Ein Herz für Tiere
Biblische Perspektiven einer Tier-Ethik


Kurzbeschreibung
„Ein Herz für Tiere“ ist der Titel einer 1982 zum ersten Mal erschienenen Tierzeitschrift. Als Aufkleber ziert der Slogan so manches Auto von Tierfreunden und -freundinnen. Hat die Bibel auch „ein Herz für Tiere“? Lässt sich christliches Engagement für Tiere und Tierschutz biblisch-theologisch begründen? Der folgende Beitrag versucht eine Antwort.

Gruppengröße / Mitarbeiterbedarf
- / -

Zeitrahmen
15 Minuten Lesezeit.

Material
Literaturverzeichnis.

Vorbereitungsaufwand
-/-


Vorbemerkungen

Was lässt sich von der Bibel her zum Thema „Tiere“, „Tierschutz“, „Tier(schutz)-Ethik“ sagen? Zunächst einmal wohl nur, dass dies kein besonders hervorstechendes oder herausragendes Thema der biblischen Überlieferung ist!
Tiere gehören so selbstverständlich zur Lebenswelt des Alten Orients dazu, dass sie selbst und der Umgang mit ihnen nur selten ausdrücklich thematisiert werden. Haus- und Nutztiere dienen vor allem der Versorgung der Menschen mit Lebensmitteln und Kleidung. Vor Wildtieren muss man sich gegebenenfalls schützen, oder man kann sie jagen.
Zum Problem – und damit zu einem ethisch relevanten Thema – wird das Verhältnis zwischen Mensch und Tier erst durch die fortschreitende Entfremdung des Menschen von der Natur in der Neuzeit (vgl. Dinzelbacher): Industrielle Produktionsmethoden in der Landwirtschaft, massenhafte Tierquälerei in Legebatterien, Versuchslaboren und Pelztierfarmen und das von Menschen verursachte globale Artensterben sind nur einige Beispiele dafür.
Können biblische Texte in diesen Problemen ethische Orientierung geben und möglicherweise sogar biblisch-theologisch begründete Handlungsanweisungen liefern? Ich denke: Ja, das können sie! Und ich denke auch, dass wir als Christen hier eine besondere Verantwortung haben, denn „es wäre ein sehr verengtes ‚christliches Weltbild’, wenn wir theologisch bloß über das Gott-Menschverhältnis oder über das Verhältnis von Mensch und Mitmensch diskutieren wollten und alle übrige ‚Kreatur’ säkularen Organisationen wie dem Naturschutz oder dem Tierschutz überließen“ (Fascher 568).
Was also lässt sich von der Bibel her zum Thema „Tier-Ethik“ sagen?


Altes Testament

Zunächst einmal fällt auf, dass die Beziehung zwischen Mensch und Tier in verschiedenen alttestamentlichen Texten durchaus unterschiedlich beschrieben werden kann.
So wird zum Beispiel in Psalm 104, dem bekanntesten „Schöpfungspsalm“ der Bibel, dem Menschen keinerlei Vorrang, Sonderstellung oder Höherwertigkeit gegenüber anderen Lebewesen eingeräumt. Im Gegenteil: Der Mensch ist hier vollkommen eingeordnet und eingebettet in das Gesamtgefüge der Schöpfung. „Wenn es irgendwo in der Bibel eine Grundlage für die Rede von der Mitgeschöpflichkeit zwischen Tier und Mensch und für das franziskanische ‚Bruder und Schwester’ gegenüber den Mitgeschöpfen gibt, dann hier.“ (Liedke 204).
Auf der anderen Seite scheinen Mensch und Tier in der Urgeschichte des sog. „Jahwisten“ durchaus „miteinander im Konflikt“ zu sein, wobei allerdings die Betonung auf dem „Miteinander im Konflikt“ liegt: Zwar werden (in 1. Mose 3-11) Erfahrungen thematisiert, die durch die Risse und Konflikte in der Schöpfung verursacht sind – u.a. auch die Erfahrung der Feindschaft zwischen Menschen und Tieren (1. Mose 3,14f) –, doch dadurch wird das „Gute“ der Schöpfung (aus 1. Mose 2) keineswegs aufgehoben (wie z.B. die Raben- und Taubenepisode der jahwistischen Sintflutgeschichte zeigt).
So kann das Verhältnis des Menschen zu den Tieren für den Jahwisten auf folgende Formel gebracht werden: „Im Konflikt wird das Miteinander, die Mitgeschöpflichkeit festgehalten“ (Liedke 206).
Wieder anders sieht das die sog. „Priesterschrift“: Der Mensch wird hier als „Herr der Tiere“ vorgestellt. Doch das bedeutet für die Priesterschrift: „im Bewusstsein leben, dass die gegebene Gewaltsituation zwischen Mensch und Tier nicht dem ursprünglichen Schöpfungswillen Gottes entspricht, sondern vom Menschen verursacht ist; alles tun, um dennoch den Segen der Schöpfung nicht verloren gehen zu lassen: die Gewalt gegenüber Tieren minimieren.“ (Liedke 209).
In den rechtlichen Regelungen des Alten Testamentes zum Mensch-Tier-Verhältnis schlägt sich die ganze Skala dieser Vorstellungen darin nieder, dass das Lebensrecht der Tiere dort weitestgehend respektiert und geschützt wird: „Dem dreschenden Ochsen soll kein Maulkorb umgelegt werden (5. Mose 25,4), dem fallenden Esel oder Ochsen des Nächsten soll aufgeholfen werden (5. Mose 22,4), die Mutterschaft des Haustieres soll geschont werden (3. Mose 22,27; 2. Mose 22,29), die Haustiere werden in die Sabbatruhe einbezogen (2. Mose 20,10; 5. Mose 5,14) ...“ (Liedke 210).
Und hinsichtlich der alttestamentlichen Tieropferpraxis bleibt festzuhalten, dass sie – nach dem Opfer Jesu am Kreuz – der Vergangenheit angehört!


Neues Testament

Ob Jesus ein Tierfreund war? Oder gar ein Tierschützer? Das wohl nicht! „Es fällt auf, dass Jesus wesentlich häufiger von ihnen (= den Tieren) spricht, als dass er etwas mit ihnen zu tun hätte. Zu Tieren spricht er kein einziges Mal. Wo er die Tiere nicht zum Essen oder zum Reiten braucht, dienen sie ihm als Symbol oder als Vergleich.“ (Blanke 109). Oder noch schärfer formuliert: „An keiner Stelle wird uns berichtet, dass sich Jesus um ein Tier um des Tieres willen gekümmert hätte. Seine Sendung war: zu den Menschen. Sein Ruf war: zum Glauben. Ihn kümmerten, ihn jammerten die Menschen, nicht die Tiere – und unter den Menschen zuallererst seine Volks- und Glaubensgenossen.“ (Blanke 110; vgl. die Geschichte von der kanaanäischen Frau in Mt 15).
Doch auch wenn das wahr ist – es ist nicht die ganze Wahrheit! Auf eine andere Spur führt eine kleine, aber für unser Thema zentral wichtige Notiz in Markus 1,13: „Jesus weilte 40 Tage in der Wüste, vom Satan versucht; er lebte mit den wilden Tieren zusammen, und die Engel bedienten ihn.“
Die Ausleger sind sich heute darin einig, dass diese Notiz vom Zusammenleben mit den Tieren nicht die schauerliche Einöde der Wüste ausmalen soll, sondern als Zeichen des mit Jesus angebrochenen Heils zu verstehen ist. Das prophetische Motiv vom endzeitlichen Frieden, in den auch die Tiere mit eingebunden sind (Jesaja 11,6-9; vgl. Hosea 2,20, Ezechiel 34,25-28), wird hier aufgegriffen und erfüllt: „In Jesus bricht das ganz neue Handeln Gottes mit Mensch und Tier an, das weit über eine Wiederherstellung der in Psalm 104, 1. Mose 2 und 1. Mose 1 geschilderten Zustände hinausgeht, ‚ein neuer Himmel und eine neue Erde’ (Jesaja 65,17; 66,22).“ (Liedke 211) Da ist es nur konsequent, wenn in Markus 16,15 die Verkündigung des Heils dann auch der gesamten Schöpfung gilt!
Und das ist eine Perspektive, als deren getreuer Schüler sich Paulus erweist, wenn er (in Römer 8,19-22) „die Rechtfertigung der Gottlosen ... kosmologisch als Heil für die gefallene und stöhnende Welt variiert“ (Ernst Käsemann, Handbuch zum Neuen Testament VIIIa, 226; zitiert bei Liedke 212). Auch wenn der Apostel aus seiner Eschatologie keine „tierethischen“ Konsequenzen zieht, so liegt doch auf der Hand, „dass jede Vermehrung tierischen Leidens, jede Steigerung der Nutzung über das für den Menschen Lebensnotwendige hinaus, nicht als ‚ein Zeichen der Verheißung’ verstanden werden kann“ (Liedke, „Tier-Ethik“, S. 213). Im Gegenteil: „Es ist im Sinne des Neuen Testaments ein Handlungszug des Glaubens, kreatürliches Leiden bei allem Lebendigen nach Kräften zu lindern und zu verringern ...“ (Steck, Welt und Umwelt, S. 223).


Fazit

Zusammenfassend kann man – mit Gerhard Liedke – sagen: „Einen naiven Ökobiblizismus können wir uns nicht leisten. Aber ebenso deutlich ist: Das gesamtbiblische Zeugnis legt uns für die heutige Situation extremer Gewalt gegen die Tiere und extremen Leidens der Tiere nahe, Minimierung der Gewalt gegenüber den Tieren und Linderung des Leidens der Tiere, wo immer es geht, als christliche Handlungsmaxime zu betrachten. Damit wird nicht das Reich Gottes auf Erden hergestellt, damit werden aber Zeichen der Hoffnung auch für die Tiere gesetzt“ (Liedke, „Tier-Ethik“, S. 213).


Literatur

  • Walther Bindemann, Die Hoffnung der Schöpfung. Römer 8,18-27 und die Frage einer Theologie der Befreiung von Mensch und Natur. Neukirchener Verlag Neukirchen-Vluyn 1983.
  • Michael Blanke, War Jesus ein Tierschützer? In: Schmidt, Leben ohne Seele?, 108-121.
  • Peter Dinzelbacher (Hrsg.), Mensch und Tier in der Geschichte Europas. Alfred Kröner Verlag Stuttgart 2000.
  • Erich Fascher, Jesus und die Tiere. In: Theologische Literaturzeitung 90 (1965) 561-570.
  • Bernd Janowski / Ute Neumann-Gorsolke / Uwe Gleßner (Hrsg.), Gefährten und Feinde des Menschen. Das Tier in der Lebenswelt des alten Israel. Neukirchener Verlag Neukirchen-Vluyn 1983.
  • Hermann Kirchhoff, Sympathie für die Kreatur. Mensch und Tier in biblischer Sicht. Kösel-Verlag München 1987.
  • Desmond Morris, Der Vertrag mit den Tieren. Mensch und Tier als Schicksalsgemeinschaft für das Überleben auf unserer Erde. Wilhelm Heyne Verlag München 1993.
  • Gerhard Liedke, „Tier-Ethik“ – Biblische Perspektiven. Ein Bericht. In: Janowski / Neumann-Gorsolke / Gleßner (Hrsg.), Gefährten und Feinde des Menschen, 199-213.
  • Eberhard Röhrig (Hrsg.), Der Gerechte erbarmt sich seines Viehs. Stimmen zur Mitgeschöpflichkeit. Neukirchener Verlag Neukirchen-Vluyn 1992.
  • Wolf-Rüdiger Schmidt u.a., Leben ohne Seele? Tier – Religion – Ethik. Gütersloher Verlagshaus Gerd Mohn Gütersloh 1991.
  • Helmut Schreier, Die Rechte der Tiere. Unterrichtseinheit zur Umwelterziehung in Klasse 6-8. In: Die andere Seite der Umwelterziehung. Anregungen für ein neues Verständnis in Sekundarstufe I. Lehrerhandreichungen mit Schülermaterialien und Kopiervorlagen. Cornelsen Verlag Düsseldorf 1991, S. 23-31.
  • Albert Schweitzer, Philosophie und Tierschutzbewegung. In: Ders., Die Lehre von der Ehrfurcht vor dem Leben. Grundtexte aus fünf Jahrzehnten. Im Auftrag des Verfassers herausgegeben von Hans Walter Bähr. Verlag C.H. Beck München 1966, S. 92-98.
  • Odil Hannes Steck, Welt und Umwelt (Biblische Konfrontationen). Verlag W. Kohlhammer Stuttgart / Berlin / Köln / Mainz 1978.
  • Harald Steffahn, Menschlichkeit beginnt beim Tier. Gefährten und Opfer. Kreuz Verlag Stuttgart 1987. Tiere in der Bibel. :in Religion – Unterrichtsmaterialien Sek. I, 4/2000. Bergmoser + Höller Verlag Aachen 2000.


(c) Volkmar Hamp
Aus: Jungscharhelfer-Jahrbuch Band 1 (2010). Oncken-Verlag: Kassel 2009, Seite 13-15.