Gottesdienst


1. Die Mitte der christlichen Botschaft ist das Evangelium von der Liebe Gottes!

Konkret wird diese Liebe in der Person, im Handeln und Reden, im Leben, Sterben und Auferstehen Jesu!
Besonders klar wird das in den Jesusberichten der drei ersten Evangelien. Jesus bringt uns seinen Vater als den bedingungslos liebenden Gott nahe (Gleichnis von den Verlorenen Söhnen). Und er lebt diese bedingungslose Liebe. Dabei gehören Gottes- und Nächstenliebe (und Feindesliebe!) für ihn untrennbar zusammen. Die Liebe zu den Menschen, vor allem zu den Benachteiligten, ist für ihn die naheliegende, „selbstverständliche“ Folgerung aus der Liebe Gottes!
(Und an dieser Stelle kommen auch die Kinder ins Spiel: Sie gehören zu den Benachteiligten!)
In der Liebe zu Gott und zum Nächsten ereignet sich der Glaube. Folgerichtig heißt es in einer späteren Schicht des Neuen Testamentes: „Gott ist Liebe, und wer in der Liebe bleibt, der bleibt in Gott und Gott in ihm.“ (1. Joh. 4,16)
Selbst Paulus, der betont, dass die „Gerechtigkeit des Menschen vor Gott“ allein auf dem Glauben beruht (Röm. 1,17 u.ö.), nennt die Liebe größer als alles andere, größer sogar als den Glauben, „der Berge versetzt“ (1. Kor 13,2)!


2. Wenn das alles stimmt, dann hat das Folgen für den christlichen Gottesdienst:

Unsere Gottesdienste müssen diesem Evangelium von der Liebe Gottes entsprechen, nicht nur mit dem, was sie bewusst ausdrücken, sondern auch mit dem, was sie etwa unbewusst transportieren! Man kann Liebe nicht auf lieblose Weise verkündigen! Man kann nicht mit lieblosen Gottesdiensten die Liebe Gottes feiern!
Ein Afrikanisches Sprichwort: „Was ihr tut, redet so laut, dass ich nicht hören kann, was ihr sagt!“
Im Gottesdienst muss also das Evangelium von der Liebe Gottes Gestalt gewinnen – nicht nur durch das, was wir sagen, sondern vor allem durch das, was wir tun und wie wir es tun!


3. Die Anfänge des christlichen Gottesdienstes

3.1. Jesus
Gottesdienst – so wie Jesus ihn versteht – findet nicht (nur) im Tempel oder in der Synagoge statt, sondern genau so (wenn nicht mehr) in der Begegnung mit den Menschen auf der Straße, auf dem Feld, am See und in besonderer Weise beim gemeinsamen Essen!
Jesus hebt die für die gesamte Antike grundlegende Unterscheidung zwischen dem Temenos, dem heiligen Bezirk, und der Profanität auf und kann sich deshalb den Sündern zugesellen. Für Jesus ist alles auf Gott ausgerichtete Tun Gottesdienst: vor allem das Tun, das sich in Liebe dem Nächsten, dem Benachteiligten und Schwachen zuwendet.
Die Liebe zu Gott und den Menschen ist für Jesus Gottesdienst, der „Gottesdienst des Lebens“. Die Kultkritik der alttestamentlichen Propheten (z.B. Hosea) greift er zustimmend auf: „Barmherzigkeit will ich und nicht Opfer!“ (Mt. 9,13)
Besonders deutlich wird dies in der Mahlgemeinschaft, die Jesus mit seinen Jüngern (und allen Menschen) hat: Das „ganz normale“ Essen (ein Sättigungsmahl) wird durch Verkündigung und Gebet zu einem „heiligen“ Mahl (Abendmahl). Im „ganz normalen“ Alltag vollzieht sich ein „gottesdienstliches“ Geschehen.
„Und sie begannen, ein fröhliches Fest zu feiern“, heißt es im Gleichnis vom „Verlorenen Sohn“: Die Freude eines gemeinsamen Festes ist die angemessene Antwort auf die Liebe des Vaters zu seinen verlorenen Söhnen.
Liebe, Zuwendung zu den Mitmenschen, ist für Jesus der eigentliche Gottesdienst, und aus ihr wächst das Fest der Gemeinschaft mit Gott und denen, die sich von Jesus zu Gott einladen lassen.


3.2. Die frühe Kirche
Paulus gebraucht das Wort „Gottesdienst“ (Latreia = [Opfer]Kult) für das Leben der Christen! (Römer 12,1). Was in der Folgezeit „Gottesdienst“ genannt wird, bezeichnet er als „Versammlung“ (ekklesia). Die „ekklesia“ war die Versammlung der freien Bürger einer Stadt: der Ort gegenseitigen Austausches über die Themen des alltäglichen Lebens.
Diese Auffassung von Gottesdienst entspricht der von Jesus: Gottesdienst ist keine Institution, kein Kult, sondern alles auf Gott hingewandte Tun des Menschen, vor allem die Liebe. Als „Institution“ ist Gottesdienst ein Ort des Austauschs, der gegenseitigen „Ermahnung / Tröstung“ und Seelsorge.
Die „Versammlungen“ der frühen Christen setzen diese Praxis Jesu fort: Hier wird Gemeinschaft mit Gott, mit Jesus und untereinander erlebt. Abgrenzungen und Abstufungen zwischen den Gemeindegliedern, Männern und Frauen, Freien und Sklaven, Juden und Nichtjuden sind – zumindest in der Frühzeit der Kirche – nicht vorhanden!
Die Gottesdienste der frühen Christenheit waren gemeinschaftliche Mahlzeiten, in deren Verlauf an Jesu Leben und Sterben erinnert wurde. Verkündigung, Lied und Gebet haben hier ihren Platz. Bekenntnisse kommen hinzu. Aber das gemeinschaftliche Essen und das gegenseitige Sich-Erinnern an die guten Taten Gottes stehen im Mittelpunkt. Und viele Gemeindeglieder kommen zu Wort: Apostel, Propheten, Lehrende, in unverständlichen Lauten Redende und deren Interpreten, Ausleger der heiligen Schriften (das „Alten Testamentes“) und Vorsänger – eine bunte Vielfalt, die eher eingedämmt und in eine gewisse Ordnung gebracht als institutionell für das gottesdienstliche Leben gesichert werden muss (1. Kor 12 und 14).
Selbstverständlich redet man miteinander im Gottesdienst! Die Gemeindeversammlung ist ein Ort gegenseitigen Austauschs und somit einer bestimmten Art von Seelsorge. Und sie ist ein Ort, an dem Verabredungen für die Zeit außerhalb der Versammlungen getroffen werden (gegenseitige Hilfe und Unterstützung etc.).
Die Versammlung dient außerdem der gegenseitigen Fürsorge – auch in materieller Hinsicht (Nahrungsmittel und Geld werden geteilt).
Die formale Struktur dieses Gottesdienstes ist der Kreis, nicht die Pyramide einer Hierarchie – so gewiss es unterschiedliche Funktionen und Ämter gab, und schon gar nicht die eines Blocks von vielen, der auf einen einzelnen angewiesen ist: der Herde.
Der Gottesdienst der frühen Kirche ist die „Schaltzentrale“ der Gemeinde: Diese Versammlung ist mit dem Leben, mit dem „Gottesdienst außerhalb“ ganz eng verknüpft. Sie dient ihm, stärkt die Gemeinde für ihre Sendung in die Welt – durch Verkündigung, Gebet, Gemeinschaft, gegenseitigen Austausch, Seelsorge, Freude, Lobpreis Gottes, Sättigung, Vergewisserung der Nähe Jesu, Verabredung, materielle Hilfe. Die Versammlung ist ein Teil des „Lebensgottesdienstes“. Sie ist in diesen nahtlos eingefügt. Kein heiliger Bezirk, der vom übrigen Leben getrennt ist. Keine klaren Grenzen innerhalb!
Die von Jesus gelebte Aufhebung von Sakralität und Profanität wird auch hier deutlich: Sich selbst Gott zur Verfügung stellen, das ist der „wahre Gottesdienst“. Dies geschieht in der Versammlung nicht deutlicher als im Alltag. Sie stellt gewissermaßen die „Wohnung“ der Christen dar, in die sie immer wieder zurückkehren, und diese Wohnung ist ihrem Wesen nach Gemeinde.


4. Daraus gewonnene Maßstäbe

Wir können (und sollen) natürlich nicht die gottesdienstliche Mahlzeit der frühen Christen nun als Normalfall christlicher Gemeindeversammlungen einfach in unsere Zeit übertragen! Aber auf Grund des Evangeliums und angesichts dieser Urform des christlichen Gottesdienstes ist nachdrücklich festzustellen, dass der Liebe, vor allem als real erfahrbarer Gemeinschaft, eine zentrale Stellung im Gottesdienst gebührt! Und das ist letztlich keine Frage seiner Form, sondern seines Wesens!
Außerdem erkenne ich an der Verkündigung Jesu und an der Entstehungsgeschichte dessen, was wir heute – eingeengt – „Gottesdienst“ nennen, dass das Christentum ursprünglich „unkultisch“ ist. Das Neue Testament verneint die Möglichkeit, Gott im Kult oder in der mystischen Versenkung – wie christlich beides sich auch geben mag – näher zu sein als im Alltag der Welt (Alles hat mit Gott zu tun!).
Der christliche Gottesdienst ist eine Ellipse mit zwei Polen: Der eine Pol ist der Abstand von der Welt, der andere das völlige In-der-Welt-Sein.

(c) Volkmar Hamp