erkennen“ werden, so wie auch wir „durch und durch erkannt worden“ sind (1. Korinther 13,12).


(c) Volkmar Hamp

Aus: Miteinander Gott entdecken 2/2007, Seite 7-9.