Da sein für andere - die Mission Jesu und seiner Gemeinde

„Kirche ist nur Kirche, wenn sie Kirche für andere ist.“ (Dietrich Bonhoeffer) Die Gemeinde Jesu ist kein Kuschelclub für die Erlösten, sondern eine Glaubens-, Lebens- und Dienstgemeinschaft in der Welt und für die Welt.


Alttestamentliche Grundlagen

Schon der Gott des Alten Testaments stelltsich seinem Volk als ein Gott vor, der „für sie da ist“ (Exodus 3,14-15). Die Befreiungstat im Auszug aus Ägypten beglaubigt diese Selbstvorstellung Gottes. Die Erfüllung der Landverheißung bestätigt sie. Und schon im Alten Testament folgt aus dem Da sein Gottes für sein Volk das Da sein derer, die zu ihm gehören, für andere. Unmissverständlich macht Gott immer wieder deutlich, dass seine Zuwendung nicht nur den „Frommen“, sondern vor allem auch den Randsiedlern der Gesellschaft gilt: den Armen, den Fremden, den „Witwen und Waisen“. Wer sie missachtet, zieht sich den Zorn Gottes zu!


Neutestamentliche Perspektiven

Im Neuen Testament setzt Jesus diese Tradition fort. Er weiß sich gesandt zu denen, die „mühselig und beladen“ sind (Matthäus 11,28). Dabei hat seine „Sendung“ (= „Mission“) zwei Aspekte: die Verkündigung des Evangeliums (der „Guten Nachricht“ von der anbrechenden Gottesherrschaft) und die Konkretisierung dieser Botschaft in Taten der Liebe. Heil und Heilung (Evangelisation und Diakonie) gehören schon bei Jesus untrennbar zusammen! Und auch er kümmert sich dabei vor allem um die „Randsiedler“ der Gesellschaft: um Arme und Kranke, Frauen und Kinder, Zöllner und Sünder.
Die Urgemeinde folgt diesem Vorbild. Sie beruft sich dabei auf den so genannten „Missionsbefehl“ Jesu: „Geht zu allen Völkern und macht alle Menschen zu meinen Jüngern; tauft sie auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes, und lehrt sie, alles zu befolgen, was ich euch geboten habe.“
(Matthäus 28,19-20; vgl. Markus 16,15-18; Lukas 24,47-49; Johannes 20,21-23) Allerdings wäre es eine Verkürzung dieses „Missionsbefehls“, wenn man ihn auf die Verkündigung des Evangeliums (= Evangelisation) reduzieren würde. Schon das Stichwort „Lehre“ weist in eine andere Richtung: Zur „Lehre Jesu“ gehört ja nicht nur die Evangeliumsverkündigung, sondern auch die Aufforderung, diesem Evangelium entsprechend zu leben: „Salz der Erde“ und „Licht der Welt“ zu sein (vgl. Matthäus 5,13-16). Gerade im Matthäusevangelium wird die Zugehörigkeit zu Jesus und seinem Reich unmissverständlich an das Verhalten gegenüber dem Mitmenschen gekoppelt: „Was ihr für einen meiner geringsten Brüder getan habt, das habt ihr mir getan.“ (Matthäus 25,40)
Evangeliumsverkündigung und Da sein für andere – Evangelisation und Diakonie – gehören also zusammen! Die Sendung (Mission) Jesu und der Gemeinde besteht in der Verkündigung des Evangeliums (Evangelisation) und in Taten der Liebe (Diakonie).
Dies lässt sich auch an dem „Sendewort“ Jesu im Johannesevangelium deutlich machen: „Wie mich der Vater gesandt hat, so sende ich euch!“ (Johannes 20,21). Dieses Wort ist nicht nur rein formal zu verstehen: Jesus – von Gott gesandt / die Jünger – von Jesus gesandt. Es beschreibt auch die Qualität dieser Sendung: So wie Jesus seine Sendung lebt, so sollen auch wir das tun! Wenn wir also wissen wollen, wie die Sendung der Gemeinde inhaltlich aussehen soll, dann tun wir gut daran, uns anzuschauen, wie Jesus sein Gesandt sein in diese Welt als Da sein für andere von Gott her gelebt hat! Nicht umsonst antwortet Jesus auf die Frage des Johannes: „Bist du der, der kommen soll, oder müssen wir auf einen andern warten?“ (Lukas 7,19) mit folgenden Worten: „Geht und berichtet Johannes, was ihr gesehen und gehört habt: Blinde sehen wieder, Lahme gehen, und Aussätzige werden rein; Taube hören, Tote stehen auf und den Armen wird das Evangelium verkündet.“ (Lukas 7,22)


Konsequenzen für die missionarische Gemeindearbeit

Die Urgemeinde hat diesen Zusammenhang von Evangeliumsverkündigung und Diakonie in der Sendung (Mission) Jesu aufgegriffen und für die veränderte Situation nach Ostern ausgestaltet. Apostelgeschichte 2 beschreibt sehr schön, wie aus der Verkündigung des Evangeliums (Vers 14-36) die erste Gemeinde entsteht (Vers 37-41) und was für diese Gemeinde kennzeichnend ist: nämlich das Festhalten an der Lehre der Apostel, an der Gemeinschaft, am Brotbrechen und am Gebet (Vers 42) – und die gemeinsame Sorge für Geschwister in Not (Vers 44-45). Diese Einheit von Glauben und Leben, von Evangeliumsverkündigung und Nächstenliebe ist es, die die urchristliche Gemeinde so anziehend macht: „Sie lobten Gott und waren beim ganzen Volk beliebt. Und der Herr fügte täglich ihrer Gemeinschaft die hinzu, die gerettet werden sollten.“ (Vers 47)
Im Verlauf der Kirchengeschichte wurde die Einheit von Evangelisation und Diakonie im Missionsbegriff manchmal vergessen. Einseitigkeiten und Fehlentwicklungen waren die Folge. Heute arbeiten die meisten Kirchen mit dem oben kurz skizzierten Missionsbegriff, der Mission als Einheit von Evangeliumsverkündigung (Evangelisation) und gelebter Nächstenliebe (Diakonie) versteht – bei allen Unterschieden in Schwerpunkten und inhaltlicher Ausgestaltung! Gut, wenn schon Kinder sich in diese doppelte Sendung Jesu und der Gemeinde hinein genommen wissen!

(c) Volkmar Hamp
Aus: Miteinander Gott entdecken 2/2006, Seite 4-5.