Der Mann am Jordan (Matthäus 3,1-17)

Der Mann stand bis zu den Hüften im Wasser. Sein Oberkörper war nackt, die Haare lang und struppig wie der Bart.
Er lebte schon länger hier in der Wüste von Judäa. Sein Name war Johannes.
Er lebte wie einer der alten Propheten: Er trug ein Gewand aus Kamelhaaren und einen ledernen Gürtel. Heuschrecken und wilder Honig waren seine Nahrung.
„Er ist ein Prophet!“ sagten die Leute. „Einer wie einst Elia!“
„Er ist der, von dem der Prophet Jesaja gesagt hat:
‚Eine Stimme ruft in der Wüste: Bereitet dem Herrn den Weg!
Ebnet ihm die Straßen!’“
Aus der ganzen Gegend, ja, sogar aus der Hauptstadt Jerusalem zogen die Menschen zu ihm hinaus in die Wüste. „Kehrt um!“ rief Johannes ihnen zu. „Tut Buße und ändert euer Leben, denn bald richtet Gott seine Herrschaft auf!“
Die Leute hörten ihm zu. Und sie glaubten ihm. Sie versprachen, ihr Leben zu ändern und von nun an die Gebote Gottes zu halten. Und als Zeichen dafür, dass sie es wirklich ernst meinten, ließen sie sich von Johannes im Jordan taufen. „Das Wasser“, so sagten sie, „wäscht all unsere Schuld und Sünde ab. Es ist ein Zeichen dafür, dass Gott uns vergibt und wir vor seinem Urteil über unser Leben keine Angst mehr haben müssen!“
Johannes freute sich über alle, die so dachten. Aber es kamen auch solche, die es nicht ernst meinten. Scheinbar fromme Leute, die trotzdem nicht so lebten, wie es Gott gefällt.
Zu ihnen sagte Johannes: „Ihr Schlangenbrut, wer hat euch gelehrt, dass ihr dem kommenden Gericht entrinnen könnt? An eurem Leben muss man sehen können, dass ihr es ernst meint mit Gott! Denkt doch nicht, nur weil ihr Nachkommen Abrahams seid und zum Volk Israel gehört, ist euch ein Platz im Himmel sicher! Wenn Gott das wollte, könnte er aus den Steinen, die hier am Ufer liegen, Kinder Abrahams machen. Die Axt liegt schon an der Wurzel der Bäume, und jeder Baum, der keine gute Frucht hervorbringt, wird umgehauen und ins Feuer geworfen!“
Ja, Johannes konnte richtig böse werden, wenn er solche Heuchler sah! Aber er freute sich auch über jeden, der es ernst meinte mit seiner Umkehr zu Gott und sich als Zeichen dafür von ihm taufen ließ.
So stand Johannes auch an diesem Morgen wieder im Fluss, um die Menschen zu taufen. Da kletterte ein Mann die Uferböschung hinunter und stieg zu ihm ins Wasser. Johannes kannte diesen Mann. Immer wieder hatte er von ihm gesprochen. „Ich taufe nur mit Wasser zum Zeichen der Umkehr“, hatte er gesagt. „Der aber, der nach mir kommt, ist stärker als ich, und ich bin nicht wert, ihm die Schuhe auszuziehen.“
Und jetzt stand dieser Mann plötzlich neben ihm im Wasser und wollte sich taufen lassen. Dabei hatte er noch nie in seinem ganzen Leben etwas Böses getan! Wenn es jemanden gab, der keine Buße tun und nicht umkehren musste, um in der Nähe Gottes zu sein, dann war das dieser Mann, dieser Jesus aus Nazareth.
„Ich soll dich taufen?“ fragte Johannes. „Ich müsste von dir getauft werden, nicht du von mir!“
Doch Jesus legte ihm die Hand auf den Arm und antwortete: „Lass es nur zu! Auch ich möchte tun, was vor Gott recht ist. So wie meine Brüder und Schwestern hier.“
Da gab Johannes nach und taufte auch Jesus.
Was dann geschah, ist schwer zu beschreiben: Als Jesus aus dem Wasser stieg, war es, als öffnete sich der Himmel. Johannes sah den Geist Gottes wie eine Taube auf Jesus herab kommen. Und es war ihm, als hörte er eine Stimme aus dem Himmel sprechen. Die sagte: „Das ist mein geliebter Sohn, an dem ich Gefallen gefunden habe!“
Später dachte Johannes oft, er habe sich das nur eingebildet. Noch kurz vor seinem Tod, als er im Gefängnis saß und auf seine Hinrichtung wartete, schickte er seine Jünger zu Jesus und ließ ihn fragen: „Bist du wirklich der, der kommen sollte? Der Messias? Der Retter? Oder müssen wir auf einen anderen warten?“
Und Jesus sandte die Jünger des Johannes zu ihm zurück: „Geht“, sagte er, „und berichtet Johannes, was ihr hört und seht: Blinde sehen wieder, und Lahme gehen; Aussätzige werden rein, und Taube hören; Tote stehen auf, und den Armen wird die gute Nachricht von Gottes Reich verkündet.“
So konnte der Mann vom Jordan am Ende in Frieden sterben. Er wusste: In diesem Jesus aus Nazareth war Gott den Menschen ganz nah gekommen. Er wusste: Jetzt wird alles gut!

(c) Volkmar Hamp
Aus: Miteinander Gott entdecken 2009.