David und Saul (1. Samuel 24,1-23)

Ein Anhänger Davids – gekleidet wie ein davidischer Untergrundkämpfe zur Zeit Sauls – berichtet aus seiner Sicht die Dinge (ein großes Messer und ein Stück „königlichen Mantelstoff“ hat er in der Tasche).

Also, das war ja wohl das Letzte! De bekommt der Typ die Chance seines Lebens – und lässt sie einfach sausen! Wie ein Fußballer, der mit Absicht `nen Elfmeter vergibt – nur um den Torwart zu schonen! Das ist doch verrückt! Hat der sie denn noch alle? Ist der total durchgeknallt?
Ach, ihr wisst ja gar nicht, wovon ich rede! Also, ich heiße Bela. Und ich bin einer von den 600 Männern, die mit diesem Hirtenjungen aus Bethlehem den Aufstand gegen König Saul geprobt haben.
David Ben Isai. Ihr habt bestimmt von ihm gehört. Ein toller Kerl! Jung, gut gebaut und schön. Und mutig! Wie der den Goliath, diesen Philisterriesen, umgelegt hat! Allererste Sahne!
Und dann die vielen Kämpfe für König Saul! „Saul hat tausend Mann geschlagen, David aber zehnmal tausend!“ Das sangen die Frauen, als David wieder mal von einem seiner Siege heimkehrte. „Saul hat tausend Mann erschlagen, David aber zehnmal tausend!“
Seitdem hasst der König ihn! Völlig durchgedreht ist der. Hat sogar versucht, ihn umzubringen. Irgendwann wurde es so schlimm, da ist der David abgehauen. Und wir mit ihm. 600 Mann. Wir lassen doch den David nicht im Stich! Wenn einer es verdient, König von Israel zu sein, dann er! Und wenn Saul irgendwann abdankt – oder stirbt? – dann stehen wir jedenfalls auf der richtigen Seite.
Doch jetzt das. Wir waren in den Bergen bei En-Gedi. Und irgendwie hat der Saul das spitzgekriegt. Mit 3.000 Soldaten ist der hinter uns her, um uns zu suchen.
Und eines Abends – wir hatten uns ganz hinten in sp `ner Höhle versteckt –, da kommt vorne durch den Höhleneingang ein Mann. Schon dachten wir: Jetzt ist es aus! Gleich entdeckt der uns und dann: Gute Nacht!
Doch nichts da! Der merkte gar nicht, dass wir da hinten in der Höhle hockten. Der hatte keine Ahnung! Der musste nur mal und war wohl froh, endlich ein „stilles Örtchen“ gefunden zu haben.
Und wisst ihr, wer das war? Richtig! Kein anderer als König Saul! Der König musste mal für kleine Jungs und wollte wohl nicht vor seinen Männern ...
Naja, da war sie: die Gelegenheit! Jetzt oder nie! Ein Stich, ein schneller Hieb ... und David wäre mit einem Schlag all’ seine Probleme los gewesen. Und König geworden!
„Nun mach’ schon!“, flüsterten wir in der Dunkelheit. „Das ist deine Chance. Gott hat doch versprochen, dir eines Tages deinen Feind auszuliefern. Jetzt ist es so weit! Du kannst dich an ihm rächen!“
Doch David zögerte. Vielleicht hatte er Angst? Ich weiß es nicht. Jedenfalls ließ er sich ziemlich viel Zeit, und ich dachte schon, dass der Saul sein Geschäft beenden würde, bevor David endlich zur Sache kam. So eine Chance, die kriegt man doch nicht wieder. Die gibt’s nur einmal im Leben! Und wer das verpassst, der hat verloren.
Da gab sich David plötzlich einen Ruck. Lautlos schlich er Richtung Höhleneingang. Das konnte er. Das hatte er lange genug geübt, seit er im Untergrund lebte, immer auf der Flucht.
Wir hielten den Atem an. Kein Laut war zu hören, kein erstickter Schrei, kein Röcheln. David, so schien es, machte seine Sache gut. Wenn Sauls Männer ihren toten König entdeckten, wären wir schon lange über alle Berge.
Plötzlich – wie aus dem Nichts – stand David wieder neben uns. Schon wollten wir ihm gratulieren, doch mit einer Handbewegung brachte er uns zum Schweigen. Fragend sahen wir ihn an. Er schüttelte nur den Kopf. „Ich konnte es nicht!“, sagte er dann. „Saul ist mein König! Gott hat ihn dazu gemacht! Wie kann ich ihm da das Leben nehmen?!“
Da waren wir erstmal platt! So ein Idiot! Kriegt die Chance seines Lebens und lässt sie ungenutzt vergehen!
Schon griffen einige von uns zu ihren Messern, um die Sache selbst zu erledigen. Aber David verbat ihnen, sich an Saul zu vergreifen. Und gegen David wollte sich dann doch keiner stellen.
Inzwischen hatte Saul sein Geschäft beendet und verließ die Höhle. Wir atmeten auf. Wenigstens waren wir nicht noch entdeckt worden. Für diesmal jedenfalls.
Doch was macht David? Rennt dem König hinterher, tritt vor die Höhle und ruft ihm nach: „Mein Herr und König!“
Ich dachte, mein Herz bleibt stehen! Erst vergibt der eine einzigartige Gelegenheit, alle unsere Probleme auf einen Schlag zu lösen, und dann liefert er uns auch noch ans Messer! Ich schwöre euch: In diesem Augenblick hätte ich den David am liebsten umgebracht!
Vorsichtig schlich ich mich mit ein paar anderen zum Höhleneingang. Draußen – ein paar Meter hangabwärts – stand Saul. Er hatte sich umgedreht und sah zu uns herauf. David verneigte sich vor ihm, ja, warf sich vor ihm zu Boden! Dann begann er zu reden: „Warum glaubst du dem Geschwätz einiger Leute, die behaupten, ich wolle dich ins Verderben stürzen? Heute kannst du mit deinen eigenen Augen sehen, dass das nicht wahr ist!“
Er zeigte hinauf zu uns. „Vorhin in der Höhle hat der Herr dich mir ausgeliefert. Meine Leute wollten mich dazu verleiten, dich umzubringen. Aber ich habe dich verschont! Ich dachte: Niemals kann ich meinem König etwas antun, denn er ist vom Herrn selbst eingesetzt worden!“
David griff in seinen Mantel und zog ein Stück Stoff hervor (der Erzähler tut es ihm an dieser Stelle nach!). „Schau, mein Vater, was ich hier in der Hand halte!“, sagte er. „Einen Zipfel deines Mantels! Den habe ich dir abgeschnitten, anstatt dich zu töten!“
Erschrocken griff Saul nach dem Saum seines Mantels. Und tatsächlich: Da fehlte ein Stück. Der König wurde kreidebleich!
„Glaubst du jetzt, dass ich kein Verräter bin und nichts Böses gegen dich im Schilde führe?“ fragte David. „Ich habe dir nichts getan, und trotzdem verfolgst du mich und willst mich umbringen. Der Herr soll Richter sein zwischen dir und mir und entscheiden, wer von uns beiden im Recht ist. Er soll dich für das Unrecht bestrafen, das du mir antust. Ich aber werde dir kein Haar krümmen!“
Bisher hatte Saul kein Wort gesagt. Doch jetzt begann er zu klagen und zu weinen und rief: „Bist du es wirklich, mein Sohn David?“ Er senkte den Kopf. „Du bist ein besserer Mensch als ich. Du bist gut zu mir, obwohl ich dich schlecht behandelt habe. Schon wieder hast du mir bewiesen, wie großmütig du bist. Obwohl der Herr mich in deine Hand gegeben hat, hast du mir nichts angetan.
Er schüttelte den Kopf. „Wer lässt schon seinen Feind unbehelligt laufen, wenn er ihn einmal in seiner Gewalt hat?“
Na, damit hatte er Recht! Und uns war noch längst nicht klar, ob das nicht der größte Fehler war, den David bis dahin in seinem Leben gemacht hatte. Doch Saul schien versöhnlich gestimmt zu sein. „Gott möge dich für deine Großzügigkeit belohnen!“ sagte er. Und dann geschah etwas sehr Merkwürdiges: „Ich weiß genau“, sagte er, „dass du König sein wirst und deine Familie in Israel regieren wird für alle Zeiten! Darum bitte ich dich: Schwöre mir vor dem Herrn, dass du meine Familie nicht auslöschen wirst. Bitte, lass nicht zu, dass mein Geschlecht ausstirbt!“
Fast schien es, als ob Saul erneut in Tränen ausbrechen würde. Aber vielleicht war das nur ein Trick, um David wohlgesinnt zu stimmen. Wenn dem so war, dann hatte er jedenfalls Erfolg. David tat, was Saul von ihm erbeten hatte: Er schwor, dass er die Familie Sauls verschonen würde, wenn es so weit war, dass er den Thron besteigen sollte.
Daraufhin drehte Saul sich um und kehrte nach Hause zurück. Seine 3.000 Männer nahm er mit.
Ich kann euch sagen, in dem Augenblick fiel mir wirklich ein Stein vom Herzen! Ach, was sag’ ich da: alle Berge En-Gedis! Und meinen Freunden ging es ganz genauso. Da hatten wir noch einmal jede Menge Glück gehabt!
Auch David schien erleichtert zu sein. Wortlos kam er auf uns zu. Warum er gerade mir den Zipfel vom Mantel Sauls und sein Messer in die Hand drückte, weiß ich nicht ...
Wir verloren keine Zeit. Schnell brachen wir auf. Bevor Saul es sich anders überlegte, wollten wir über alle Berge sein ...

(c) Volkmar Hamp
Aus: Sonntagschulmitarbeiter 4/1997, S. 182-183.