Die Geschenke der Weisen (Matthäus 2,1-12)

„Meine Güte! Wie lange liegen wir nun schon in dieser dunklen Kiste? Und immer noch kein Ende der Reise in Sicht!“ Das Säckchen mit den Goldtalern war mächtig sauer. Seit Wochen waren sie nun schon unterwegs. Und keiner von ihnen wusste, wohin es eigentlich gehen sollte.
Das Kästchen in dem sie lagen, war zwar nicht unbequem – ein Schmuckkästchen eben, mit Samt ausgelegt –, aber es war verschlossen und dunkel. Und die ewige Schaukelei auf dem Kamelrücken war auch kein Vergnügen.
Außerdem behagte auch die Gesellschaft, in der es sich befand, dem Edelmetall ganz und gar nicht! Das Tontöpfchen mit dem Myrrhebalsam ging ja noch. Aber der Weihrauch? Der stank ganz furchtbar! Dass solch ein Geschenk eines Königs würdig sein sollte, konnten die Goldtaler nicht verstehen.
Tagein tagaus waren sie geritten. Oder besser gesagt: Nachtein nachtaus. Denn die Magier, denen sie gehörten, folgten einem neu entdeckten Stern. Und Sterne sieht man ja bekanntlich nur in der Nacht. Dieser Stern, so sagten sie, zeige die Geburt eines neuen Königs an. Und diesen König wollten sie sehen. Für ihn waren die Geschenke in dem Kasten: Gold, Weihrauch und Myrrhe. Alles wertvolle Dinge – auch wenn die Goldtaler an dem Wert des Weihrauchs so ihre Zweifel hatten.
Wochenlang schaukelten sie auf ihren Kamelen durch die Wüste. Bergauf und bergab über riesige Sanddünen. Von Oase zu Oase. „Wenigstens reisen wir nachts!“ sagte die Myrrhe fast täglich. „Die Hitze am Tag würde mir gar nicht gut tun. Da wird man so schnell ranzig!“
„Nein, ein Vergnügen ist diese Reise nicht!“, dachte auch der Weihrauch, der sehr wohl bemerkte, dass seine Gesellschaft dem Gold und der Myrrhe nicht immer behagte. Dabei hielt gerade er sich für etwas Besonderes: Gold und Myrrhe, das waren Geschenke für Menschen. Für Könige vielleicht, aber auch Könige sind doch nur Menschen. Weihrauch hingegen verbrannte man zu Ehren der Götter! Wenn ihre Herren wirklich nur zu einem neu geborenen König wollten – warum hatten sie dann Weihrauch mitgenommen? Vielleicht steckte doch mehr dahinter?
Einmal, ein paar Tage war das nun her, hatte die Reisegesellschaft in dem dunklen Kästchen geglaubt, ihre Reise wäre zu Ende. Sie waren in eine Stadt gekommen. Eine große Stadt, wie es hieß. Jerusalem. Hier lebte ein König. Und die Magier dachten, wenn dieser Stern tatsächlich die Geburt eines neu geborenen Königs anzeigt, dann werden wir ihn hier doch wohl finden: in einem Palast, in einer Königsfamilie.
Der König, sein Name war Herodes, hatte sie auch sofort empfangen. Ein neu geborener König? Das interessierte ihn sehr! Denn Herodes hatte gar keinen Sohn. Und wenn da irgendwo ein Kind geboren worden war, dass vielleicht irgendwann einmal Ansprüche auf seinen Thron und seine Macht erheben konnte, dann wollte er das gerne wissen! Dagegen musste man doch etwas unternehmen.
Die Magier bemerkten von alledem nichts. Im Gegenteil: Sie wurden freundlich empfangen, und König Herodes ließ sogar all seine Gelehrten herbeirufen, um ihnen bei ihrer Suche zu helfen. Und tatsächlich: In alten heiligen Schriften, fanden sie einen Hinweis. Bei einem ihrer Propheten war zu lesen: „Du, Bethlehem im Gebiet von Juda, bist keineswegs die unbedeutendste unter den führenden Städten von Juda; denn aus dir wird ein Fürst hervorgehen, der Hirt meines Volkes Israel.“
Sollte diese Prophezeiung sich nun erfüllt haben? Ganz sicher war Herodes sich nicht. Aber das Ganze dem Zufall überlassen, wollte er auch nicht. So rief er die Magier zu sich und sagte zu ihnen: „Geht und sucht nach dem Kind! Und wenn ihr es gefunden habt, dann berichtet mir davon, damit ich auch hingehen und ihm huldigen kann!“ In Wahrheit aber wollte er das Kind töten lassen. Doch davon ahnten die Fremden nichts.
Und so waren das Gold, der Weihrauch und die Myrrhe wieder unterwegs. Nach Bethlehem sollte es gehen. Das war nicht weit entfernt von Jerusalem. Und tatsächlich: Der Stern, dem die Sterndeuter so lange gefolgt waren, blieb schließlich stehen. Über einem kleinem Haus, fast ein Stall. Jedenfalls kein Palast. Kein Ort für einen neu geborenen König.
Doch da lag tatsächlich ein Baby. In einem Futtertrog, aus dem man eine Krippe gemacht hatte. Wenn der Stern sie nicht in die Irre geführt hatte – und das hatte er nicht, da waren sie sich ganz sicher! –, dann musste dieses Kind der neu geborene König sein.
Und so knieten die weisen Männer aus dem Osten nieder und verneigten sich vor dem Kind in der Krippe und vor seinen Eltern. Und dann – endlich! – öffneten sie das Kästchen mit den Geschenken und holten ihre Schätze hervor: das Gold, den Weihrauch und die Myrrhe!
Da waren aller Streit und alle Eitelkeit vergessen. „Endlich!“ dachten die Goldtaler. „Wenn dieses Kind tatsächlich ein neu geborener König ist, dann sollte er mit uns doch einen guten Start ins Leben haben, oder!?“ Und der Weihrauch sagte: „Dieses Kind ist viel mehr als ein menschlicher König! Gott selbst ist in ihm zur Welt gekommen. Jetzt wird alles gut!“ Und die Myrrhe ergänzte: „Ja, so ist es! Jetzt wird alles gut. Dieses Kind bringt Heil in die Welt. Und was kann man dem Heiland der Welt schöneres schenken als Medizin!?“
So hatte die lange Reise sich doch noch gelohnt. Zufrieden lagen die wertvollen Geschenke neben dem kleinen Kind in der Krippe. Wie es ihm wohl ergehen würde?
Jedenfalls kam der eifersüchtige König Herodes in seinem Palast in Jerusalem nicht zu seinem Ziel. Den Weisen aus dem Osten erschien im Traum ein Engel Gottes und gebot ihnen, nicht nach Jerusalem zurückzukehren, sondern auf einem anderen Weg nach Hause zu ziehen.
„Gott sorgt tatsächlich für seinen Sohn!“ dachten das Gold, der Weihrauch und die Myrrhe. „Er schenkt ihm einen guten Start ins Leben. Und mit ihm jedem Menschenkind auf dieser Welt ...“

(c) Volkmar Hamp
Aus: Miteinander Gott entdecken 2009.