„Zur Sonntagsschule gehn wir gern ...“
Günter Balders und das „Kinderliederbuch“


Vorbemerkungen

Wer schon mal das Vergnügen hatte, ein Liederbuch für Kindergottesdienst- und/oder Jungschargruppen mit herausgeben zu dürfen, weiß, dass dies eine spannende und herausfordernde Aufgabe ist:

  • Welches Format soll das Buch haben und welche Ausstattung?
  • Wie viele Lieder soll es enthalten – und welche?
  • Sollen die Lieder mit Text und Noten abgedruckt werden, oder macht man eine Textausgabe (mit Gitarrengriffen) für „normale“ Benutzer und Benutzerinnen und eine Notenausgabe für Kinder und Mitarbeitende mit Notenkenntnissen?
  • Welchen inhaltlichen und/oder musikalischen Kriterien sollen die Lieder genügen?
  • Wie kann man bei der Liedauswahl verschiedenen Altersgruppen und unterschiedlichen Gemeindetraditionen gerecht werden?
  • Soll das Liederbuch überwiegend aktuelle „Schlager“ enthalten, neue Lieder „unters Volk bringen“ oder altes Liedgut pflegen?
  • Werden – über das reine Singen der Lieder hinaus – noch weitere theologische und/oder pädagogische Ziele verfolgt?
  • Sollen bestimmte biblische Inhalte oder theologische Aussagen vorkommen?
  • Wie werden die Anforderungen des Gemeindealltags (Kirchenjahr, besondere Gottesdienste, Tages- und Jahreslauf) berücksichtigt?
  • Soll das Liederbuch Anregungen zur Gestaltung der Lieder enthalten (z.B. mehrstimmige Notensätze, einfache Liedbegleitungen, Anregungen für Bewegungen und zur spielerischen Gestaltung)?

Günter Balders hat sich Anfang der 80er Jahre diesen Herausforderungen gestellt und – zusammen mit Marita Imhof, Hinrich Schmidt, Wilfried Siemens und Ulrike Szepan – ein Kinderliederbuch herausgegeben, das über viele Jahre die Sonntagsschul- und Kindergottesdienstlandschaft im freikirchlichen Raum mitgeprägt hat und auch heute (nach mehr als 20 Jahren!) noch in manchen Kindergruppen in Gebrauch ist.
Die Rede ist von dem „gelben Liederbuch“, das 1986 unter dem Titel „Unser Kinder-Lieder-Buch“ (KiLiBu) als Koproduktion verschiedener freikirchlicher Sonntagsschulwerke erschien. Von Verlagsseite waren beteiligt: der Oncken Verlag Wuppertal und Kassel (Bund Evangelisch-Freikirchlicher Gemeinden), das Christliche Verlagshaus Stuttgart (Evangelisch-methodistische Kirche) und der Bundes-Verlag Witten (Bund Freier evangelischer Gemeinden).

Vorläufer dieses Kinderliederbuchs war „Lobet Gott“, ein „Liederbuch für Kinder“, das 25 Jahre zuvor (2. Auflage1961) ebenfalls als freikirchliche Koproduktion in einer „Verlagsgemeinschaft“ erschienen war (Anker-Verlag Frankfurt/Main, Christliches Verlagshaus Stuttgart, J.G. Oncken Verlag Kassel).

Einen Nachfolger gibt es strenggenommen nicht. 1993 erschien noch „Unser Kinder-Lieder-Heft“ (Oncken Verlag Wuppertal und Kassel), ein Ergänzungsheft zum KiLiBu mit 32 neuen Liedern, von denen einige dann 1997 – zusammen mit etwa 20 weiteren neuen Liedern – in die 3., erweiterte Neuauflage des Kinderliederbuchs (jetzt mit rotem Umschlag!) eingeflossen sind.

Das Gemeindejugendwerk (GJW) des Bundes Evangelisch-Freikirchlicher Gemeinden hat 2001 „Jede Menge Töne“ herausgebracht, ein Liederbuch für Kinder- und Jungschargruppen, das vor allem im baptistischen Raum weite Verbreitung gefunden hat. Eine freikirchliche Koproduktion wie seine Vorgänger ist dieses Liederbuch jedoch nicht mehr. Stattdessen gab es in den letzten Jahren die eine oder andere kircheninterne Produktion (z.B. „TOP 25 – Lieblingslieder der Kinder“ in der EmK, 2002). Und natürlich jede Menge reine „Verlagsprodukte“ (z.B. „Kinder feiern Jesus“, Hänssler-Verlag / Born-Verlag, 2005).

Die Zeit für ein gemeinsames, die gesamte Zielgruppe freikirchlicher Kindergottesdienst- und Sonntagsschulgruppen anvisierendes Liederbuch, scheint jedoch erst einmal vorbei zu sein. Zu vielfältig gestaltet sich inzwischen die Sonntagsschul- und Kindergottesdienstlandschaft in unseren Gemeinden, zu schnelllebig und vielfältig sind auch das Liedgut und die Musikstile geworden.
1986 hingegen war „Unser Kinder-Lieder-Buch“ ein Neuentwurf, der Maßstäbe setzte. Günter Balders hatte großen Anteil daran! Er ist nicht nur mit 15 eigenen Beiträgen vertreten, er hat auch die Gesamtkonzeption entscheidend mit geprägt. Was war das Besondere an dieser Konzeption?


1. Die Liedauswahl

Das KiLiBu zeichnet sich durch seine bunte und gleichzeitig ausgewogene Zusammenstellung von Liedern aus. Schon der Umfang ist für ein Kinderliederbuch enorm: 300 Lieder – in der 6. Auflage sogar 330! Andere vergleichbare Liederbücher bringen es nur auf 170-240 Lieder.

Die Lieder sind nach folgenden Rubriken gegliedert:

Wir loben Gott und danken (Nr. 1-30)
Wir hören Gottes Wort und beten (Nr. 31-58)
Wir erzählen aus der Bibel (Nr. 59-87)
Wir feiern die Feste des Jahres

Advent (Nr. 88-95)
Weihnachten (Nr. 96-133)
Neujahr (Nr. 132)
Passion (Nr. 134-138)
Ostern (Nr. 137-147)
Pfingsten (Nr. 133, 148-151)
Geburtstag (Nr. 152-155)
Muttertag (Nr. 156-158)
Wir glauben an Jesus Christus (Nr. 159-177)
Wir leben als Christen (Nr. 178-216)
Wir singen Lieder von früher (Nr. 217-236)
Wir freuen uns über Gottes Schöpfung (Nr. 237-257)
Wir gehen durch den Tag

Morgen (Nr. 258-265)
Mittag (Nr. 266-272)
Abend (273-285)
Wir haben Spaß miteinander (Nr. 286-300)
Wir sind spitze! – Neue Lieder (Nr. 301-330) (ab der 6., erweiterten Auflage 1997)


Diese Gliederung zeigt schon sehr deutlich, worauf in diesem Liederbuch der Schwerpunkt liegt: auf der biblischen Lehre, christlichem Glauben und Leben und der Gestaltung des Jahres- und Tageslaufs. Die Lebenswelt der Kinder spielt eine eher untergeordnete Rolle.

Das zeigt auch die Liedauswahl: Hier fällt auf, dass nur etwa ein Drittel aller Lieder im Buch ausgesprochene „Kinderlieder“ sind: also Lieder, die ganz ausdrücklich für die Zielgruppe „Kinder“ getextet und komponiert wurden und vor allem diese Zielgruppe ansprechen sollen. Zwei Drittel der Lieder sind ursprünglich für Erwachsene geschrieben und haben ihren Weg in Sonntagsschule und Kindergottesdienst über den Erwachsenengottesdienst gefunden.
Viele dieser Lieder kann man natürlich trotzdem mit Kindern singen und – was sicher ein Ausschlag gebendes Kriterium für die Auswahl war! – Generationen übergreifend mit Kindern und Erwachsenen gemeinsam. Manche Lieder eignen sich – aus heutiger Sicht – eher weniger für das Singen mit Kindern, weil sie weder textlich noch musikalisch „kindgerecht“ erscheinen.
Den Herausgebern des Kinderliederbuchs damals lag offensichtlich viel daran, den Kindern in Kindergottesdienst und Sonntagsschule eine Brücke zum Gottesdienst und Gesang der „Erwachsenengemeinde“ zu schlagen. Manche neueren Kinderliederbücher berücksichtigen diesen Aspekt vielleicht zu wenig!


1.1. Die „klassische“ Kirchenliedtradition

Sicher war es auch ein Verdienst des Kirchengeschichtlers Günter Balders, dass hierbei vor allem darauf geachtet wurde, die „klassische“ Kirchenliedtradition zu bewahren und den Kindern im Kindergottesdienst so den Anschluss an die Geschichte ihrer Mütter und Väter, Großmütter und Großväter zu ermöglichen.
Neben vielen alten und bekannten Weihnachtsliedern (vgl. Nr. 96-133) und den überwiegend in einer eigenen Rubrik „Wir singen Lieder von früher“ (Nr. 217-236) gesammelten „Heilsliedern“ aus dem 18. und 19. Jahrhundert fallen vor allem die vielen schönen und traditionsreichen Choräle aus der Reformationszeit auf:
Martin Luthers „Ein feste Burg ist unser Gott“ (1528, Nr. 178) fehlt ebenso wenig wie Joachim Neanders „Lobe den Herren, den mächtigen König der Ehren“ (1680, Nr. 9), „Gelobt sei Gott im höchsten Thron“ von Michael Weiße (1531, Nr. 147) und „Herr, öffne mir die Herzenstür“ von Johann Olearius (1671, Nr. 35). Paul Gerhardt, der wichtigste Liederdichter des 17. Jahrhunderts, ist gleich mit fünf Liedern vertreten:

  • „Ich singe dir mit Herz und Mund“ (1653, Nr. 10)
  • „Befiehl du deine Wege“ (1653, Nr. 184)
  • „Geh aus, mein Herz, und suche Freud“ (1653, Nr. 248)
  • „Die güldne Sonne“ (1666, Nr. 258)
  • „Lobet den Herren, alle die ehren“ (1653, Nr. 259)

Aber auch spätere „Klassiker“ wie „O komm, du Geist der Wahrheit“ (1827, Nr. 148) und „Es kennt der Herr die Seinen“ (1843, Nr. 190) von Philipp Spitta oder „Wir pflügen und wir streuen“ (1783, Nr. 243) und „Der Mond ist aufgegangen“ (1779, Nr. 273) von Matthias Claudius fehlen nicht.
Nikolaus Ludwig von Zinzendorf ist vertreten mit „Jesu, geh voran“ (1725, Nr. 185), Gerhard Tersteegen mit „Gott, du bist Licht und wohnst im Licht“ (1729, Nr. 182). Und auch „Auf, Seele, Gott zu loben“, einen in vielen Gemeinden gerne gesungenen „modernen Klassiker“ (zumindest hinsichtlich des Textes von Martha Müller-Zitzke) (1947, Nr. 240), sucht man im KiLiBu nicht vergebens.


1.2. Das „moderne“ Kirchenlied

Neben diesen auch 1986 schon „alten“ Liedern gibt es im Kinderliederbuch aber auch eine große Gruppe von damals „aktuellen“ Gemeindeliedern. Bekannte Namen wie Paul Ernst Ruppel, Kurt Rommel, Herbert Beuerle, Arno Pötzsch, Rudolf Alexander Schröder, Rudolf Otto Wiemer, Bodo Hoppe, Peter und Diethelm Strauch, Jörg Swoboda und Theo Lehmann, Manfred Siebald und die Jesus-Bruderschaft Gnadenthal stehen für diesen Teil des darin angebotenen Liedguts. Die Kinder im Kindergottesdienst sollten eben nicht nur an die Tradition ihrer Großväter und Großmütter anknüpfen können, sondern auch an die der eigenen Eltern!

Ob dieser Versuch eines doppelten Brückenschlags zur Tradition – zum alten und zum modernen Kirchen- bzw. Gemeindelied – 1986 gelang, ist aus heutiger Sicht schwer zu beurteilen. Die weite Verbreitung des Kinderliederbuchs und die lange Dauer seiner Verwendung in freikirchlichen Kindergruppen scheinen dafür zu sprechen.

Aus eigener Erfahrung weiß ich aber auch, dass manchen schon Anfang der 90er Jahre das im KiLiBu angebotene Liedmaterial nicht mehr „zeitgemäß“ erschien. Dass es 1993 nur zu einem „Ergänzungsheft“ und 1997 nur zu einer erweiterten Neuauflage kam – und nicht zu einem neuen Liederbuch! – ist symptomatisch für diese Zeit und hat mit einer Entwicklung zu tun, die man getrost als „Revolution im gemeindlichen Kinderlied“ bezeichnen kann.


1.3. Die „Kinderlieder“

Damit sind wir im Blick auf die Liedauswahl im Kinderliederbuch bei den eigentlichen „Kinderliedern“ angelangt. Hier finden sich vor allem vier große Gruppen von Liedern:

  1. traditionelle kirchliche und freikirchliche Kinderlieder: vor allem bei den Weihnachtsliedern (Nr. 88-133) und in der Rubrik „Wir singen Lieder von früher“ (Nr. 217-236),
  2. neuere Kinderlieder aus dem freikirchlichen Raum: zum Beispiel von Margret Birkenfeld (Nr. 198, 203, 249, 250), Birgit Jacobi (Nr. 19, 25, 76) und Anton Schulte (Nr. 83, 201), aber auch von den Mitherausgebern des „Kinderliederbuches“ Wilfried Siemens (beteiligt an 24 Liedern) Hinrich Schmidt (Nr. 287) und Günter Balders (s.u.) beigesteuertes, übersetztes, ergänztes oder überarbeitetes Material,
  3. neuere kirchliche Kinderlieder: zum Beispiel von Wolfgang Longardt (der mit 15 Liedern neben Wilfried Siemens und Günter Balders der am häufigsten vertretene Autor ist!), Rolf Krenzer (Nr. 138, 155, 241, 265), Detlev Jöcker (Nr. 155, 209, 297), Ludger Edelkötter (Nr. 85, 138, 241), Eckart Bücken und Peter Janssens (Nr. 296), Dieter Stork und Siegfried Fietz (Nr. 128, 247).
  4. einige Lieder aus der neu entstehenden „christlichen Kindermusikszene“ der 80er Jahre: zum Beispiel von Johannes Jourdan (Nr. 22, 84, 276, 279), Andreas Malessa (Nr. 208, 287) und Hella Heizmann (Nr. 22, 276).

In dieser inhaltlichen und stilistischen Vielfalt liegt die große Stärke, zugleich aber auch die große Schwäche des Kinderliederbuchs! Zwar konnten Mitarbeitende unterschiedlichster Sonntagsschul- und Kindergottesdienstformen darin Lieder finden, die zu ihrem Stil und ihrer Art der Arbeit passten. Zugleich enthielt das Buch aber auch viele Lieder, mit denen sie nichts anfangen konnten, weil in ihren Gruppen ein anderer „Stil“ gepflegt wurde.
Die Ausdifferenzierung der Sonntagsschul- und Kindergottesdienstformen in den letzten 20 Jahren führte nämlich – paradoxerweise – in vielen Gruppen vor Ort zu einer „Vereinseitigung“ im Blick auf Liedgut und Musikstile. Wo nur noch Lieder eines bestimmten Frömmigkeits- oder Musikstils gefragt sind, hat es ein „Allrounder“ wie das KiLiBu schwer!
Hinzu kommt, dass dieses Liederbuch gerade fertig war, als in der christlichen Kindermusikszene eine Entwicklung einsetzte, die das Singen mit Kindern in unseren Gemeinden radikal verändern sollte: Der Musikstil wurde poppiger, die Texte pfiffiger, und die Themen der Lieder setzten stärker bei der Lebenswelt der Kinder und ihren Erfahrungen an als bei theologischen Aussagen und Themen. Vorbild für diese Entwicklung war im säkularen Bereich der Kinderliedermacher Rolf Zuckowski. In der christlichen Kindermusikszene war es vor allem Hella Heizmann, die mit ihren Liedern einen neuen Stil prägte. Viele andere folgten.
Das KiLiBu war einige Jahre zu früh erschienen, um an dieser Entwicklung teilhaben und von ihr profitieren zu können. Die eher halbherzigen Versuche, sie mit dem „Kinder-Lieder-Heft“ (1993) und der erweiterten Neuauflage des Liederbuchs (1997) einzuholen, konnten daran nichts ändern.


2. Ausstattung und Gestaltung des Liederbuchs

Neben der Liedauswahl sind auch Ausstattung und Gestaltung des Kinderliederbuchs bemerkenswert.

Alle Lieder sind mit Noten abgedruckt, vergleichsweise viele davon mehrstimmig (38). Das Buch enthält fast 50 Kanons, und zu 10% der Lieder gibt es Anregungen zur musikalischen Gestaltung (z.B. mit Orff’schen Instrumenten). Hinzu kommen bei einigen Liedern Vorschläge für Bewegungen (z.B. Nr. 59, 77, 287). Offensichtlich verfolgten die Herausgeber neben religionspädagogischen auch musikpädagogische Ziele: Sie wollten nicht nur das (mehrstimmige) Singen in Sonntagsschule und Kindergottesdienst fördern, sondern auch einen Beitrag zur „musikalischen Früherziehung“ leisten.
Ob dieser musikpädagogische Anspruch die Früchte trug, die man sich vielleicht von ihm erhoffte, kann bezweifelt werden. Stilistisch waren viele Lieder und das zu ihrer Gestaltung vorgesehene Instrumentarium bald überholt (s.o.). Das Ziel – nicht nur Lieder zum Gebrauch anzubieten, sondern die kreative Ausgestaltung dieser Lieder zu fördern und dadurch ein ganzheitlicheres Erleben der Lieder zu ermöglichen – bleibt zu würdigen!

Ein weiteres herausragendes Ausstattungsmerkmal des Kinderliederbuchs ist der „Marienkäfer“, ein Piktogramm, das all jene Lieder im KiLiBu kennzeichnet, die für das Vorschulalter geeignet sind (61 an der Zahl). Generationen übergreifendes Singen ist hier nicht nur für die Erwachsenengemeinde im Blick (s.o.), es fängt bereits bei den ganz Kleinen an. (Leider fehlt ein Register, das das Auffinden dieser auch für Kleinere geeigneten Lieder erleichtert hätte!)

Last but not least sei der beinahe unverwüstliche, abwaschbare Einband des Liederbuchs erwähnt, der sicher nicht unerheblich dazu beigetragen hat, dass dieses Liederbuch auch heute, über 20 Jahre nach seinem Erscheinen, noch mit Gewinn gebraucht werden kann!


3. Die Beiträge von Günter Balders zum Kinderliederbuch

Noch manches könnte zum KiLiBu, seiner Geschichte und Bedeutung, gesagt werden. Vor allem ein Vergleich mit dem Vorgänger „Lobet Gott“ und dem (Quasi-)Nachfolger „Jede Menge Töne“ brächte sicher manch interessante Erkenntnis. Dies kann an dieser Stelle nicht geschehen. Mir bleibt noch, die Beiträge von Günter Balders zum Kinderliederbuch zu würdigen. Dabei konzentriere ich mich auf die mit seinem Namen gekennzeichneten Lieder (Nr. 11, 50, 58, 62, 63, 64, 65, 74, 79, 87, 156, 167, 213, 236, 295). Als Mitherausgeber hat er das KiLiBu natürlich weit über diese namentlich gekennzeichneten Beiträge hinaus mit geprägt!
Ein Überblick über diese 15 Lieder zeigt, dass Günter Balders für das Kinderliederbuch vor allem als Texter und Übersetzer wichtig war. Nur bei einem Lied („Was sing ich dir zum Muttertag?“, Nr. 156) stammt auch die Melodie aus seiner Feder. In christlichen Liederbüchern finden sicher eher wenige Lieder für diesen Anlass. Dieses Lied füllt also eine Lücke (gerade für kleinere Kinder). Auch aus diesem Grunde ist es eins von 40 Liedern, die ihren Weg aus dem Kinderliederbuch in „Jede Menge Töne“ gefunden haben!
Bei den restlichen 14 namentlich gekennzeichneten Liedern hat Günter Balders entweder den gesamten Text (mit) verfasst (Nr. 62, 65, 87, 167, 236), einzelne Strophen oder Zusatztexte ergänzt (Nr. 11, 63, 295) oder fremdsprachige Texte aus dem Englischen (Nr. 50, 74), Holländischen (Nr. 64, 79), Lateinischen (Nr. 58) und Hebräischen (Nr. 213) übertragen.


3.1. Aus der Bibel erzählen

Ein Schwerpunkt seiner Arbeit lag dabei auf der Rubrik „Wir erzählen aus der Bibel“ (Nr. 62, 63, 64, 65, 74, 79) – worin sich ganz sicher seine theologische Grundhaltung ausdrückt. In seiner Neufassung des alten Sonntagsschulklassikers „Die Sonntagschul’ ist unsre Lust“ (Nr. 236) formuliert er das so: „Vor allem aber hören wir Geschichten aus der Bibel hier, von Jesus, der die Menschen liebt und ihre Schuld vergibt.“ Woher, wenn nicht aus den biblischen Geschichten, sollen die Kinder im Kindergottesdienst von der Liebe Gottes und seinem Versöhnungsangebot erfahren!?
So erzählt Günter Balders gleich in sechs der 15 von ihm selbst verfassten bzw. übersetzten Lieder biblische Geschichten nach:

  • die Josephsgeschichte in Form einer 12-strophigen (!) „Ballade“ oder „Moritat“ auf eine Melodie aus dem 18. Jahrhundert (Nr. 62: „Hört, ein altes Lied ich sing“),
  • die Abrahamgeschichte (Nr. 63: „Geh, Abraham, geh“),
  • zwei Episoden aus der Mosegeschichte (Nr. 64: „Wohin das Baby?“ und Nr. 65: „Gebt acht, gebt acht, es kommt die Nacht, in der euch Gott befreit“),
  • die Geschichte vom „reichen Jüngling“ (Nr. 79: „Es war einmal ein junger Mann“)
  • und die Berufung des Paulus (Nr. 87: „Saul von Tarsus hat ein Ziel“).

Hinzu kommt die auch heute noch oft und gern gesungene Übersetzung eines Liedes zum Gleichnis vom Hausbau (Matthäus 7,27-27) aus dem Amerikanischen (Nr. 74: „Bau nicht dein Haus auf den losen Sand“ = „Jede Menge Töne“ Nr. 146).
Alle diese Lieder zeichnen sich aus durch ihre einfache Sprache und Struktur, durch ein gutes Gefühl für die – bei Übersetzungen ja vorgegebene – Musik und durch eine klare Zielaussage (in der letzten Strophe oder im Refrain).

Als Beispiel mag die letzte Strophe des langen Josephliedes (Nr. 62) dienen:

Sie erschrecken – es ist ja
ihre alte Schuld noch da –,
aber Joseph straft sie nicht,
er verzeiht, indem er spricht:
„Böses habt ihr ausgedacht,
Gott hat Gutes draus gemacht.“ Seltsam ist, was so geschieht.
Gut, dass Gott doch alles sieht.


3.2. Die Vielfalt der Kirche erleben

Neben den Bibelliedern sind es vor allem Lieder, die den Kindern im Kindergottesdienst die Vielfalt der Kirche nahe bringen, um die Günter Balders sich bei seiner Mitarbeit am Kinderliederbuch gekümmert hat.
Durch seine Übersetzungen, Textunterlegungen oder Zusatztexte macht er ihnen die Tradition des lateinischen Kirchenlieds (Nr. 58: „Dona nobis pacem“), des amerikanischen Spirituals (Nr. 50: „Kum ba yah, may Lord“) und des hebräischen Volksliedes (Nr. 213: „Hinne ma tov umanaim“) zugänglich.
Auch seine Neufassung von „Die Sonntagschul’ ist unsre Lust“ (Nr. 236) gehört hierher, weil sie den alten Sonntagsschulschlager „entstaubt“ und so auch für eine spätere Generation singbar macht.


3.3. Gott loben und anbeten

Last but not least sind es Lieder, die wir heute wohl der Rubrik „Anbetungslieder für Kinder“ zuordnen würden, für die Günter Balders sich stark macht:

Alles, was lebt, Herr, dich nur preist,
Lieder schenkst du uns durch deinen Geist.
(Nr. 11, Strophe 2)

Folge mir nach, folge mir nach, folge mir nach, sagt Jesus.
Komm her zu mir, komm herzu mir, komm her zu mir, sagt Jesus. (Mt 11,28)
Fürchte dich nicht, fürchte dich nicht, fürchte dich nicht, sagt Jesus. (Lk 5,10)
Lerne von mir, lerne von mir, lerne von mir, sagt Jesus. (Mt 11,29)
Ich bin das Licht, ich bin das Licht, ich bin das Licht, sagt Jesus. (Joh 8,12)
Ich bin das Brot, ich bin das Brot, ich bin das Brot, sagt Jesus. (Joh 6,35)
(Nr. 167)


4. Was bleibt?

Diese Frage lässt sich in zweifacher Hinsicht stellen: zum einen im Blick auf das Kinderliederbuch und seine Wirkung, zum anderen im Blick auf die Kinderlieder von Günter Balders und ihre Zukunft.


4.1. Das KiLiBu und seine Wirkung

Die Zeit des Kinderliederbuchs ist sicherlich vorbei! Es mag in einigen Kindergruppen noch verwendet werden, doch die christliche Kindermusikszene hat sich weiter entwickelt. Neue Lieder, ja, ganz neue Kindermusikstile sind entstanden, die viele Lieder aus dem Kinderliederbuch „überholt“ und „antiquiert“ erscheinen lassen.

Es bleibt erstens der Anspruch des KiLiBu, Kindern im Kindergottesdienst unter anderem auch einen Zugang zum Gesang und damit zum Gottesdienst der Erwachsenengemeinde vermitteln zu wollen. Wie kann ein Kinderliederbuch heute diesem Anspruch gerecht werden?
Es bleibt zweitens das Anliegen des KiLiBu nicht nur eine Liedersammlung für den Kindergottesdienst zu sein, sondern dabei so etwas wie eine theologische Elementarbildung, biblisches Basiswissen und eine Einübung in den Glauben und die Nachfolge Jesu zu bieten. Welche Art von Kinderliedern kann heute dieses Anliegen unterstützen?
Es bleibt drittens der Versuch des KiLiBu nicht nur Lieder für das Singen in gemeindlichen Kindergruppen anzubieten, sondern darüber hinaus Anregungen zur ganzheitlichen Gestaltung dieser Lieder – über das Singen hinaus – zu geben. Wie kann dieser Versuch heute gelingen?

Zum Ersten: Ich beobachte seit einigen Jahren eine „Vereinseitigung“ im Liedgut mancher Gemeinden und Kindergottesdienste, die ich für problematisch und wenig segensreich halte. Gemeinden und Gruppen, in denen nur noch Lobpreis- und Anbetungslieder gesungen werden, drohen geistlich und musikalisch genau so zu verarmen wie Gemeinden, in denen nur Choräle zu vernehmen sind. Die Vielfalt geistlichen Erlebens und menschlicher Erfahrungen braucht auch vielfältige musikalische Ausdrucksformen. Hier ist das Kinderliederbuch ein Vorbild, hinter das wir nicht zurück sollten, wenn wir heute mit Kindern singen und musizieren! (1)

Zum Zweiten: Das Liedgut in unseren Gemeinden und Kindergruppen prägt die Glaubensüberzeugungen und Lebenshaltungen ganzer Generationen. Darum sollten wir die Lieder, die wir miteinander singen, sehr sorgfältig auswählen und immer wieder kritisch hinterfragen, ob die Glaubensüberzeugungen und Lebenshaltungen, die sich in ihnen ausdrücken, wirklich dem Evangelium und dem, was wir den Kindern in unseren Gemeinden mit auf den Weg geben wollen, entsprechen. (2)

Zum Dritten: Hier hat sich in den letzten Jahren viel getan. Bewegungslieder gehören zum Standardrepertoire der meisten Kindergruppen, und die Qualität der musikalischen Begleitung des Gesangs im Kindergottesdienst ist da, wo entsprechend begabte und ausgebildete Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen vorhanden sind, erstaunlich hoch. Vom KiLiBu können wir lernen, auch hierbei noch stärker auf die Beteiligung und Aktivierung der Kinder zu setzen! Vielleicht ist das Orff’sche Instrumentarium heute nicht mehr das Mittel der Wahl. Nach Wegen zu einer stärkeren Beteiligung der Kinder an der Gestaltung der Lieder – über das reine „Mit-Singen“ hinaus – zu suchen, bleibt eine wichtige Aufgabe! (3)


4.2. Die Kinderlieder von Günter Balders und ihre Zukunft

Was kann einem (Kinder-)Liedermacher Besseres passieren, als dass seine Lieder auch nach vielen Jahren noch gerne gesungen werden?
Günter Balders ist dies zumindest bei einigen seiner im Kinderliederbuch veröffentlichten Lieder vergönnt:
„Bau nicht dein Haus auf den losen Sand“ (Nr. 74) und „Geh, Abraham, geh“ (Nr. 63) zum Beispiel haben sich zu regelrechten „Schlagern“ entwickelt. Und die Verdeutschungen von „Kum ba yah, my Lord“ (Nr. 50), „Dona nobis pacem“ (Nr. 58) und „Hinne ma tov umanaim“ (Nr. 213) eröffnen auch nachwachsenden Generationen von Kindern einen Zugang zu wichtigen Beispielen christlicher „Welt-Musik“.

Aber auch manche der heute weniger bekannten Kinderlieder von Günter Balders sind es wert, wieder entdeckt zu werden:
So findet sich sein Muttertagslied (Nr. 156) auch in „Jede Menge Töne“ (Nr. 69). Und wer bei der Kinder- oder Familiengottesdienstvorbereitung zu einer biblischen Geschichte ein passendes Kinderlied sucht, kann auch heute noch mit Gewinn das KiLiBu zur Hand nehmen und wird dort vielleicht ein Lied finden, unter dem der Name Günter Balders steht.


(1) Mit „Jede Menge Töne“ haben wir versucht, ein ähnlich vielfältiges, wenn nicht noch vielfältigeres Liederbuch zu gestalten! Hier finden sich Anbetungslieder neben Spiel- und Spaßliedern, Bibellieder neben Liedern, die Themen aus der Lebenswelt der Kinder aufgreifen. Vorbild war uns dabei u.a. das „Kinderliederbuch“!
(2) In „Mehr als nur Töne! Was man mit Liedern alles machen kann ...“ findet sich auf Seite 11 ein „Kriterienkatalog“, der helfen kann, die textliche und musikalische Qualität von neuen (und alten!) Liedern zu beurteilen.
(3) Aus diesem Grunde haben wir mit „Mehr als nur Töne! Was man mit Liedern alles machen kann ...“ ein didaktisch-methodisches Beiheft zum Liederbuch „Jede Menge Töne“ herausgegeben. Hier finden sich zu jedem der 200 in diesem Liederbuch abgedruckten Lieder Gestaltungsideen und Anregungen für die Weiterarbeit am jeweiligen Thema.




Literatur

  • Unser Kinderliederbuch. Oncken Verlag Wuppertal und Kassel, Christliches Verlagshaus Stuttgart, Bundes-Verlag Witten 1986 (6., erweiterte Aufl. 1997). (KiLiBu)
  • Unser Kinderliederheft. Oncken Verlag Wuppertal und Kassel 1993.
  • Lobet Gott. Liederbuch für Kinder. Verlagsgemeinschaft Anker-Verlag Frankfurt/Main, Christliches Verlagshaus Stuttgart, J.G. Oncken Verlag Kassel. 2. Auflage 1961.
  • Jede Menge Töne ... und ein bisschen mehr! Gemeindejugendwerk des Bundes Evangelisch-Freikirchlicher Gemeinden in Deutschland K.d.ö.R. 2001 (jetzt Edition GJW im Oncken Verlag Kassel).
  • Mehr als nur Töne! Was man mit Liedern alles machen kann ... Herausgegeben von Volkmar Hamp. Edition GJW im Oncken Verlag Kassel 2006.
  • (c) Volkmar Hamp

Aus: Das Lob Gottes bringt den Himmel zur Erde. Festschrift für Günter Balders zum 65. Geburtstag,
im Auftrag des Theologischen Seminars Elstal und des Christlichen Sängerbundes Wuppertal herausgegeben von Uwe Swarat.
Verlag Singende Gemeinde Wuppertal 2007, S. 17-28.