Spiel-(T)Räume
Einige Anmerkungen zu einer christlichen „Theologie des Spiels“


Das Wort „Spiel“ ist kein „christlicher“ oder „theologischer“ Begriff. Mit „Christlichkeit“ assoziieren wir eher Nachdenklichkeit, Ernst und innere Sammlung - ganz zu schweigen von schlechtem Gewissen und Leichenbittermiene. Was also hat Spiel mit Christsein, mit Theologie (dem „Reden von Gott“) zu tun?

„Spiel“ - so belehrt uns das Deutsche Wörterbuch der Brüder Grimm - ist „im allgemeinen eine Tätigkeit, die man nicht um eines Resultats oder eines praktischen Zweckes willen, sonder zum Zeitvertreib, zur Unterhaltung und zum Vergnügen übt“ (Bd. 16, Sp. 2275). Und weiter heißt es: „Da Spiel eine zwecklose und unterhaltende Tätigkeit ausdrückt, so stellt sich leicht der Begriff des Leichten, Mühelosen oder Wertlosen und des Gegensatzes zur Arbeit und zum Ernst ein“ (Sp. 2280 ).

Spiel - das Leichte, Mühe- oder Wertlose im Gegensatz zur Arbeit und zum Ernst? Für uns „Erwachsene“ mag das so sein. Wir spielen nach der Arbeit, um uns zu erholen. Wir unterbrechen unsere Arbeit durch ein Spiel, ein paar Scherze mit Kollegen, ein Kreuzworträtsel. Und spätestens, seitdem die Arbeit knapper geworden ist, herrscht bei uns auch an Spielangeboten für Erwachsene kein Mangel mehr. Die Freizeitindustrie floriert.

Doch Spiel ist nicht gleich Spiel. Das Kinderspiel zum Beispiel ist etwas ganz anderes als das Spielen von Erwachsenen. Kinder erobern sich im Spiel die Welt. Im Spiel verarbeiten sie ihre Erlebnisse, bewältigen sie ihre Ängste, reagieren sie überschüssige Kräfte und Aggressionen ab. Im Spiel lernen Kinder leben. Das Spiel, so könnte man sagen, ist ihre Arbeit.
So haben Wissenschaftler herausgefunden, dass Kinder bis zum Alter von etwa sieben Jahren mehr als 15 Stunden spielen. Das ist ein Viertel ihrer Lebenszeit.

Aber was ist das eigentlich genau, ein Spiel? Niemand weiß das so genau! Es gibt zwar mehr als 25 differenzierte Theorien über das Spiel - eine gute Definition vom Spiel, die gibt es nicht! Spiel, so scheint es, ist eine nicht definierbare Aktivität. Der kleinste gemeinsame Nenner, auf den sich alle möglichen Spieltheorien bringen lassen, ist das Phänomen der Bewegung.
„Jedem Spiel“, so heißt es in einem großen theologischen Lexikon, „liegt das Phänomen freier Beweglichkeit innerhalb eines begrenzten Spielraums zugrunde. Sein Ablauf ist bestimmt durch die Ambivalenz eines Hin und Her oder eines schwebenden Kreisens. Wird das in jedem Moment gefährdete und daher überraschungsvolle Bewegungsgleichgewicht gestört, so hört das Spiel auf. Alle Spieltätigkeiten, Spielregeln, Spielzeuge, Spielelemente und Spielplätze dienen letztlich der Ermöglichung, Erzeugung, Ausgestaltung und Erhaltung dieser labilen Bewegungsgestalt ...“ (RGG, 3. Aufl., Bd. 6, Sp. 244)

Spiel = Bewegung? Bewegung = Spiel? Ich erinnere mich an ähnliche Formeln aus dem Biologieunterricht. Wir suchten damals nach einer Definition für „Leben“. Und eine Definition, die wir fanden, war: „Leben ist Bewegung“. Steine sind tot. Sie „leben“ nicht, weil sie sich nicht bewegen. Lebendige Wesen bewegen sich. Sie laufen oder fliegen, sie schwimmen oder kriechen. Sie wachsen und vermehren sich. Leben ist Bewegung. Wenn das Leben stillsteht, wenn nichts mehr geht - das ist der Tod.

Leben = Bewegung? Bewegung = Spiel? Das Leben - ein Spiel? Geht das nicht zu weit? Ist das Leben nicht weit mehr als ein Spiel? Begründet jüdisch-christliche Theologie von der Erschaffung allen Lebens her nicht vielmehr die Arbeit als das Spiel?

„Sechs Tage sollst du arbeiten und alle deine Werke tun. Aber am siebenten Tag ist der Sabbat des Herrn, deines Gottes. Da sollst du keine Arbeit tun, auch nicht dein Sohn, deine Tochter, dein Knecht, deine Magd, dein Vieh, auch nicht dein Fremdling, der in deiner Stadt lebt. Denn in sechs Tagen hat der Herr Himmel und Erde gemacht und das Meer und alles, was darinnen ist, und ruhte am siebenten Tage. Darum segnete der Herr den Sabbattag und heiligte ihn.“ (Ex 20, 9-11 [4. Gebot])

Sechs Teile Arbeit und ein Teil Ruhe. Ist das das Rezept für ein „gelingendes Leben“? In gewisser Weise sicher schon! Arbeit ist ein hohes Gut. Und wahrscheinlich kann nur der den Wert der Arbeit richtig würdigen, der weiß, was es heißt, keine Arbeit zu haben. Doch wenn die Schöpfungstraditionen der Bibel nur noch dazu dienen, die Arbeit zu begründen - vielleicht im Kontext eines falsch verstandenen „Macht euch die Erde untertan“, - dann wird das Bild schief. Und genau das ist die Gefahr, in der wir häufig stehen!
„Das Leben währet siebzig Jahre, und wenn’s hoch kommt, so sind’s achtzig Jahre - und wenn’s köstlich war, so ist’s Mühe und Arbeit gewesen!“ (Psalm 90, 10).

Ist es nicht traurig, wenn dieses (übrigens falsch übersetzte) Psalmwort aus der Lutherbibel Todesanzeigen und Grabsteine ziert? Dabei gibt es in der Bibel auch andere Traditionen! Im Buch der Sprüche zum Beispiel kommt die vor Gott spielende Weisheit zu Wort:
„Als er die Himmel bereitete, war ich da, als er den Kreis zog über den Fluten der Tiefe, als er die Wolken droben mächtig machte, als er stark machte die Quellen der Tiefe, als er dem Meer seine Grenze setzte und den Wassern, dass sie nicht überschreiten seinen Befehl; als er die Grundfesten der Erde legte, da war ich als sein Liebling bei ihm; ich war seine Lust täglich und spielte vor ihm allezeit; ich spielte auf seinem Erdkreis. Und Freude über mich war bei den Menschenkindern“ (Spr 8, 27-31).

Nach dieser biblischen Tradition hat selbst die Schöpfung der Welt spielerischen Charakter. Das Spiel wird hier zum Weltsymbol! Die Schöpfung ist ein Spiel der Weisheit Gottes! Gott selbst spielt mit seinen Möglichkeiten und schafft aus dem Nichts, was ihm wohlgefällt, weil es ihm entspricht: die Welt als Spiel- und Lebensraum für Mensch und Tier! Bei einem ganz grundlegenden theologischen Thema - im Kontext der Schöpfungstheologie - bringt hier die Bibel das Spiel ins Spiel! Das sollte uns zu denken geben! Wenn Gott uns „nach seinem Bilde“ geschaffen hat, dann hat er auch ein Stück seiner Phantasie und Kreativität in uns hineingelegt - und uns die Freiheit gegeben, diese Phantasie und Kreativität immer wieder spielerisch zu entdecken, zu entfalten und zu gebrauchen. Das Reich der Freiheit ist das Reich des Spiels. Auch im Raum der Gemeinde. Auch, wenn es darum geht, (christliche) Gemeinschaft zu gestalten und zu leben, Kinder und Jugendliche oder alte Menschen ernster zu nehmen, ihnen mehr zuzutrauen im Blick auf das (Gemeinde-)Leben.

Der katholische Priester und Dichter Lothar Zenetti hat einmal solch eine kreative und phantasiebegabte Kirche beschrieben:

Vision
Eine junge und schöne Kirche manchmal träume ich davon, eine tanzende Kirche, mit Blumen im Haar, ein großes fröhliches Kind, himmelhoch jauchzend verzückt, mit geschlossenen Augen, verrückt vor Liebe in deinen Armen, Jesus; an dich geschmiegt die Schönste von allen.
Manchmal sehe ich sie mit meinen Augen, diese verliebte Kirche in all diesen großen Kindern und in diesen ausgewachsenen Leuten, die immer noch ein bisschen wie Kinder sind.

Vielleicht träumt ihr auch manchmal von solch einer Kirche, von solch einer Gemeinde, die (wie die Weisheit) spielt vor ihrem Gott. Mit ihren Gaben und Möglichkeiten, phantasievoll und kreativ - zu seinem Entzücken und zur Freude der Menschen.

Das erste Kapitel einer christlichen „Theologie des Spiels“ müsste also von der Schöpfung reden. Und davon, wie schöpferisches Leben vor dem Angesicht Gottes und im Spiel-Raum der Gemeinde aussehen könnte. Doch damit wäre noch längst nicht alles zum Thema gesagt. Auch das letzte Kapitel einer solchen Theologie ließe sich von der Bibel her umreißen. Denn noch einmal bringt die Bibel bei einem hochtheologischen Thema das Spiel ins Spiel: In Texten, in denen das kommende „Friedensreich des Messias“ beschrieben wird! Zum Beispiel in Sacharja 8:

„Und es geschah des Herrn Wort: So spricht der Herr Zebaoth: Ich eifere für Zion mit großem Eifer und eifere um seinetwillen in großem Zorn. So spricht der Herr: Ich kehre wieder auf den Zion zurück und will zu Jerusalem wohnen, dass Jerusalem eine Stadt der Treue heißen soll und der Berg der Herrn Zebaoth ein heiliger Berg. So spricht der Herr Zebaoth: Es sollen hinfort wieder sitzen auf den Plätzen Jerusalems alte Männer und Frauen, jeder mit seinem Stock in der Hand vor hohem Alter, und die Plätze der Stadt sollen voll sein von Knaben und Mädchen, die dort spielen. So spricht der Herr Zebaoth: Erscheint dies auch unmöglich in den Augen derer, die in dieser Zeit übriggeblieben sind von diesem Volk, sollte es darum unmöglich erscheinen in meinen Augen?“ (Sach 8, 1-6)

Unmöglich, nicht? Sich vorzustellen, dass alte Männer und Frauen irgendwo in Ruhe sitzen können? Geachtet und akzeptiert! Dass spielende Kinder wieder Vorrang haben in unseren Straßen, dass ihnen die Straßen und Plätze wieder als Spiel- und Lebensraum zurückgegeben werden! Das sie Gemeindehäuser und Gottesdiensträume für sich entdecken und erobern können! Doch auch, wenn das in unseren Augen unmöglich ist - es entspricht der Sicht Gottes für die Zukunft der Welt. Und Gott geht noch einen Schritt weiter. In geradezu paradiesischen Bildern lässt er den Propheten Jesaja das Friedensreich des Messias beschreiben:

„Da werden die Wölfe bei den Lämmern wohnen und die Panther bei den Böcken lagern. Ein kleiner Knabe wird Kälber und junge Löwen und Mastvieh miteinander treiben. Kühe und Bären werden zusammen weiden, dass ihre Jungen beieinander liegen, und Löwen werden Stroh fressen wie die Rinder. Und ein Säugling wird spielen am Loch der Otter, und ein (gerade) entwöhntes Kind wird seine Hand stecken in die Höhle der Natter. Man wird nirgends Sünde tun noch freveln auf meinem heiligen Berge; denn das Land wird voll Erkenntnis des Herrn sein, wie Wasser das Meer bedeckt.“ (Jes 11, 6-9)

Kleine Kinder, die mit Löwen und Schlangen spielen - keine Szene aus dem Dschungelbuch, sondern ein biblisches Bild für die kommende Königsherrschaft Gottes. Kleine Kinder ohne Angst vor großen Tieren! Das wäre was! Schade, dass das nur Zukunftsmusik ist!
Nur Zukunftsmusik? Ich weiß nicht! Wenn das Reich Gottes schon mitten unter uns ist, oder inwendig in uns (wie andere dieses Jesuswort [Lk 17, 21] übersetzen), dann muss doch wenigstens ein Stück davon auch heute schon sichtbar und erfahrbar sein. Oder nicht?
Als Christen glauben wir, dass das so ist! Dass das Reich Gottes, dass Gott selbst uns nahe gekommen ist in Gottes Sohn, in Jesus Christus. „Der Himmel ist nicht oben, seit Jesus ist er hier! Die Grenzen sind verschoben, geöffnet ist die Tür!“ Das singt sich leicht - aber lässt es sich auch leben? Jesus hat es gelebt! Unter anderem auch in der Art, wie er mit den Kleinsten und Schwächsten, mit Kindern umgegangen ist. Er nimmt sie ernst. Er stellt sie in die Mitte der Gemeinde. Er umarmt sie und segnet sie! Und er erwartet von uns, dass wir das auch tun.

„Seht zu“, sagt er, „dass ihr nicht einen von diesen Kleinen verachtet. Denn ich sage euch: Ihre Engel im Himmel sehen allezeit das Angesicht meines Vaters im Himmel! „(Mt. 18, 10)
„Wenn ihr nicht umkehrt und werdet wie die Kinder, so werdet ihr nicht ins Himmelreich kommen!“ (Mt 18, 3)

Umkehren und werden wie die Kinder? Widerspricht das nicht allem, was wir sonst so hören? Ist es nicht eher umgekehrt, dass unsere Kinder möglichst schnell so werden sollen wie wir? „Groß“ und „erwachsen“ nämlich?! Ashley Montagu, ein amerikanischer Philosoph und Biologe, hat vor einiger Zeit ein Buch geschrieben mit dem Titel „Zum Kind reifen“. Hauptthese dieses Buches ist, dass wir Menschen als Menschen eigentlich nur dazu aufgerufen sind, „die reiche Verheißung“ unserer Kindheit zu erfüllen: „als Kinder zu wachsen und uns zu entwickeln, nicht aber zu der Art von Erwachsenen zu werden, die wir angeblich werden sollen“.
Damit soll nicht gesagt werden, dass wir auf einer kindlichen Stufe der Entwicklung stehen bleiben müssten. Wir seien aber „dazu bestimmt, jene Merkmale, die das Kind so sichtbar zur Schau stellt, ein ganzes Leben lang zu Wachstum und Entfaltung zu bringen“.
Und Ashley Montagu nennt eine ganze Reihe solcher „kindlichen Merkmale“, die wir allmählich verlieren, wenn wir älter werden. „Wissbegierde“, sagt er, „ist eines der wichtigsten; ferner gehören dazu Phantasie, Freude am Spiel, Aufgeschlossenheit, Experimentierbereitschaft, Flexibilität; Humor, Energie, Empfänglichkeit für neue Ideen, Ehrlichkeit, Lernwilligkeit und schließlich die vielleicht verbreitetste und wertvollste Eigenschaft, die Liebebedürftigkeit und Liebebereitschaft.“

„Werden wie die Kinder“ - Montagus Aufzählung hilft mir zu verstehen, was das heißt! Wie würde unser „Miteinanderleben“ in der Gemeinde, in der Welt aussehen, wen wir wissbegierig und phantasievoll, aufgeschlossen und experimentierfreudig, flexibel und humorvoll miteinander umgingen?! Wenn Freude am Spiel, Empfänglichkeit für neue Ideen, Ehrlichkeit und Lernwilligkeit uns prägen würden?! Wenn wir Liebebedürftigkeit und Liebebereitschaft gleichermaßen zeigen und leben könnten?! Vielleicht wäre das eine „Gemeinde nach dem Herzen Gottes“: ein Spiel- und Lebensraum für alle.


(c) Volkmar Hamp