Apokryphe Gleichnisse
Alte Texte neu entdeckt


Kurzbeschreibung
Wem die im Neuen Testament überlieferten Gleichnisse Jesu nicht reichen, der findet in den sog. „Neutestamentlichen Apokryphen“ einige interessante „unbekannte Jesusworte“, die die Botschaft Jesu vom Reich Gottes auf ungewohnte Art veranschaulichen.

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Material
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Von Fischern, Hausfrauen und Attentätern

Die neutestamentlichen Gleichnisse sind sehr bekannt. Nicht so bekannt ist, dass in den sogenannten „Neutestamentlichen Apokryphen“ (Schriften aus der Frühzeit des Christentums, die keine Aufnahme in den neutestamentlichen Kanon fanden) eine Reihe von Gleichnissen überliefert sind, von denen einige vielleicht tatsächlich auf den „historischen“ Jesus zurückgehen.
Unter dem Titel „Unbekannte Jesusworte“ hat der Neutestamentler Joachim Jeremias vor vielen Jahren solche Gleichnisse und andere Jesusworte aus der apokryphen Überlieferung (von griech.: apókryphos = verborgen) zusammengestellt und kommentiert (Gütersloh 1963). Weitere Texte finden sich u.a. bei Edgar Hennecke, Neutestamentliche Apokryphen in deutscher Übersetzung. I. Band: Evangelien (3., völlig überarbeitete Auflage herausgegeben von Wilhelm Schneemelcher, Tübingen 1959). Zum Beispiel die folgenden aus dem Thomasevangelium (2. Jhdt. n. Chr.):

„Der Mensch gleicht einem Fischer, der sein Netz ins Meer warf und es wieder aus dem Meer heraufzog: Da war es voll von kleinen Fischen. Unter ihnen fand der kluge Fischer einen guten großen Fisch. Da warf er all die kleinen Fische wieder hinunter ins Meer und wählte den großen Fisch ohne Zaudern. Wer Ohren hat zu hören, der höre!“ – Eine Parallele zu den Gleichnissen vom Schatz im Acker und der kostbaren Perle (Matthäus 13,44-46).

„Das Reich des Vaters ist gleich einer Frau, die ein Gefäß voller Mehl trägt, wobei sie auf einem entfernten Wege geht. Der Henkel des Gefäßes st zerbrochen, das Mehl hat sich zerstreut hinter ihr auf den Weg. Sie bemerkte es nicht, und sie wusste nichts von dem Unfall, als sie in ihrem Haus ankam: Sie stellte das Gefäß auf die Erde, und sie fand es leer.“ – Eine Parallele zum Gleichnis von der selbstwachsenden Saat? (Markus 4,26-29)

„Das Reich des Vaters ist gleich einem Menschen, der töten wollte eine große Persönlichkeit: Er zog das Schwert in seinem Hause; er durchstach damit die Wand, um zu erfahren, ob seine Hand sicher wäre; dann tötete er die große Persönlichkeit.“ – Eine Parallele zu Jesu Mahnung, die „Kosten“ der Nachfolge zu überschlagen? (Lukas 9,62: „Wer seine Hand an den Pflug legt und sieht zurück, der ist nicht geschickt für das Reich Gottes.“)

Wie auch immer man die Authentizität dieser und anderer „unbekannter Jesusworte“ beurteilt – eine inspirierende Bereicherung für unser Nachdenken über die Botschaft Jesu sind sie allemal!


(c) Volkmar Hamp
Aus: Jungscharhelfer-Jahrbuch Band 1 (2010). Oncken-Verlag: Kassel 2009, Seite 156.