Der Gott der Bibel - ein redender Gott!

Der Gott der Bibel ist ein redender Gott!

Das wird schon auf den ersten Seiten unmissverständlich klar: „Gott sprach: Es werde ... Und es wurde ...“ (Gen 1,3)! Auch wenn in den Schöpfungsgeschichten die Schöpfung durch das Wort (der sog. „Wortbericht“) und die Schöpfung durch das Tun Gottes (der sog. „Tatbericht“) unauflöslich miteinander verwoben sind, das größere Gewicht liegt wohl doch auf der Schöpfung durch das Wort – ein wichtiges Unterscheidungsmerkmal zu anderen Schöpfungsgeschichten aus der Umwelt des alten Israel.
Doch dass der Gott der Bibel ein redender Gott ist, setzt sich auch nach der Schöpfung fort. Es zieht sich wie ein roter Faden durch das Alte wie das Neue Testament: Von „unmittelbaren“ Gesprächen wird da erzählt, zum Beispiel mit Adam und Eva im Garten Eden (Gen 3,8ff) oder mit Kain nach dessen Brudermord (Gen 4,9ff) und mit Noah angesichts der zunehmenden Bosheit der Menschen (Gen 6,13ff).
Ähnlich unmittelbar ist auch das Reden Gottes in den Geschichten von den Vorvätern und Urmüttern Israels: Gott spricht zu Abraham (Gen 15,1ff), zu Rebekka (Gen 25,23), zu Jakob (Gen 32,23ff). Zugleich deutet sich hier – mit größerem Abstand zum Reden Gottes in der „Urgeschichte“ – auch eine größere Distanz zu diesem redenden Gott an: Das Wort des Herrn ergeht zu Abraham „in einer Vision“ (Gen 15,1), und die drei Männer in Mamre sind nicht gleich als „Boten Gottes“ (oder Gott selbst?) erkennbar (Gen 18,1-33). Zu Jakob spricht Gott im Traum (Gen 31,11). Zwischen Mose und Gott schließlich steht der brennende Busch – Zeichen der Gegenwart Gottes und des vom Menschen nicht zu überwindenden Abstands zwischen Gott und ihm zugleich (Ex 3,4-6).
Und nie bricht das Reden Gottes ab: Die Richter Israels hören seine Stimme und lassen sich von der Kraft seines Geistes bewegen, für Gottes Volk zu
streiten. Die Propheten hören auf ihn und geben weiter, was er sagt („So spricht der Herr ...“). Und dann – „als die Zeit erfüllt war“ (Gal 4,4) – sandte Gott seinen Sohn, das Fleisch gewordene Wort Gottes (Joh 1,14). Und er sagt dazu: „Auf ihn sollt ihr hören!“ (Mt 17,5).
Der Hebräerbrief fasst diese Geschichte des Redens Gottes so zusammen: „Viele Male und auf vielerlei Weise hat Gott einst zu den Vätern gesprochen durch die Propheten, in dieser Endzeit aber hat er zu uns gesprochen durch den Sohn, den er zum Erben des Alls eingesetzt und durch den er auch die Welt erschaffen hat“ (Hebr 1,1-2). Damit ist klar, wer Maßstab und Richtschnur dafür ist, ob das, was wir heute als Reden Gottes wahrnehmen, wirklich „Gottes Stimme“ ist: Jesus Christus.


Der Mensch ist zur Antwort auf das Reden Gottes herausgefordert!

Wenn der Gott der Bibel ein redender Gott ist, dann gehört – sozusagen als zweite Seite der Medaille – dazu, dass der Mensch darauf angelegt ist, auf das Reden Gottes zu antworten, „ver-antwort-lich“ zu leben. Auch das wird schon auf den ersten Seiten der Bibel deutlich, wenn er – als „Ebenbild Gottes“ (Gen 1,26f) – dazu berufen ist, den Garten Eden zu bebauen und zu bewahren (Gen 2,15). Als Folge seiner Überheblichkeit entzieht er sich jedoch der „Ver-Antwortung“ Gott gegenüber (vgl. Gen 3,8; Gen 4,9) – die unmittelbare Beziehung mit seinem Schöpfer zerbricht!
Doch Gott gibt sein Geschöpf nicht auf! Er redet weiter mit ihm. Und die angemessene Antwort des Menschen auf dieses fortdauernde Reden Gottes ist – der Glaube, das Vertrauen in sein Reden und Tun. Immer wieder bezeugen die Geschichten der Bibel diese Dynamik: von Abraham über Mose und die Propheten – bis hin zu den Jüngerberufungen und Heilungsgeschichten der Evangelien. Ein besonders eindrückliches Beispiel für diesen „Antwort Charakter“ des menschlichen Lebens sind die Psalmen.


Die Bibel bezeugt das Reden Gottes in seinem Sohn!

Das Reden Gottes ist heute – so scheint es – schwerer zu vernehmen, als in biblischer Zeit. So unmittelbar und direkt wie ein Abraham oder Mose hört wohl keiner von uns die „Stimme Gottes“. Mir persönlich ist auch noch nie ein Engel begegnet, um mir eine Botschaft Gottes zu überbringen; sollte ich
einen solchen beherbergt haben, so habe ich es jedenfalls nicht bemerkt (vgl. Hebr 13,2). Ich kann auch nicht mit Jesus durch Galiläa wandern, um auf seine Stimme zu hören. Was ich habe, ist die Bibel! Auch wenn ich vorsichtig bin damit, die Bibel selbst „Wort Gottes“ zu nennen – das „Wort Gottes“ wurde eben nicht „Bibelbuch“, sondern „Mensch“ (Joh 1,14), und mein Vertrauen setze ich in eine Person, nicht in ein Buch! –, so bedeutet mir doch die Botschaft der Bibel – als Zeugnis von eben diesem Mensch gewordenen Wort Gottes! – unendlich viel.
Hier kann ich dem Reden Gottes so nahe kommen wie nirgends sonst. Und hier finde ich auch die Kriterien, mit deren Hilfe ich das, was mir sonst als „Reden Gottes“ in meinem Leben begegnet – im Reden anderer Menschen, im Reden meines Gewissens, in prophetischer Rede in Gemeinde und Welt –, beurteilen kann.

(c) Volkmar Hamp
Aus: Miteinander Gott entdecken 4/2006, Seite 3-4.