Von Jesus lernen
Biblische Perspektiven zu einer theologischen Anthropologie des Kindes



Biblische Perspektiven

1. Altes Testament

1.1 Ganz selbstverständlich ist dem Alten Testament eine Erziehung mit Zucht und Strenge (Agnes Wuckelt). Maßstab der Erziehung ist die Orientierung an Brauch und Sitte – nicht das Kind! Die Folge ist manchmal (wie
in Sirach 30, 1-13) eine durchaus „Schwarze Pädagogik“ (Katharina Rutschky). Wo deren Aussagen heute zu verbindlichen – da in der Heiligen Schrift begründeten! – Erziehungsrichtlinien erklärt werden, wird schlicht und
einfach der zeitgeschichtliche Kontext übersehen, in dem sie formuliert wurden und von dem her sie zu verstehen sind.
1.2 Das Alte Testament kennt allerdings auch das andere: „Kinder sind eine Gabe des Herrn“ (Ps 127, 3). Sie sind Garanten der Bundestreue Gottes (1. Mose 15). Darum gehört es zur Einhaltung dieses Bundes, sich nicht nur Nachkommen von Gott schenken zu lassen, sondern diese Nachkommen auch mit dem Heilshandeln Gottes in der Geschichte des Volkes bekannt zu machen (2. Mose 12, 26: „Wenn euch eure Söhne fragen ...“) und sie
zum Einüben und Halten der Gebote anzuleiten. Und genau hier – das ist das Besondere! – bilden Erwachsene und Kinder eine „Lerngemeinschaft“.
1.3 Dabei kennt natürlich auch das Alte Testament in der Beziehung zwischen Kindern und Erwachsenen ein „Generationenproblem“: So gehört zur eschatologischen Erwartung die Hoffnung auf Versöhnung der Generationen durch Gott dazu! „Er (der wiederkommende Elia) wird das Herz der Väter wieder den Söhnen zuwenden und das Herz
der Söhne ihren Vätern, damit ich nicht kommen und das Land dem Untergang weihen muss“ (Mal 3, 24). In eschatologischer Perspektive wird das Kind dann sogar zu einer prophetischen Symbolfi gur, vgl. Jes 11, 6-8. Ausgerechnet ein Kind (inmitten wilder Tiere) wird zum Bild für Gottes neue Welt. Und so erwartet Jesaja alles von der Geburt des königlichen Kindes, das der endgültige Friedefürst und Gerechtigkeitsbringer sein wird (Jes 9, 1-6). Kein Wunder, dass in dieser Tradition Kinder und Jugendliche zu aktiven Gestaltern der Zukunft Gottes werden: „Eure Söhne und Töchter werden Propheten sein ...“ (Joel 3, 1f.).


2. Neues Testament

2.1 In Jesus wird Gott nicht nur Mensch – er wird ein Kind! Die Radikalität der Inkarnation Gottes liegt darin, dass Jesus das Menschsein von Anfang an erlebt (und erlitten!) hat. Vielleicht wird er darum – lange vor Rousseau! – zum „Entdecker des Kindes“ (Emil Brunner). Jedenfalls erkennt er in einer kaum zu überbietenden Radikalität Kinder als vollwertige Subjekte an – und nicht nur als „Vorstufe“ dazu – und bringt so das Eigenrecht der Kindheit zur Geltung.
2.2 Eine Fülle von Belegstellen ließe sich hierzu heranziehen. Was Jesus in Einzelfällen praktiziert, kommt dann im so genannten „Kinderevangelium“ (Mk 10, 13-16 par.) ausdrücklich zur Sprache: Ganz unmittelbar prallen hier drei grundverschiedene Auffassungen über Kinder aufeinander: Die Frauen, die ihre Kinder einfach nur mit dem Wunderrabbi Jesus aus Nazaret in Kontakt bringen wollen; die Jünger Jesu, die sie brüsk abweisen und ihnen damit zu verstehen geben, was Kinder in ihren Augen wert sind; und Jesus, der auf dieses Verhalten seiner Jünger aufgebracht reagiert. Jesus lässt die Kinder zu sich kommen, umarmt und segnet sie so wie sie sind (also als Kinder!) und sagt ihnen die Zugehörigkeit zum Reich Gottes zu. Das Reich Gottes wird geschenkt. „Man“ muss nur kommen, bitten und annehmen – und genau das tun Kinder, wenn man sie lässt. Ganz spontan. Und genau dadurch werden sie ein Modell für den Glauben schlechthin.
2.3 Warum Erwachsene sich allzu häufig selbst im Wege stehen, wenn es darum geht, das Reich Gottes zu fi nden, macht der „Rangstreit der Jünger“ deutlich (Mt 18, 1-5 par.): Indem Jesus ein Kind in ihre Mitte stellt und es zum Maßstab des Reiches Gottes erklärt, erteilt er dem Streben der Jünger nach den „besten Plätzen“ eine Absage, wie sie an Klarheit nichts zu wünschen übrig lässt. Diejenigen, die (noch) nichts gelten, weil sie nichts leisten können, die im Konkurrenzkampf unterliegen und an den Rand gedrängt werden, sie sind es, auf deren Seite Jesus sich schlägt. Und in seinem Umgang mit Kindern bezeugt er demonstrativ, was passiert, wenn die Herrschaft Gottes Raum gewinnt: Da wird Kindern und Säuglingen bescheinigt, dass sie – obwohl sie es an Wissen mit den theologisch Gebildeten nicht aufnehmen können – intuitiv oft mehr erfassen als diese (Mt 21, 6 – vgl. Ps 8, 3). Den Unmündigen wird geoffenbart,
was den Weisen und Klugen verborgen bleibt (Mt 11, 25)!
2.4 Schade, dass die neutestamentlichen Briefe sich von der Umgangsweise Jesu mit den Kindern wieder entfernt zu haben scheinen. So ist nach 1. Tim 3, 4 ein „guter Familienvater“, wer seine Kinder „zu Gehorsam und allem Anstand“ erzieht. Kinder gelten also schon hier wieder in erster Linie als Wesen, die – weil sie noch nicht „fertig“ sind – „erzogen“ werden müssen. Und dazu werden dann die damals gängigen Erziehungspraktiken herangezogen: Die christliche Familie und die christliche Gemeinde lebt weitgehend in den entsprechenden traditionellen Vorstellungen.
Eine eigene, sich auf die Praxis Jesu gründende Pädagogik hat die Urkirche jedenfalls nicht hervorgebracht (Walter Rebell). So wird den Kindern nur „Ehrerbietung“ gegenüber den Eltern eingeschärft, während diese lediglich ermahnt werden, „die eigenen Kinder nicht zu reizen“ (Eph 6, 1-4). Vom Voneinander- und Miteinander-Lernen ist hier nicht mehr viel zu spüren!


Und was jetzt?

Auch heute gerät die Perspektive der gemeinsamen Bedürftigkeit von Kindern und Erwachsenen vor Gott schnell aus dem Blick. Aus gegenseitiger Hilfe zum Leben wird so oft eine einseitige Erziehung unter Geboten und Verboten.
Die Zählebigkeit eines solchen „ordnungspädagogischen“ Denkens lässt sich gut nachvollziehen: Kinder sind ja nicht nur süße kleine Geschöpfe, sondern auch ungebändigte Wesen. Sie handeln sprunghaft und unbesonnen und verbreiten jede Menge Chaos. Da ist „gemeinsames Lernen“ manchmal schwer zu verwirklichen.
Doch auch darum geht es beim Nachdenken über die Stellung der Kinder und das Zusammenleben der Generationen: um das Bewusstsein des Scheiterns und das Benennen von Schuld. Eine neue Gemeinsamkeit zwischen den Generationen kann nur aus einem neuen gegenseitigen Vertrauen heraus wachsen. Nicht die Pose der Stärke, sondern das Eingeständnis eigener Schwäche führt zueinander.
Das Neue Testament bringt uns auch hier auf die richtige Spur: Wenn selbst in Eph 6,4 ausdrücklich von der „Zucht bzw. Erziehung des Herrn“ (paideia kyriou) die Rede ist, dann gewinnt der Erziehungsvorgang als ganzer eine neue Sinnrichtung: Er wird für die Gläubigen zu einem von Jesus Christus bestimmten und inspirierten Tun! Und was das praktisch heißt, lernen wir am Besten von Jesus selbst!


Literatur

  • Peter Müller, In der Mitte der Gemeinde. Kinder im Neuen Testament. Neukirchener Verlag, Neukirchen-Vluyn 1992.
  • Walter Rebell, Urchristentum und Pädagogik.

(c) Volkmar Hamp & Kay Moritz