Die Heilung der blutenden Frau (Matthäus 9,20-22)

Jesus war wieder einmal in Kapernaum. Das war „seine Stadt“ (Matthäus 9,1). Hier kannten und liebten ihn die Menschen. Hier konnte Jesus viele Wunder tun, weil sie ihm vertrauten. Und wieder war Jesus von einer großen Menschenmenge umgeben. Ein Ziehen und Schieben, ein Drängeln und Drücken war das! Jeder wollte nah bei Jesus sein. Jeder wollte etwas von ihm.
Unter den vielen Menschen war auch eine Frau. Eigentlich hätte sie gar nicht dort sein dürfen. Denn die Leute sagten: „Die ist unrein! Mit der wollen wir nichts zu tun haben!“ Dabei war die Frau nur krank. Sie hatte schlimme Blutungen, und das schon seit zwölf Jahren. Ihr ganzes Geld hatte sie für Ärzte und Medikamente ausgegeben, aber nichts hatte ihr geholfen. Im Gegenteil: Ihre Krankheit war immer schlimmer geworden. Und so kam es, dass die anderen nichts mehr mit ihr zu tun haben wollten. Sie war eine Ausgestoßene.
Doch an diesem Tag hatte sie sich heimlich in die Menge gewagt. Sie wollte Jesus sehen. Denn sie hatte gehört, dass Jesus Kranke heilen könne. Sie dachte: „Wenn ich nur Jesu Gewand berühre, werde ich bestimmt gesund.“ Die Kapuze ihres Umhangs hatte sie tief in ihr Gesicht gezogen. Niemand sollte sie erkennen.
Langsam bahnte die Frau sich einen Weg durch die Menschenmenge, als plötzlich der Gesuchte vor ihr auftauchte. Jesus. Obwohl sie ihn nur von hinten sah, hatte sie ihn sofort erkannt. Noch ein paar Schritte, dann hatte sie ihn erreicht. Sanft berührte sie sein Gewand. „Wenn ich ihm nur einmal so nahe sein kann, werde ich bestimmt gesund!“
Da geschah das Unfassbare! Jesus wandte sich um und fragte: „Wer hat mich berührt!“
Die Frau erstarrte vor Schreck. Wie hatte er das nur bemerkt? Sie war doch so vorsichtig gewesen.
Die Freunde, die Jesus umringten, sagten: „Jesus, du siehst doch, wie viele Menschen sich hier um dich drängen. Wie soll man da wissen, wer dich berührt?“
Doch Jesus sah die Frau. Er sah ihre Angst und den Schrecken in ihren Augen. Aber er sah auch das große Vertrauen, das sie ihm entgegenbrachte.
Darum sagte er zu ihr: „Sei getrost, meine Tochter, dein Glaube hat dir geholfen.“ (Matthäus 9,22). Von dieser Stunde an war die Frau geheilt.

(c) Volkmar Hamp
Aus: Miteinander Gott entdecken 2012, Seite 78.