Josefs Traum (Matthäus 2,13-23)

Die Morgendämmerung war noch nicht angebrochen, als Josef erwachte. Das silbrige Licht des Mondes fiel in die kleine Kammer, in der sie die Nacht verbracht hatten: er und Maria und das Kind.
Josef rieb sich die Augen und gähnte. Es war noch viel zu früh um aufzustehen! Neben ihm schliefen Maria und das Baby. Ihr Atem ging gleichmäßig und ruhig.
Doch ihn hatte irgendetwas geweckt. Wenn er nur wüsste, was! Ein Geräusch? Nein. Draußen war alles ruhig. Selbst die Vögel schliefen noch.
Da – plötzlich – fiel es ihm ein: ein Traum! Er hatte einen schlimmen Traum gehabt. Davon war er aufgewacht.
Jetzt erinnerte er sich: Im Traum war ihm ein Mann erschienen. Und wie das manchmal so ist in Träumen, er hatte sofort gewusst: Das ist kein normaler Mann! Das ist ein Engel, ein Bote Gottes!
„Schnell, Josef!“ hatte der Mann gesagt. „Steh auf, nimm das Kind und seine Mutter, und flieh nach Ägypten. Dort bleibe, bis ich dir etwas anderes auftrage!“
Und ehe er fragen konnte: „Warum?“ hatte der Engel schon weiter gesprochen: „Herodes wird das Kind suchen, um es zu töten!“
Ja, das war sein Traum gewesen. Davon war er aufgewacht!
Josef schüttelte den Kopf. Ein Traum? War das wirklich nur ein Traum? Und wenn es wahr wäre? Wenn ihm wirklich ein Bote Gottes erschienen war im Traum? Wenn Gott ihn warnen wollte vor Herodes?
Hatten nicht die Sterndeuter aus dem Osten erzählt, dass sie in Jerusalem bei König Herodes waren, bevor sie nach Bethlehem kamen? Konnte es sein, dass der große König diesem kleinen Kind, das da neben ihm lag, nach dem Leben trachtete?
Das zu glauben, fiel Josef schwer. Jesus war doch noch ein Baby! Ein Kind aus einfachen, ja, ärmlichen Verhältnissen. Wie sollte dieses Kind dem König in Jerusalem gefährlich werden?
Doch der Traum ließ Josef nicht los. Je mehr er darüber nachdachte, desto unruhiger wurde er. Josef bekam Angst!
Schließlich hielt er es nicht länger aus. Er weckte Maria. „Schnell!“, sagte er. „Wir müssen fort von hier! Stell jetzt keine Fragen. Ich erkläre dir alles, wenn wir unterwegs sind. Nimm du das Kind, ich packe unsere Sachen.“
Dann ging alles ganz schnell. Nur ein paar Minuten, dann waren sie unterwegs. Raus aus dem Dorf und auf der Straße Richtung Süden.
Der Weg nach Ägypten war weit und beschwerlich. Josef fragte sich oft, ob er die richtige Entscheidung getroffen hatte. Konnte er Maria und dem Kind das wirklich zumuten? So eine anstrengende Reise – wegen einem Traum!?
Doch Maria sagte: „Du hast richtig gehandelt! Du weißt doch: Auch mir ist ein Engel erschienen. Damals, vor der Geburt. Und alles ist so gekommen, wie er es gesagt hat. Warum sollte es bei dir anders sein?“
So waren sie immer weiter gezogen. Tag für Tag. Bis nach Ägypten. In einem kleinen Ort ließen sie sich nieder. Schnell fand Josef Arbeit. Gute Handwerker wurden immer gebraucht, und schließlich war er Zimmermann.
Dann, nach ein paar Wochen, hörten sie die schrecklichen Nachrichten. Herodes hatte tatsächlich nach einem Kind gesucht. Nach ihrem Kind! Und weil er es nicht finden konnte, hatte er in Bethlehem und der ganzen Umgebung einfach alle Jungen, die nicht älter als zwei waren, umbringen lassen. Viele Mütter weinten dort um ihre Kinder.
Als Maria und Josef das hörten, weinten auch sie. Sie weinten wegen des Unglücks und wegen des großen Leides, das Herodes über viele Familien in Bethlehem gebracht hatte. Aber sie weinten auch vor Glück: Gott hatte sie gerettet! Sie und ihr Kind!
„Vielleicht stimmt es ja doch!“ dachte Josef oft. „Das, was Maria von Anfang an behauptet hatte: Dass Gott etwas ganz Besonderes vorhat mit unserem Sohn!“
Aber was immer das sein mochte – es konnte warten! Jesus sollte in Frieden und Sicherheit aufwachsen. Und wenn das zu Hause nicht möglich war, dann blieben sie eben hier: in Ägypten. Wenn’s sein musste, bis zum Tode des Königs! Und genau das taten sie auch ...

(c) Volkmar Hamp
Aus: Miteinander Gott entdecken 2009.