Bunte Gemeinde - Staunen über Christus im Anderen

Vorbemerkungen

Der Bund Evangelisch-Freikirchlicher Gemeinden in Deutschland (BEFG) hat sich für 2015/2016 ein „Jahresthema“ gegeben: „Bunte Gemeinde – Staunen über Christus im Anderen“. Bei diesem Thema, dieser Kampagne geht es darum, das Andere, das Fremde, die Vielfalt nicht als Angst machende Bedrohung, sondern als bereichernde Chance wahrzunehmen und zu erleben.
Oliver Pilnei, Leiter der Evangelisch-Freikirchlichen Akademie in Elstal, schreibt dazu in einem Grundsatzartikel in unserem GJW-Mitarbeitermagazin HERRLICH (01/2015): „Unser Land ist bunt! In Berlin ist es vielleicht etwas bunter als im Oberbergischen oder in Ostfriesland. Aber eine Vielfalt an Kulturen, Religionen, Generationen und Lebensentwürfen ist in Deutschland Realität. Als BEFG wollen wir uns dieser Wirklichkeit stellen. Denn in der Vielfalt schlummert Potenzial, das Gott zur Entfaltung kommen lassen will.“ (Pilnei, Bunte Gemeinde, 7)
Ich finde, „Staunen über Christus im Anderen“ ist ein guter Slogan, ein gutes Motto dafür! Denn dieses Motto macht deutlich, dass es bei diesem Jahresthema nicht um ein „Zeitgeistprogramm“ geht, das wir aufgrund aktueller Entwicklungen – Globalisierung, Migration, Fremdenfeindlichkeit – für ein paar Monate auflegen und irgendwann getrost auch wieder vergessen können. Es geht um eine grundsätzliche „Haltung im Vertrauen auf Jesus und sein Evangelium“ (Pilnei, Bunte Gemeinde, 9). Die bleibt, auch wenn die aktuellen Themen, auf die sie sich im Augenblick vielleicht bezieht, irgendwann an Bedeutung verlieren.
„Staunen über Christus im Anderen“ – ich möchte mich diesem Thema in drei Schritten nähern, die sich von der Themenformulierung her anbieten:

1. Staunen (Faszination und Erschrecken)
2. Staunen über Christus (Gottebenbildlichkeit des Menschen und Christus als Ebenbild Gottes)
3. Staunen über Christus im Anderen (Paulus – Johannes – Jesus)


1. Staunen

Beginnen wir mit dem Staunen. Philosophen würden sagen: Alles beginnt mit dem Staunen! Kaum eine Geschichte der Philosophie kommt ohne den Hinweis aus, dass die Philosophie ihren Ursprung im Staunen hat.

„Das Staunen ist die Einstellung eines Mannes, der die Weisheit wahrhaft liebt, ja es gibt keinen anderen Anfang der Philosophie als diesen.“ (Platon, Theaitetos 155d; vgl. Aristoteles, Metaphysik I,982b)

Die Schweizer Philosophin, Pädagogin und Schriftstellerin Jeanne Hersch (1910-2000) hat 1981 ein Buch über die Geschichte des Denkens veröffentlicht, dem sie den Titel „Das philosophische Staunen“ gab. Darin schreibt sie: „Die Fähigkeit zu staunen gehört wesentlich zum Menschen. Es gilt dieses Staunen zu wecken ... Dies gehört zum Schöpferischen im Menschen ... Wir leben in einer wissenschaftsgesättigten Zeit. Wir glauben, bald alles zu wissen. Und doch wird es immer Staunende geben. Staunen gehört zum Menschsein.“ (Hersch, Das philosophische Staunen, 7)
„Staunen“ definiert die Online-Enzyklopädie Wikipedia, „ist ein emotionaler Zustand als Reaktion auf das Erleben von etwas Unerwartetem ... Es wird begleitet von einem neurobiologischen Zustand der Erregung, einem inneren Unruhezustand, der sich motivationsfördernd auswirkt, bisher Unbekanntes zu erforschen und zu lernen ... Staunen erzeugt eine innere Bewegung und Anspannung, die in einer aktiven eigenständigen Auseinandersetzung mit einer Sache mündet“.
Staunen ist also nicht nur eine philosophische Kategorie, sondern auch ein psychologisches Phänomen. Der italienische Gestaltpsychologe Giuseppe Galli (*1933) zählt das Staunen zu den sog. „sozialen Tugenden“, positive und konstruktive Verhaltensformen wie Hingabe, Dankbarkeit, Vergebung, Vertrauen, Aufrichtigkeit und eben – Staunen. Denn: „Das Ich tritt im Staunen zurück, das wahrgenommene Objekt kann in seiner Einzigartigkeit um seiner selbst willen zur Geltung kommen, ohne vereinnahmt zu werden.“ (Wikipedia-Artikel „Staunen“ – vgl. Galli, Psychologie der sozialen Tugenden, 82-93).


Aber Staunen – was ist das eigentlich genau?

Das deutsche Wort „Staunen“ hängt sprachgeschichtlich mit dem schweizerischen „stunen“ zusammen, das so viel bedeutet wie „in Gedanken versunken vor sich hinblicken, starr sein, starr blicken“. Es ist verwandt mit dem griechischen „styein“, „steif emporrichten“, sowie mit dem altindischen Wort „sthuna“, das „Pfosten, Pfeiler, Säule“ bedeutet. Der Staunende richtet sich also, in Gedanken versunken vor sich hinblickend, empor und wird zu einem Pfeiler, einer Säule.
„Der Staunende“, schreibt der Psychologe Mathias Hebebrand, „steigt gewissermaßen aus dem Fluss der äußeren Zeit aus, denn Staunen lässt sich nur, wenn man nicht gleich wieder zur Tagesordnung übergeht, sondern sich Zeit nimmt, um dem Überraschenden innerlich Raum zu geben.“ (Hebebrand, Über das Staunen, 3f)
Staunen heißt also: von etwas Ungewohntem, etwas Neuem, etwas Fremdem überrascht zu werden und davor innezuhalten – wobei dieses „Innehalten“ von ganz unterschiedlichen, bisweilen sogar gegensätzlichen Gefühlen begleitet sein kann: Faszination und Erschrecken.
Der Religionswissenschaftler Rudolf Otto (1869-1937) hat dafür in seinem Buch „Das Heilige“ (1917) im Blick auf das Staunen über Gott den Begriff des mysterium tremendum et fascinans geprägt: „erschreckendes und faszinierendes Geheimnis“.
In der Begegnung mit dem Heiligen, dem Göttlichen, dem Numinosen (von lat. numen – Gottheit) gebe es immer diese „Kontrast-Harmonie“ des Schauervollen, Verunsichernden und Beängstigenden auf der einen und des Wundervollen, Faszinierenden und Anziehenden auf der anderen Seite.

„In diesem zugleich unendlich Schauervollen und unendlich Wundervollen hat das Mysterium seinen eigenen positiven Doppel-Inhalt, der dem Gefühle sich kundtut.“ (Otto, Das Heilige, 56)


Gott – als der „Ganz Andere“ (Rudolf Otto / Karl Barth) – ist also (wie alles Fremde) immer beides zugleich: anziehend und abschreckend, fesselnd und bedrohlich. Das gilt für alle Götter und Religionen – auch für den Gott der Bibel, den Gott Jesu Christi, an den wir glauben.
Mose erfährt Gott auf diese Weise bei seiner Berufung am brennenden Dornbusch (Ex 3,1 – 4,17). Elia erfährt ihn auf diese Weise am Berg Horeb (1 Kön 19). Jesaja erfährt ihn auf diese Weise bei seiner Berufung zum Propheten (Jes 6). Die Psalmen, Klagelieder und Weisheitsbücher der Bibel sind voll von Beschreibungen dieses Gottes, der unendlich groß, heilig und unnahbar ist, und sich zugleich dem Menschen zuwendet in Liebe und Barmherzigkeit.

Herr, unser Herrscher, wie herrlich ist dein Name in allen Landen,
der du zeigst deine Hoheit am Himmel!
Aus dem Mund der jungen Kinder und Säuglinge hast du eine Macht zugerichtet um deiner Feinde willen;
dass du vertilgest den Feind und den Rachgierigen.
Wenn ich sehe die Himmel, deiner Finger Werk,
den Mond und die Sterne, die du bereitet hast:
was ist der Mensch, dass du seiner gedenkst,
und des Menschen Kind, dass du dich seiner annimmst?
Du hast ihn wenig niedriger gemacht als Gott,
mit Ehre und Herrlichkeit hast du ihn gekrönt.
Du hast ihn zum Herrn gemacht über deiner Hände Werk,
alles hast du unter seine Füße getan:
Schafe und Rinder allzumal, dazu auch die wilden Tiere,
die Vögel unter dem Himmel und die Fische im Meer und alles, was die Meere durchzieht.
Herr, unser Herrscher, wie herrlich ist dein Name in allen Landen! – (Ps 8)


„Staunens-wert“ das alles! Damit komme ich zum zweiten Punkt:


2. Staunen über Christus

Staunen über Christus – das heißt für mich zunächst einmal, dass sich zum Staunen über Gott – über seine Größe und Heiligkeit, über seine Liebe und Barmherzigkeit – das Staunen über den Menschen gesellt – über die Stellung des Menschen innerhalb der Schöpfung und vor Gott. Der eben zitierte Psalm 8 bringt dieses Staunen wunderbar zum Ausdruck:

Was ist der Mensch, dass du seiner gedenkst,
und des Menschen Kind, dass du dich seiner annimmst?
Du hast ihn wenig niedriger gemacht als Gott,
mit Ehre und Herrlichkeit hast du ihn gekrönt. – (Ps 8,5-6)


Der Schöpfungsbericht der Priesterschrift (Gen 1,1 – 2,4a) bringt dieses Staunen über den Menschen theologisch auf den Punkt:

Und Gott sprach: Lasset uns Menschen machen, ein Bild, das uns gleich sei, die da herrschen über die Fische im Meer und über die Vögel unter dem Himmel und über das Vieh und über alle Tiere des Feldes und über alles Gewürm, das auf Erden kriecht. Und Gott schuf den Menschen, zu seinem Bilde, zum Bilde Gottes schuf er ihn; und schuf sie als Mann und Weib. Und Gott segnete sie und sprach zu ihnen: Seid fruchtbar und mehret euch und füllet die Erde und machet sie euch untertan und herrschet über die Fische im Meer und über das Vieh und über alles Getier, das auf Erden kriecht. Und Gott sprach: Sehet da, ich habe euch gegeben alle Pflanzen, die Samen bringen, auf der ganzen Erde, und alle Bäume mit Früchten, die Samen bringen, zu eurer Speise. Aber allen Tieren auf Erden und allen Vögeln unter dem Himmel und allem Gewürm, das auf Erden lebt, habe ich alles grüne Kraut zur Nahrung gegeben. Und es geschah so. Und Gott sah an alles, was er gemacht hatte, und siehe, es war sehr gut. – (Gen 1,26-31)

Was ist nicht alles über die sog. „Imago Dei-Lehre“, die Lehre von der Gottebenbildlichkeit des Menschen gesagt und geschrieben worden! Ich kann und will das hier nicht referieren. (Vgl. dazu: Gerald Kruhöffer, Der Mensch, das Bild Gottes (Biblisch-theologische Schwerpunkte 16). Vandenhoeck & Ruprecht: Göttingen 1999.) Ich will nur einige Hinweise geben, die meinen Erkenntnisstand zu diesem Punkt wiedergeben und aus meiner Sicht für unser Thema „Staunen über Christus im Anderen“ wichtig sind (vgl. dazu Westermann, BKAT I/1, 203-214):

1. Einigkeit besteht heute wohl darüber, dass sich die Aussage von der Gottebenbildlichkeit des Menschen nicht auf etwas am Menschen, weder auf etwas Körperliches noch auf etwas Geistiges, bezieht, sondern auf den ganzen Menschen, auf den Menschen an sich, auf die von Gott geschaffene Menschheit.
2. Umstritten ist, ob die Aussage von der Gottebenbildlichkeit des Menschen darüber hinaus meint, dass der Mensch eine Art „Stellvertreter Gottes auf Erden“ ist. Diese These vertreten einige Alttestamentler, weil der Begriff „Ebenbild Gottes“ in der „Königsideologie“ des Alten Orients verschiedentlich als Bezeichnung für den König als Repräsentanten Gottes auf Erden Verwendung findet. Sie mag beim „Herrschaftsauftrag“ des Menschen über die Schöpfung, der im Zusammenhang mit der Erschaffung des Menschen hier ausgesprochen wird (vgl. Gen 2,15), eine Rolle spielen. Doch darf man den Stellvertretergedanken nicht zur Kernaussage der Lehre von der Gottebenbildlichkeit des Menschen machen. Denn: In Genesis 1 geht es nicht um den Begriff „Bild Gottes“ als solchen, sondern um den Vorgang der Erschaffung des Menschen nach dem Bild Gottes. Der aber spielt in den zum Vergleich herangezogenen Parallelen aus Ägypten und Mesopotamien überhaupt keine Rolle.
3. Deutet man hingegen die Aussage von der Gottebenbildlichkeit des Menschen in Genesis 1 von diesem Schöpfungsvorgang her, dann geht es dabei in erster Linie darum, dass Gott sich hier dazu entschließt, etwas zu schaffen, „was mit ihm selbst zu tun hat“ (Westermann, BKAT I/1, 215). Die Aussage von der Gottebenbildlichkeit qualifiziert den Menschen als Gottes Gegenüber, als seinen Partner, oder wie Karl Barth (1886-1968) es ausdrückt „als ein von Gott anzuredendes Du und als ein vor Gott verantwortliches Ich“ (vgl. Barth, KD III/I, 204-233; zitiert bei Westermann, BKAT I/1, 208). Dass Gott den Menschen „nach seinem Bilde“ schafft, bedeutet also, dass das Eigentliche des Menschseins darin besteht, als ein Gegenüber zu Gott gedacht zu sein. Die Gottesbeziehung ist nicht etwas zum Menschsein Hinzukommendes, der Mensch ist so geschaffen, dass sein Menschsein in der Beziehung zu seinem Schöpfer besteht.
4. (und das ist der entscheidende Punkt für unser Thema „Staunen über Christus im Anderen“): Die Aussage von der Gottebenbildlichkeit des Menschen ist Teil der Schöpfungs-, der Urgeschichte! Sie gilt darum nicht exklusiv (nur für die Gottesgläubigen, die Frommen, die Juden, die Christen), sie gilt inklusiv (für alle Menschen). Daran ändert auch der sog. „Sündenfall“ nichts. Die „Gottesbildlichkeit“ des Menschen geht durch die Sünde nicht verloren – sie wird allenfalls verdunkelt, verdeckt, verborgen. Der Alttestamentler Claus Westermann (1909-2000) formuliert das so: „Alle Menschen hat Gott ‚zu seinem Entsprechen’, d.h. so geschaffen, dass etwas zwischen dem Schöpfer und diesem Geschöpf geschehen kann. Das gilt dann jenseits aller Unterschiede zwischen den Menschen; es gilt auch jenseits des Unterschiedes der Religionen bzw. des Glaubens oder Nichtglaubens. Jeder Mensch in jeder Religion und in jedem Bereich, in dem die Religionen nicht mehr anerkannt werden, ist nach dem Bilde Gottes geschaffen.“ (Westermann, BKAT I/1, 218)

Manche Philosophen und Staatsrechtler (Christian Stark / Herbert Schnädelbach) führen die neuzeitliche Vorstellung von der „Menschenwürde“ auf genau diese jüdisch-christliche Tradition zurück.
„Alle Menschen sind frei und gleich an Würde und Rechten geboren. Sie sind mit Vernunft und Gewissen begabt und sollen einander im Geist der Brüderlichkeit begegnen.“ (Allgemeine Erklärung der Menschenrechte, Art. 1)
Oder wie es im Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland heißt: „Die Würde des Menschen ist unantastbar. Sie zu achten und zu schützen ist Verpflichtung aller staatlichen Gewalt.“ (Art 1 Abs. 1 GG)
Aber unser Thema ist „Staunen über Christus im Anderen“. Und wir sind beim Punkt „Staunen über Christus“. Warum dafür dieser lange Anmarschweg über die Gottebenbildlichkeit des Menschen im Schöpfungsbericht der Bibel? Weil im Neuen Testament das Stichwort „Ebenbild Gottes“ zunächst und vor allem im Zusammenhang mit Jesus Christus, dem Sohn Gottes, fällt:

2. Korinther 4,3-4:
Ist nun aber unser Evangelium verdeckt, so ist’s denen verdeckt, die verloren werden, den Ungläubigen, denen der Gott dieser Welt den Sinn verblendet hat, dass sie nicht sehen das helle Licht des Evangeliums von der Herrlichkeit Christi,
welcher ist das Ebenbild Gottes.

Kolosser 1,15:
Er ist
das Ebenbild des unsichtbaren Gottes, der Erstgeborene vor aller Schöpfung.

Hebräer 1,3a:
Er ist der Abglanz seiner Herrlichkeit und
das Ebenbild seines Wesens und trägt alle Dinge mit seinem kräftigen Wort.

Die Exklusivität, mit der hier zunächst allein Christus als „Ebenbild Gottes“ bezeichnet wird, überrascht ein wenig, wenn man die alttestamentliche Vorstellung von der Gottebenbildlichkeit aller Menschen als traditionsgeschichtlichen Hintergrund dieser neutestamentlichen Aussagen kennt. Sie wird allerdings verständlich, wenn man sie im Zusammenhang der neutestamentlichen Theologie und Christologie begreift.
Für die neutestamentlichen Autoren, insbesondere für Paulus, ist Jesus Christus eben derjenige, durch den und in dem die von der Sündhaftigkeit des Menschen korrumpierte – verdunkelte, verdeckte, verborgene – Gottebenbildlichkeit des Menschen wiederhergestellt wird. Der Theologe Paul Tillich (1886-1965) hat dies das „Neue Sein in Jesus dem Christus“ genannt (vgl. Tillich, Das Neue Sein; Ders., Systematische Theologie II, 129-150).

2. Korinther 5,17:
Ist jemand in Christus, so ist er eine neue Kreatur; das Alte ist vergangen, siehe, Neues ist geworden.


Dieses „Neue“, das geworden ist, das „Neue Sein in Christus“, verstehen die neutestamentlichen Autoren als Wiederherstellung der ursprünglichen Gottebenbildlichkeit des Menschen. „Die Wiedergewinnung der schöpfungsmäßigen Gottes-Ebenbildlichkeit ist identisch mit der Herstellung der Christusgemeinschaft.“ (Kittel, ThWNT II, 395).

Römer 8,28-29:
Wir wissen aber, dass denen, die Gott lieben, alle Dinge zum Besten dienen, denen, die nach seinem Ratschluss berufen sind. Denn die er ausersehen hat, die hat er auch vorherbestimmt,
dass sie gleich sein sollten dem Bild seines Sohnes, damit dieser der Erstgeborene sei unter vielen Brüdern.

2. Korinther 3,17-18:
Der Herr ist der Geist; wo aber der Geist des Herrn ist, da ist Freiheit. Nun aber schauen wir alle mit aufgedecktem Angesicht die Herrlichkeit des Herrn wie in einem Spiegel, und
wir werden verklärt in sein Bild von einer Herrlichkeit zur andern von dem Herrn, der der Geist ist.

Kolosser 3,8-11:
Nun aber legt alles ab von euch: Zorn, Grimm, Bosheit, Lästerung, schandbare Worte aus eurem Munde; belügt einander nicht; denn ihr habt den alten Menschen mit seinen Werken ausgezogen und den neuen angezogen, der erneuert wird zur Erkenntnis
nach dem Ebenbild dessen, der ihn geschaffen hat. Da ist nicht mehr Grieche oder Jude, Beschnittener oder Unbeschnittener, Nichtgrieche, Skythe, Sklave, Freier, sondern alles und in allen Christus.

Damit komme ich zum dritten und letzten Punkt:


3. Staunen über Christus im Anderen

Paulus

„Christus in Paulus, Paulus in Christus“ – mit diesen Worten lässt sich „das Geheimnis der paulinischen Frömmigkeit“ beschreiben (Deissmann, Paulus, 107).
Paulus, der Pharisäer aus dem kilikischen Tarsus im Süden der heutigen Türkei, begegnet vor den Toren von Damaskus dem auferstandenen Christus und wird durch diese Begegnung vom Christenverfolger zum Apostel (Gesandten) Christi (vgl. Apg 9,1-19a). Diese Berufung erlebt er als so tiefgreifende Umorientierung, dass die davor liegende Lebenszeit für ihn geradezu unwesentlich wird und die Zeit nach der Berufung sein eigentliches Leben ausmacht (vgl. Becker, Paulus, 34). Insofern trifft die Redewendung „vom Saulus zum Paulus werden“ den Kern dieses Geschehens, auch wenn die Berufung des Paulus nicht mit einem Namenswechsel verbunden war, sondern Paulus als römischer Bürger und griechisch sprechender Jude neben seinem hebräischen Namen (Saul) von Anfang an auch diesen griechischen Namen (Paulus) trug.
Interessant ist, wie Paulus selbst von seiner Berufung spricht, auch wenn er nur „merkwürdig selten“ auf dieses Ereignis eingeht, „das ihn in eine umstürzende Wende führte und von dessen Folge fast jede Zeile seiner Briefe zeugt“ (Dietzfelbinger, Die Berufung des Paulus, 44). In Galater 1,15f beschreibt er dieses Geschehen mit den Worten, Gott habe seinen Sohn „in ihm offenbart“. In 1. Korinther 9,1f spricht er davon, den auferstandenen Herrn Jesus gesehen zu haben und begründet damit die Rechtmäßigkeit seiner Sendung, aus der die korinthische Gemeinde als sein Werk „in dem Herrn“ hervorgegangen sei (vgl. 1. Kor 15,8). In 2. Korinther 4,6 schließlich spricht Paulus von dem „hellen Schein“, den Gott „in seinem Herzen“ hat aufleuchten lassen, so dass er die Herrlichkeit Gottes im Angesicht Christi erkennen konnte. „Für den Mann, der seinen Christenstand durch das Wort charakterisiert ‚Christus lebt in mir’ (Gal 2,20), ist Damaskus der Beginn dieser Einwohnung Christi: ‚Gott hat seinen Sohn in mir geoffenbart’ (Gal 1,16).“ (Deissmann, Paulus, 105).
„Christus in Paulus, Paulus in Christus“ – dieser Zweiklang bestimmt fortan Leben und Denken des Apostels. Paulus ist es, der für die innige Verbundenheit zwischen Mensch und Gott, die in der Begegnung mit Jesus erfahrbar wird, die Formeln „Christus in euch“ und „ihr in Christus“ prägt („Christus in euch“ z.B.: Röm 8,10; 2. Kor 13,5; Gal 2,20; 4,19; „ihr in Christus“: je etwa 20mal im Römer- und im ersten Korintherbrief, ferner Phil 1,1.14; 4,7; 2. Kor 5,17 u.ö.). Und Paulus macht unmissverständlich klar, dass in dieser Existenzweise des „Christus in uns und wir in Christus“ Unterschiede in ethnischer Herkunft, sozialem Status oder Geschlecht keine Rolle mehr spielen dürfen:

„Denn ihr seid alle durch den Glauben Gottes Kinder in Christus Jesus. Denn ihr alle, die ihr auf Christus getauft seid, habt Christus angezogen. Hier ist nicht Jude noch Grieche, hier ist nicht Sklave noch Freier, hier ist nicht Mann noch Frau; denn ihr seid allesamt einer in Christus Jesus.“ (Gal 3,26-28)

Wenn ich Paulus richtig verstehe, führt bei ihm also das „Staunen über Christus in mir“ unweigerlich zum „Staunen über Christus im Anderen“ – und damit ganz selbstverständlich zu einer „bunten Gemeinde“, in der alle Unterschiede „in Christus“ aufgehoben sind!

Johannes (und seine Schüler)


Das lässt sich auch bei einem anderen großen Theologen des frühen Christentums beobachten: bei Johannes (und seinen Schülern). Ich gehe mit der Mehrheit heutiger Neutestamentler davon aus, dass das Johannesevangelium und die drei Johannesbriefe nicht vom selben Verfasser stammen, aber in einer urchristlichen Gruppe entstanden sind, die man wegen ihrer theologischen Nähe zueinander als „johanneischen Kreis“ oder „johanneische Schule“ bezeichnet (vgl. z.B. Vielhauer, Geschichte der urchristlichen Literatur, 410-484). Charakteristisch für diese Gruppe ist u.a. die sog. „johanneische Gemeinschaftsformel“: „in mir der Vater und ich in ihm“ (Joh 10,38; ähnlich 14,10f u.a.), die an einigen Stellen mit dem Motiv des „Bleibens“ verbunden wird (Joh 6,56; 15,4-7; 1. Joh 4,13.15 u.ö.) und die Jünger Jesu ausdrücklich mit einbezieht (Joh 14,20):

„Alle sollen eins sein: Wie du, Vater, in mir bist und ich in dir bin, sollen auch sie in uns sein, damit die Welt glaubt, dass du mich gesandt hast. Und ich habe ihnen die Herrlichkeit gegeben, die du mir gegeben hast; denn sie sollen eins sein, wie wir eins sind, ich in ihnen und du in mir. So sollen sie vollendet sein in der Einheit, damit die Welt erkennt, dass du mich gesandt hast und die Meinen ebenso geliebt hast wie mich ... Ich habe ihnen deinen Namen bekannt gemacht und werde ihn bekannt machen, damit die Liebe, mit der du mich geliebt hast, in ihnen ist und ich in ihnen bin.“ (Joh 17,21-23.26)

Gott in Christus, Christus in Gott, Wir in Christus (und damit in Gott), Christus (und damit Gott) in uns – da kann einem ganz schön schwindelig werden! Aber gerade diese Wechselseitigkeit ist charakteristisch für das johanneische Gemeindeverständnis, dessen Ziel die durch gegenseitige Liebe entstehende und wachsende Einheit ist. Gott ist die Liebe, die sich in Christus offenbart. In seiner Liebe sollen wir bleiben und einander furchtlos lieben (1. Joh 4,8-21).
„Ausgangspunkt ist etwas, das ich nicht selbst machen kann, sondern nur erfahren: ich werde geliebt. Diese himmlische Liebe ist so grenzenlos, dass sie den Menschen wieder mit sich selbst versöhnt. Die Unzulänglichkeiten, die es Liebenden schwer machen, zu lieben, spielen keine Rolle mehr. Weil ich geliebt werde, kann ich lieben.“ (Janus, 1.-3. Johannesbrief, 611).
Der 3. Johannesbrief verdeutlicht und konkretisiert diesen Gedanken am Beispiel der Gastfreundschaft fremden Geschwistern gegenüber. Solche Gastfreundschaft ist ein praktischer Ausdruck der Liebe.


Jesus von Nazareth

Das „Staunen über Christus im Anderen“ bewegt sich in diesen beiden ersten „Annäherungen“ (Paulus und Johannes) noch ganz im binnenkirchlichen Raum. Paulus und der johanneische Kreis können uns helfen herauszufinden, was „Staunen über Christus im Anderen“ für das Verhältnis von Christen untereinander innerhalb der Kirche bedeutet. Und wahrscheinlich haben wir damit auch schon eine Menge zu tun! Aber „Bunte Gemeinde“ will mehr. Sie will, dass Kirchen sich öffnen für Menschen, die (noch) nicht Teil der Gemeinde sind (und es vielleicht auch nie werden). Sie will nicht nur die innerkirchliche, sondern auch die gesamtgesellschaftliche Vielfalt und Diversität wahrnehmen und wertschätzen.
Darin ist Jesus selbst ihr Vorbild und Maßstab. Kompromisslos wendet er sich allen Menschen zu. Selbst die zunächst noch geltende Einschränkung, er sei „nur zu den verlorenen Schafen des Hauses Israel gesandt“ (Mt 15,24), gibt er bald auf. Seine Liebe, Aufmerksamkeit und Zuwendung gilt allen Menschen – unabhängig von Alter, Geschlecht, Hautfarbe, Herkunft, sozialem Status, Religion, Bildung, körperlicher oder geistiger Einschränkung. Sie gilt besonders den Armen, den Kleinen, den Kranken und Schwachen, den an den Rand Gedrängten, Marginalisierten und Ausgestoßenen. Und seine Nachfolger fordert er auf, es ihm gleich zu tun und sich allen Menschen zuzuwenden. Nur so erweisen sie sich als wahre Nachfolger Jesu.

„Was ihr für eines dieser meiner geringsten Geschwister getan habt, habt ihr mir getan.“ (Mt 25,40)

Welchen Erfahrungen und Impulsen, welcher Inspiration verdankt sich diese unbedingte Offenheit Jesu allen Menschen gegenüber?
Ich glaube, sie hat mit seinem einzigartigen Gottesverständnis zu tun, mit der Art und Weise, in der Jesus Gott seinen „Vater“ nennt. Er wählt dafür einen Ausdruck („Abba“), der jedem Juden als Anrede Gottes zu wenig feierlich und respektlos erschienen wäre. „Es ist, in religiöser Sprache durchaus ungebräuchlich, die vertraute Anrede des Kindes an seinen irdischen Vater“ (Bornkamm, Jesus von Nazareth, 113). Gott ist für Jesus der „Vater“, der seine Sonne aufgehen lässt „über Bösen und Guten“, der regnen lässt „über Gerechten und Ungerechten“ (Mt 5,45; vgl. 21,28-32). Alle Menschen sind seine Kinder!
Die schöpfungstheologische Aussage von der Gottebenbildlichkeit und damit von der Würde aller Menschen (Gen 1,27) findet hier ihren neutestamentlichen Ausdruck. Wenn Jesus Gott seinen Vater nennt und in allen Menschen seine Schwestern und Brüder sieht, dann bringt er damit zum Ausdruck, dass jeder Mensch zu Gott und alle Menschen als Kinder Gottes zueinander gehören.
Darum endet die bunte Gemeinde Jesu Christi nicht an unseren Kirchentüren, sondern ist offen für alle. Jeder und jede ist willkommen. „Alle inklusive sozusagen“ (Pilnei, Bunte Gemeinde, 9). Das beginnt in unseren Familien, Häusern und Nachbarschaften. Es setzt sich fort in Kindergottesdienst-, Jungschar- und Jugendgruppen. Es prägt unsere Gottesdienste, evangelistischen und diakonischen Angebote – und hoffentlich bald auch unsere Gemeinde- und Bundesstrukturen.
„Bunte Gemeinde“ beginnt mit dem „Staunen über Christus im Anderen“ – auch in dem oder der Anderen, die so gar nicht unserem frommen, bürgerlichen oder wie auch immer geprägten Klischee entsprechen! Denn:

„In der Nachfolge Jesu Christi
kann der Mensch in der Welt von heute
wahrhaft menschlich leben, handeln, leiden und sterben:
in Glück und Unglück, Leben und Tod gehalten von Gott
und hilfreich den Menschen.“
(Küng, Jesus, 14)


Literatur

  • Franz Annen, Art. „thaumazo – sich wundern, staunen“. In: EWNT II, 332-334.
  • Jürgen Becker, Paulus. Der Apostel der Völker. J.C.B. Mohr (Paul Siebeck): Tübingen 1989.
  • Georg Bertram, Art. „thauma, thaumazo, thaumasios, thaumastos“. In: ThWNT III, 27-42.
  • Günther Bornkamm, Jesus von Nazareth. Verlag W. Kohlhammer: Stuttgart / Berlin / Köln / Mainz 13. Aufl. 1983.
  • Carsten Claußen, Bunt kann man lernen! Das frühe Christentum entdeckt die Vielfalt. In: HERRLICH. Das GJW-Magazin 01/2015, 10-13.
  • Adolf Deissmann, Paulus. Eine kultur- und religionsgeschichtliche Skizze. J.C.B. Mohr (Paul Siebeck): Tübingen 2. Aufl. 1925.
  • Christian Dietzfelbinger, Die Berufung des Paulus als Ursprung seiner Theologie. Neukirchener Verlag: Neukirchen-Vluyn 2. Aufl. 1989.
  • Giuseppe Galli, Psychologie der sozialen Tugenden. Böhlau: Wien 1999.
  • Mathias Hebebrand, Über das Staunen. Das Entstehen von Subjekt und äußerer Welt, der Behandlungsprozess und Entwicklungen der Psychoanalyse im Lichte eines seltsamen Gefühls. Überarbeitete Fassung eines Vortrags, gehalten am 4. Februar 2005 im Lehrinstitut für Psychoanalyse und Psychotherapie e.V. Hannover (DPG).
  • Jeanne Hersch, Das philosophische Staunen. Einblicke in die Geschichte des Denkens. Benziger Verlag: Zürich / R. Piper & Co.: München 1981.
  • Richard Janus, 1.-3. Johannesbrief. In: Bernhard Dressler / Harald Schroeter-Wittke (Hrsg.), Religionspädagogischer Kommentar zur Bibel. Leipzig 2012, Seite 605-613.
  • Gerald Kruhöffer, Der Mensch, das Bild Gottes (Biblisch-theologische Schwerpunkte 16). Vandenhoeck & Ruprecht: Göttingen 1999.
  • Hans Küng, Jesus. Piper Verlag: München / Zürich 2. Aufl. 2013.
  • Horst Kuhli, Art. „eikon – Bild, Abbild, Urbild“. In: EWNT I, 942-949.
  • Rudolf Otto, Das Heilige. Über das Irrationale in der Idee des Göttlichen und sein Verhältnis zum Rationalen. C.H. Beck: München 1963 (Erstauflage 1917).
  • Oliver Pilnei, Bunte Gemeinde – Staunen über Christus im Anderen. In: HERRLICH. Das GJW-Magazin 01/2015, 7-9.
  • Paul Tillich, Das Neue Sein als Zentralbegriff einer christlichen Theologie. In: Mensch und Wandlung. Eranos-Jahrbuch 23 (1955), 251-274 (GW VIII, 220-239).
  • Paul Tillich, Systematische Theologie Band II. Evangelisches Verlagswerk: Stuttgart 1958 (8. Aufl. Frankfurt am Main 1984).
  • Philipp Vielhauer, Geschichte der urchristlichen Literatur. Einführung in das Neue Testament, die Apokryphen und die Apostolischen Väter. Walter de Gruyter: Berlin / New York 1975.
  • Gerhard von Rad / Gerhard Kittel / Herrmann Kleinknecht, Art. „eikon“. In: ThWNT II, 378-396.
  • Claus Westermann, Genesis. 1. Teilband: Genesis 1-11 (BKAT I/1). Neukirchener Verlag: Neukirchen-Vluyn 3. Aufl. 1983.

(c) Volkmar Hamp