Grenzerfahrungen

Grenzerfahrungen – ein Thema für Kinder?


„Grenzerfahrungen“ – ist das ein Thema für Kinder? Ich denke schon! Dass Kinder Grenzen brauchen, ist dabei ein Aspekt, der für den Erziehungsalltag und das Leben mit Kindern wichtig ist, doch hier nicht im Vordergrund stehen soll. Mir geht es um die Grenzen, an die Kinder wie Erwachsene immer wieder kommen: Grenzerfahrungen wie Scham, Angst, Konflikte, Leid und Tod, die uns manchmal das Leben schwer machen – und doch genau so zum Leben dazu gehören, wie Freude, Lust und Glück.


Die Grenze – Ort der Erkenntnis

Der Theologe Paul Tillich hat einmal gesagt, die Grenze sei „der eigentlich fruchtbare Ort der Erkenntnis“. Er meint damit, dass wir überall da, wo wir an Grenzen kommen, Fortschritte machen können in der Entwicklung unserer Persönlichkeit, unseres Denkens und unseres Glaubens. Solche „Fortschritte“ können darin bestehen, dass wir Grenzen überschreiten, neue Erfahrungen machen, unseren Horizont erweitern. Sie können aber auch darin bestehen, dass wir lernen Grenzen zu akzeptieren, unsere Begrenztheit anzunehmen und uns mit ihr zu versöhnen.


Markus 2,1-12 als biblisches Beispiel

Ich will versuchen, das an der Geschichte von der Heilung des Gelähmten (Markus 2,1-12) zu verdeutlichen. Auch in dieser Geschichte geht es um Grenzen, Grenzüberschreitungen und das Akzeptieren von Grenzen.
Da ist zum einen der Gelähmte: ein Mensch, dessen Aktionsradius und Handlungsspielraum durch seine Krankheit begrenzt ist. Vielleicht hat er sich mit dieser Situation längst abgefunden? Er wirkt seltsam passiv in dieser Geschichte. Er wird von seinen Freunden zu Jesus gebracht (Vers 3). Ob er sie darum gebeten hat, wissen wir nicht.
Dann sind da diese vier Männer: Sie akzeptieren die ihnen auferlegten Grenzen nicht! Sie steigen Jesus aufs Dach. Sie begehen Sachbeschädigung und Hausfriedensbruch, um ihr Ziel zu erreichen: ihren Freund zu Jesus zu bringen! Sie überschreiten diese Grenzen, weil zumindest sie – stellvertretend für oder zusammen mit dem Gelähmten? (Vers 5) – glauben, dass auch dessen Situation für Jesus keine absolute Grenze darstellt.
Und da ist Jesus: In den Augen der dabeistehenden „Frommen“ überschreitet auch er eine Grenze, wenn er dem Gelähmten die Sünden vergibt (Vers 5). Denn: „Niemand außer Gott kann Sünden vergeben!“ (Vers 7) Dass Jesus das Recht und die Macht dazu hat, beweist er dadurch, dass er nun auch die Begrenzung, die dem Gelähmten durch seine Krankheit auferlegt ist, durchbricht: „Stehe auf, nimm dein Bett und geh!“ (Vers 11).
Am Ende reißt diese Erfahrung dann aber auch den begrenzten Horizont der Umstehenden auf: „Alle, die das sahen, waren ganz außer sich, priesen Gott und sagten: ‚So etwas haben wir noch nie erlebt!’“ (Vers 12)
Der Hauptakzent in dieser Geschichte liegt ganz sicher auf der Grenzen überschreitenden Kraft des Evangeliums: Weil Jesus grenzenlose Macht hat, dürfen auch wir Grenzen überschreiten und von ihm Befreiung aus und in unserer Begrenztheit erwarten!
Ein Nebenakzent aber ist, dass dies unter einem „eschatologischen Vorbehalt“ geschieht: In letzter Konsequenz und Fülle wird diese Grenzen überschreitende Kraft des Evangeliums sich erst am Ende der Zeit mit der Auferstehung von den Toten verwirklichen. Bis dahin werden wir auch immer wieder mit Grenzen leben und unsere Begrenztheit akzeptieren müssen.
In unserer Geschichte wird dies unter anderem dadurch deutlich, dass Jesus dem Gelähmten eben zuerst die Sünden vergibt und ihn erst danach – als Beweis seiner Vollmacht dies tun zu dürfen – heilt. Wenn der Tod „der Sünde Sold“ ist (Römer 6,23), dann beinhaltet die Sündenvergebung die Rückkehr ins Leben. Mehr noch: ewiges Leben! Das Entscheidende ist damit getan – unabhängig davon, ob der Gelähmte nun auch noch geheilt wird oder nicht. Seine Heilung bedeutet ja nicht, dass er nun der Begrenztheit des Lebens entkommen wäre! Vielleicht wird er später wieder krank werden. Ganz sicher wird er sich der „letzten Grenze“, dem Tod, zu stellen haben.
Wenn in dieser Geschichte zuerst von der Vergebung der Sünden die Rede ist, dann soll damit deutlich gemacht werden, dass Jesus – durch sein Sterben für uns und unsere Schuld – vor allem dieser „letzten Grenze“ den Schrecken genommen hat. Dies kann uns helfen, auch mit den anderen Grenzen in unserem Leben fertig zu werden – ob wir sie nun überschreiten können oder ob wir lernen (müssen), sie zu akzeptieren!


Grenzerfahrungen – ein Thema für Kinder!

Jesus hat nicht alle Kranken geheilt und nicht alle Toten auferweckt. Er hat Krankheit, Leid und Tod nicht aus der Welt geschafft. Dies ist uns erst für die neue Welt verheißen, die Gott schaffen wird (Offenbarung 21,4). Darum sollten wir auch bei den Kindern in unseren Gruppen nicht die falsche Hoffnung oder Erwartung wecken, ein Leben mit Jesus wäre ein Leben ohne Grenzen und ohne Grenzerfahrungen. Dem ist nicht so!
Aber wir können sie für ein Leben mit Grenzen und Grenzerfahrungen stark machen. Wir können ihnen helfen, da, wo es angebracht erscheint und wichtig für sie ist, Grenzen zu überschreiten und ihren Horizont zu erweitern. Wir können sie zu einem Leben „auf der Grenze“ ermutigen. Denn: „Die Grenze ist der eigentlich fruchtbare Ort der Erkenntnis.“ (Paul Tillich)


(c) Volkmar Hamp

Aus: Miteinander Gott entdecken 2/2007, Seite 5-6.