Reisetagebuch Kamerunreise 27.02. – 07.03.2006


Montag, 27.02.2006

4:30 Uhr: Der Wecker klingelt.
5:00 Uhr: Ich verlasse das Haus.
7:10 Uhr: Abflug von Berlin-Tegel.

9:00 Uhr: Ankunft in Paris. Hier treffe ich Wilfried Pegel aus der Exekutive des AK Maroua, mit dem ich diese Reise machen werde.

10:30 Uhr: Wir besteigen den Flieger nach Douala. Ich fliege mit gemischten Gefühlen:
Natürlich freue ich mich auf diese Reise. Darauf, endlich das Land kennen zu lernen, mit dem ich seit meiner Geburt verbunden bin. In meinem Pass steht nämlich: Geburtsort Maroua. Meine Eltern waren von 1962 bis 1965 als Missionare der Europäischen Baptistischen Mission (EBM) in Kamerun, und ich habe dort das Licht der Welt erblickt. Und nun mache ich mich auf – zum ersten Mal seit 40 Jahren! –, das Land meiner Geburt wieder zu sehen. Darauf freue ich mich.
Und ich freue mich, endlich die GJW-Projekte kennen zu lernen, mit denen mich seit meiner Jugendzeit („Wir möbeln Maroua auf!“) und dann vor allem seit meiner Zeit im GJW vieles verbindet. Last but not least freue ich mich darauf, Menschen wieder zu sehen bzw. kennen zu lernen, deren Namen sich für mich mit Kamerun verbinden: Katherine Kolyang, Claudia und Uwe Klemp, Betche Lambert und viele andere.
Ja, ich freue mich auf Kamerun!
Aber ich bin auch gespannt: Wie werden wir das CTM und die Mädchenschule vorfinden? Wie laufen die Gespräche in den Schulverwaltungsräten? Wie wird das Treffen mit der UEBC (Union des Eglises Baptistes du Cameroun)? Und vor allem: Was wird diese Reise in meine eigene Vergangenheit und die meiner Familie mit mir machen? Wird diese Land mich „berühren“, so wie mich vor einigen Jahren Südafrika berührt und nicht wieder losgelassen hat? Werde ich einen Zugang finden zu Land und Leuten, obwohl ich kaum Französisch verstehe oder spreche? Gut, dass Wilfried mit dabei ist und mir helfen kann dabei!
Und ein bisschen Sorge reist auch mit: Da ist die Erinnerung an den schweren Unfall auf einer Studienreise vor einigen Jahren. Und an den Tod von Marcel Ilchmann. Und an einen eigenen Autounfall in Südafrika vor einiger Zeit. Reisen in Afrika ist nicht ganz ungefährlich. Wird alles gut gehen? Ich bin sonst nicht der Typ, der vor dem Antritt einer Reise die Hände faltet und betet. Ich denke immer, Gott wird auch so auf mich aufpassen und wenn nicht, selbst darin mit mir sein! Aber heute bete ich doch, bitte um Bewahrung. Und ich weiß, dass auch viele andere das tun: für diese Reise beten. Und es tut mir gut.

18:00 Uhr: Unser Flieger landet in Douala. Feuchtwarme tropische Luft schlägt uns entgegen, als wir das Flugzeug verlassen. Wir sind in Äquatornähe. Es riecht nach Afrika. Und natürlich funktioniert die Klimaanlage in der Empfangshalle des Douala International Airport nicht. Dafür kommen wir recht zügig durch die Einreisekontrollen. Das ist oft auch anders, sagt Wilfried mir.

19:00 Uhr: Wir fahren zunächst in die Missionsstation der EBM, wo wir auch übernachten werden, und dann gleich weiter in die Zentrale der UEBC, wo wir mit einigen wichtigen Repräsentanten der Kameruner Baptisten zusammentreffen. Ich verstehe nicht viel von dem Gespräch, aber die Atmosphäre ist sehr locker und herzlich. Das war nicht immer so, sagt mir Wilfried nach dem Gespräch und freut sich, dass mir das aufgefallen ist, obwohl vieles vom Inhalt der Gespräche an mir vorbei ging.
Und ich freue mich, dass einige der Herren sich an den Namen „Hamp“ erinnern: „Monsieur Hamp – Monsieur Gamboura!“ sagen sie. Das wird meine Eltern freuen, dass ihre Arbeit hier auch nach 40 Jahren noch nicht vergessen ist!

20:00 Uhr: Noch was „Geschäftliches“. Wir prüfen die GJW-Kasse, die das EBM-Büro in Douala für uns führt – und finden alles in bester Ordnung vor! Danke dafür!

21:30 Uhr: Wilfried zeigt mir Douala bei Nacht. Wir essen bei einem Griechen und besuchen dann eine Bar im sog. „Quartier“. Schnell sind wir von jungen Mädchen umlagert, manche kaum älter als 15, nur wenige über 20. Sie kommen aus den Armenvierteln der Stadt, „verkaufen“ sich hier an die wenigen Touristen und an die reichen Ausländer, die in Douala arbeiten. Sie tragen so ein wenig zum Einkommen ihrer Familien bei oder sichern sich selbst das Überleben in dieser 3-Millionen-Stadt.
Ich unterhalte mich mit Aisha (Ich glaube nicht, dass das ihr richtiger Name ist). Ich spreche kaum Französisch, sie kaum Englisch, und die Muttersprache des anderen verstehen wir erst recht nicht. Aber das ist „no problem“ für Aisha. Ob sie mit mir mitkommen soll heut nacht? „I love you!“
Mich stimmt es traurig, dass dieses Mädchen – noch keine 20 Jahre alt – keine andere Möglichkeit sieht, ihr Leben zu finanzieren. Und dass es, wie überall auf der Welt, auch hier in Douala genügend Männer gibt, die das ausnutzen und die Armut und Schönheit dieser Kinder ausbeuten!
Schnell verabschieden wir uns wieder. Ich weiß nicht, was ich Aisha für den Rest des Abends wünschen soll. „Erfolg“? Oder lieber doch nicht?
Auf dem Weg in unsere Unterkunft bin ich sehr nachdenklich. Ich frage mich, warum Wilfried, der 8 Jahre hier in Kamerun gelebt hat und die Verhältnisse kennt, mir diesen Ort gezeigt hat. Vielleicht, weil er mir deutlich macht, wie wichtig solche Projekte wie Saare Tabitha (die Mädchenschule in Maroua) sind, um jungen Mädchen eine Zukunft jenseits von Armut und Prostitution zu ermöglichen.


Dienstag, 28.02.2006

5:30 Uhr: Der Wecker klingelt. Ich habe schlecht geschlafen wegen der Hitze.

6:00 Uhr: Wir starten mit dem Auto nach Yaoundé. Von dort soll uns ein Kleinflugzeug der SIL (eine amerikanische Bibelübersetzerorganisation) in den Norden bringen. Mit von der Partie – außer Wilfried und mir – sind Theophil Bello, der stellvertretende Schatzmeister der UEBC, der selber aus dem Norden stammt, und Jean-Pierre, unser Fahrer.
Wir brauchen eine halbe Stunde, bis wir aus der Stadt raus sind. „Douala ist ein Moloch!“ sagt Wilfried. Und er hat Recht damit. Schon früh am Morgen herrscht hier das Chaos: Autos, Fußgänger, Motorradtaxis – alle versuchen sich im Verkehr zu behaupten. Es ist hektisch, laut, aggressiv. Ich muss an Darwin denken: Diese Menschen kämpfen in dieser großen Stadt ums Überleben.
Dann liegt die Stadt hinter uns – und vor uns eine 250 km lange Asphaltschneise durch den Dschungel! Weißer Nebel steigt aus dem dichten Urwald auf. Und als es hell wird, bekommt die Welt langsam wieder Farbe – und die Welt hier unten im Süden Kameruns ist grün! Ein sattes, fettes, fruchtbares Grün, so weit das Auge reicht. Ich suche nach einem Wort, das diese Landschaft beschreiben könnte. Dann fällt es mir ein: ursprünglich. So habe ich mir als Kind immer den Garten Eden vorgestellt, das Paradies: wie einen Urwald von satter, grüner Farbe.
Jean-Pierre fährt „wie eine gesengte Sau“, wie man bei uns zuhause sagt. Bei dem einen oder anderen waghalsigen Überholmanöver halte ich den Atem an, doch alles geht gut. Ausgebrannte Autowracks am Straßenrand zeigen, dass nicht alle so viel Glück haben auf dieser Straße.
Wir kommen durch einige kleinere Städte und Dörfer. Dann erreichen wir – nach drei Stunden Fahrt – Yaoundé, die Hauptstadt Kameruns. Schon hier ist die Atmosphäre völlig anders als in Douala: weniger laut und aggressiv.
Auf dem alten Flughafen, den jetzt nur noch das Militär nutzt, seit draußen vor der Stadt ein großer, neuer internationaler Airport gebaut wurde, erwartet uns der Pilot der SIL. Schnell wird die kleine, sechssitzige Maschine startklar gemacht. Unser Gepäck wird verstaut und wir drei – Wilfried, Bello und ich – klettern in den kleinen Flieger.
Der Pilot erklärt uns die Sicherheitsvorkehrungen: eine Notfalltasche, ein Satellitentelefon, eine Machete und Wasservorräte unter dem Rumpf. Dann rollen wir zur Startbahn und warten auf die Starterlaubnis.
Die lässt auf sich warten. Da soll noch ein anderer Flieger landen. Doch auch der hat Verspätung. Endlich ist es so weit: Der Pilot drückt ein paar Knöpfe, legt ein paar Schalter um, die Maschine rollt an und hebt nach wenigen hundert Metern ab in den wolkenverhangenen Himmel über der Stadt.
Unter uns bleibt ein Gewirr an Straßen und Häusern zurück. Wir machen ein paar Fotos – dann sind wir über den Wolken.
Der Flug ist angenehmer als erwartet! Ich fühle mich viel sicherer als zuvor bei Jean-Pierre im Auto. Unser Pilot scheint zu wissen, was er tut. Die Sitze sind unbequem, die Maschine eng. Aber der Blick auf das Land unter uns gleicht manche Unbequemlichkeit aus. Vom Urwald sehen wir nicht viel. Er liegt unter einer dichten Nebel- und Wolkendecke. Hier im Süden regnet es an 270 Tagen im Jahr.
Dann verändert sich die Landschaft, und auch die Wolken verschwinden. Der Wald zieht sich mehr und mehr zurück, bildet nur noch kleine „Inseln“ rund um Wasserstellen oder dichte „Grünstreifen“ entlang kleiner Flüsse und Bäche. Dazwischen: Steppe, Buschland.
Dann kommen wir in die Berge. Das Grün wird immer spärlicher. Wir überfliegen bizarre Felsformationen. Hin und wieder schlängelt sich unter uns eine Sandpiste durch die Landschaft. Nur einmal überfliegen wir eine kleine Stadt.
Dann – nach drei Stunden – erreichen wir den Großraum Garoua. Unter uns, so weit das Auge reicht, abgeerntete Felder. Jetzt, in der Trockenzeit, sind sie braun und leer. In der Regenzeit wird hier Hirse angebaut, das Hauptnahrungsmittel hier im Norden Kameruns.

13:00 Uhr:
Unsere Maschine setzt zum Landeanflug auf Garoua an. Sicher bringt der Pilot uns zurück auf den Boden. Hier ist es noch heißer as im Süden (42°), aber ist eine trockene, erträglichere Hitze. Pastor Ousmanou von der hiesigen Baptistengemeinde und Hervé Tuquois, der Direktor des Centre Technique de Garoua (CTG), einer Einrichtung der EBM, holen uns ab.
Auf dem Weg zu Pastor Ousmanous Haus zeigen sie uns eine neue Schule der UEBC. Dann gibt es ein typisch afrikanisches Essen: Kochbananen, Kartoffeln, Fisch und Hühnchen. Dazu ein leckeres, kaltes Bier! Ich bin froh, dass die Kameruner Baptisten – im Gegensatz zu denen in Südafrika – kein Problem damit haben, uns ein Bier anzubieten. Das schmeckt in der Hitze halt doch sehr gut!

Um
15:00 Uhr, als die allergrößte Mittagshitze vorbei ist, machen wir uns auf den Weg nach Maroua. Ousmanou begleitet uns. Außerdem nehmen wir Adrien mit, einen jungen Weißen aus Frankreich, der hier ein Praktikum macht. Hervé fährt. Schnell zeigen sie uns noch ein weiteres neues Projekt der UEBC, den Rohbau einer neuen Tagesklinik, und das CTG. Dann geht es weiter Richtung Norden.
Der Europäer Hervé fährt deutlich zurückhaltender als Jean-Pierre. Aber die Straße ist voller Schlaglöcher, und mehr als einmal schüttelt es uns kräftig durch, wenn wir dort hineinknallen. Mais c’est l’Afrique!
Land und Leute hier im Norden machen einen ganz anderen Eindruck auf mich als im Süden. Schon Garoua wirkt wesentlich ruhiger und freundlicher als Douala oder Yaoundé. Und dieser Eindruck verstärkt sich während unserer Fahrt übers Land. Hier wohnen – trotz der Landflucht, die ein großes Problem ist in Kamerun – noch viele Menschen auf sehr traditionelle Weise in kleinen Dörfern. Immer wieder sehen wir sog. „Saares“, kleine Gehöfte, die aus mehreren Boukarous (Rundhütten) bestehen.
Die Menschen hier sind arm. Strom gibt es nur selten. Wasser holen sie aus einem Brunnen im Dorf oder von einer mehr oder weniger weit entfernten Wasserstelle. Am Straßenrand verkaufen sie Feuerholz oder Zwiebeln. Sie halten Ziegen, Rinder, Esel. Doch die Armut hat hier ein anderes Gesicht als in den Elendsvierteln von Douala. Zum zweiten Mal suche ich nach einem passenden Wort. Dan fällt es mir ein: Würde. Diese Menschen sind arm – aber würdevoll! Sie gehen aufrecht. Sie lachen. Sie entbehren viele „Segnungen der Zivilisation“: Strom aus der Steckdose, fließend kalt und warm Wasser, Fernseher und Fast-Food-Restaurants. Aber sie leben – so wirkt es auf mich – im Einklang mit sich selbst, mit der Natur und mit ihrer Tradition.
Vielleicht sehe ich das zu „romantisch“. Aber auf dieser Dreieinhalbstundenfahrt von Garoua nach Maroua frage ich mich, was wir Weißen eigentlich hier machen. Warum wir dem schwarzen Kontinent nicht sein eigenes Tempo, seine eigene Entwicklung lassen konnten. Natürlich kenne ich die Antwort: Stand ganz am Anfang vielleicht die „Entdeckerfreude“, ging es doch ziemlich schnell nur noch um Geld und Macht. Wir haben Afrika ausgebeutet – und tun es bis heute. Und ich frage mich, ob der sog. „Missionsbefehl“ Jesu in diesem Zusammenhang nicht mehr Schaden angerichtet als Gutes bewirkt hat. Wir passieren eine Zementfabrik. „Ein gutes Beispiel für afrikanisch-europäische wirtschaftliche Zusammenarbeit!“ sagt Hervé sarkastisch: „Die Kameruner arbeiten – die Franzosen kassieren!“
Als wir uns Maroua nähern, habe ich mehr Fragen als Antworten. Ich weiß, die Zeit lässt sich nicht zurückdrehen. Wir haben Afrika in wenigen Jahrzehnten aus der Steinzeit ins 21. Jahrhundert katapultiert. Kein Wunder, dass die „afrikanische Seele“ – in vielerlei Hinsicht – hier noch nicht „angekommen“ ist!
Ich denke an unsere Projekte. Sind sie so, dass sie mehr helfen als schaden? Tun wir das, was die Menschen hier brauchen, so wie es dem „Up to you“-Konzept des Gemeindejugendwerkes entspräche? Ich bin gespannt auf die Begegnungen und Gespräche im CTM (Centre Technique de Maroua) und in der Mädchenschule Saare Tabitha.

18:30 Uhr: Dann sind wir plötzlich da, und mich beschäftigen andere, persönlichere Dinge: Hier bist du also geboren! Mehr als 40 Jahre ist das her, ein halbes Menschenleben. Verbindet mich – abgesehen von diesem Umstand – wirklich irgendetwas mit diesem Ort? Jedenfalls ist es ein seltsames Gefühl, nach 36 Stunden endlich hier in Maroua zu sein ...

19:00 Uhr: Wir werden herzlich willkommen geheißen: von Betche Lambert, dem jungen Direktor des CTM, und von Gudrun und Götz Schell, die seit zwei Jahren hier im CTM (Götz) und in der Mädchenschule (Gudrun) mitarbeiten. Es gibt ein leckeres Abendessen in fröhlicher Runde, ich werde ein paar Mitbringsel und Briefe aus Deutschland los. Dann zieht Wilfried sich mit Betche zurück, um die Sitzung des Schulausschusses am folgenden Tag vorzubereiten.
Ich finde endlich Zeit, die Eindrücke und Gedanken meiner ersten beiden Tage in Kamerun zu sortieren und beginne dieses Tagebuch.

22:00 Uhr: Den Abend lassen Wilfried und ich im Porte Mayo ausklingen – dem Treffpunkt für in Maroua lebende Europäer. Auch hier erhalten wir, wir am Abend zuvor in Douala, eindeutige Angebote. Wir belassen es bei ein paar Fotos, die wir Cathrin aus Deutschland zuschicken wollen.
Unser Quartier für die nächsten Tage und Nächte ist das Gästeappartement des CTM. Wilfried ärgert sich ein bisschen, dass hier manches nicht mehr so gut in Schuss ist, wie zu seiner Zeit, aber wir können damit leben. Die Unterbringung ist nicht luxuriös, aber ich habe auch schon schlechter genächtigt in Afrika. In Europa, ja, sogar in Deutschland, übrigens auch! Also: Kein Grund zur Klage!


Mittwoch, 01.03.2006

8:00 Uhr: Frühstück bei Schells zuhause.

9:00 Uhr: Sitzung des Schulverwaltungsrates für das CTM. Ich verstehe wieder nicht viel, aber Wilfried übersetzt mir das Wichtigste. Die Sitzung ist friedlich, ruhig, geschäftsmäßig. Wie 1000 andere Gremiensitzungen überall auf der Welt. Ich treffe noch jemanden, der sich an meine Eltern erinnert: Nai Emmanuel, der Präsident des CA. Ich richte Grüße aus und nehme Grüße mit. Schon faszinierend, dass irgendwie doch alle Menschen Brüder und Schwestern sind!
Das CTM-Budget für 2006 erscheint mir in manchen Punkten recht „fantasievoll“, besonders wenn man die Ist-Zahlen 2005 vergleicht. Aber das ist bei Budgetplanungen zuhause ja auch nicht immer anders.

13:00 Uhr: Essen mit dem CA.
14:00 Uhr: Siesta!
15:00 Uhr: Gespräch mit Götz Schell inklusive Kassenprüfung.
17:00 Uhr: Gespräch mit Katherine Kolyang.
19:00 Uhr: Abendessen bei Familie Pusch.

Das Gespräch mit Götz Schell zeigt mir einmal mehr, wie schwierig und vielschichtig das Thema „Entwicklungshilfe“ ist. Welche Haltung nimmt man gegenüber einander ein? Wie partnerschaftlich kann man miteinander umgehen? Wie findet man – trotz kultureller Unterschiede – eine gemeinsame Basis des Verstehens und der Zusammenarbeit?
Ich merke: Beide Seiten müssen zuallererst an sich selber arbeiten, bevor sie darangehen können, den anderen zu verändern – wenn überhaupt! Und das liebe Geld und die daraus entstehenden Abhängigkeiten und Positionen („Geber“ und „Nehmer“) erschweren den Umgang eher, als dass sie ihm nützen. Gut, dass wir uns nach und nach finanziell immer mehr zurückziehen wollen aus dem CTM! Gut, dass im Blick auf das Partnerschaftsprogramm Südafrika Geld eine eher untergeordnete Rolle spielt. Was das für Saare Tabitha bedeutet, kann ich nicht beurteilen. Mir fällt nur auf, dass hier eine ganz andere, sehr viel entspanntere Atmosphäre herrscht, obwohl auch Katherine Kolyang von Problemen und Rückschlägen zu berichten weiß.
Apropos Katherine: Diese Frau hat mich schon immer beeindruckt und beeindruckt mich jedes Mal, wenn ich sie treffe, aufs Neue! Dass sich das Beste aus afrikanischer und europäischer Kultur so miteinander verbinden und integrieren lässt, macht mir Hoffnung für die Zukunft. Wobei das sicher vor allem an Katherines Persönlichkeit liegt: große Kompetenz, gepaart mit Bescheidenheit und Ruhe – und trotzdem weiß sie, was sie kann und will und tut das auch! Genau die richtige Frau an der richtigen Stelle! Hoffentlich weiß die UEBC das auch und setzt alles daran, diese Frau zu halten und zu unterstützen.
Ich habe die erste „Fotosession“ mit den Mädchen von Saare Tabitha. Fast alle machen mit, wollen alleine, zu zweit oder in kleinen Gruppen fotografiert werden. Sie haben großen Spaß und sind stolz, als ich ihnen die Bilder zeige.
Was wird aus diesen Mädchen werden? Können sie sich ihre fröhliche Unbekümmertheit, die sie hier erleben, bewahren bis ins Erwachsenenalter hinein? Ich hoffe und wünsche es ihnen sehr. Eine Spur Skepsis bleibt. Gut, dass es erste „Erfolge“ gibt!
Das Abendessen bei Familie Pusch verläuft unspektakulär. Ich erfahre ein wenig über die Sonntagsschularbeit hier in Kamerun. Von Sonntagsschullehrern, die bevor sie in den Klassenraum gehen, schnell noch einen Stock von einem Baum abschneiden, um sich Respekt zu verschaffen. Von viel zu großen Gruppen, Sonntagsschularbeit ohne alles Material und mit der Pädagogik des 19. Jahrhunderts.
Ich denke an unser Partnerschaftsprogramm Südafrika, in dem Mitarbeiterschulung und Materialerstellung für den Kindergottesdienst eine der tragenden Säulen ist, Vielleicht könnte so etwas hier auch funktionieren? Dann denke ich: Die haben doch ganz andere, viel existenziellere Probleme hier und lasse den Gedanken erst einmal fallen. Vielleicht krame ich ihn irgendwann mal wieder hervor?!
Christel Pusch gibt uns ein paar Tipps für unsere Tour nach Gamboura, und wir beschließen, doch einen Zweitagetrip daraus zu machen. Die beiden Töchter, Mareike und Berenice, erzählen, dass sie im Sommer – trotz abschreckender Videos aus der elterlichen Vergangenheit – zum BUJU kommen werden. Vielleicht lassen sie sich in das Programm zum Thema „Mission heute“ einbauen!?

21:00 Uhr: Wir verabschieden uns früh und trinken noch das obligatorische Abendbier im Porte Mayo. Cathrin ist auch wieder da und lässt sich noch einmal fotografieren. Ein anderes Mädchen, Tatjana, findet es lustig, dass Wilfried ein paar Brocken Fulfulbe spricht und erzählt uns ein bisschen von ihren Eltern: Ihr Vater stammt aus Maroua, hat aber eine Kongolesin geheiratet. Daher hat sie wohl die grazile Gestalt und die tiefschwarze Haut. Tatjana ist bildhübsch.
Ich frage Wilfried, ob eine Einrichtung wie Saare Tabitha für Mädchen wie sie eine Perspektive sein könnte. „Unbedingt!“ sagt er. „Diese Mädchen wachsen oft in einem ethischen Vakuum auf und brauchen Halt und Orientierung. Die können sie in einer Schule wie Saare Tabitha finden.“
Ich denke an die Mädchen, die sich am Nachmittag so fröhlich haben fotografieren lassen. Dafür lohnt sich der Aufwand!


Donnerstag, 02.03.2006

8:00 Uhr: Frühstück bei Schells zuhause.

8:30 Uhr: Besuch bei Timothy. Timothy arbeitet auf dem EBM-Gelände gegenüber des CTM. Er stammt aus Gamboura und hat vor mehr als 40 Jahren mitgeholfen, dort die ersten Häuser der Missionsstation zu errichten. Christel Pusch zeigt ihm die Bilder, die ich von meinen Eltern mitgebracht habe. Gemeinsam entdecken wir viele Dinge, die es so heute nicht mehr gibt und stellen erstaunt fest, wie sehr sich Gamboura in diesen 40 Jahren doch verändert hat. Ich freue mich, das bald selbst mit eigenen Augen zu sehen.

9:00 Uhr: Sitzung des Schulausschusses der Mädchenschule / „Homestories“ mit Mädchen aus Saare Tabitha. Ich bin nur kurz am Anfang der Sitzung dabei. Dann treffe ich mich mit Gudrun Schell, um mit ihrer Hilfe ein paar Mädchen, die in Saare Tabitha sind, zu interviewen. Ich möchte etwas mehr erfahren von ihrer Lebenssituation, ihrem Alltag hier in Maroua und ihren Zukunftsperspektiven. Gudrun erzählt mir, wie es der Abgangsklasse 2004 inzwischen ergangen ist. Die meisten der damals abgegangenen Mädchen haben inzwischen einen recht guten, gesicherten Lebensstandard erreicht. Nur zwei leben in schwierigen finanziellen Verhältnissen. Ein gutes Ergebnis, wie ich finde!

13:00 Uhr: Mittagessen mit dem Schulausschuss von Saare Tabitha. Mit Martin Pusch unterhalte ich mich über die Missionsarbeit. Er erzählt von Missverständnissen und Problemen, die durch die kulturellen Unterschiede entstehen, aber auch, dadurch, dass die Kameruner Baptistenkirche eine streng hierarchische, pastoral orientierte Kirche mit lange schon sehr starren und traditionell gewordenen Strukturen ist. Pastoren, sagt er, sind hier „Alleinherrscher“ in ihren Gemeinden. Laien spielen eine eher untergeordnete Rolle. Sie tun (und denken) in der Regel, was die Pastoren ihnen sagen. Und diese predigen oft eher Gesetz als Evangelium, mehr Moral als Freiheit.
Als wir dann auf Martins eigenes Missionsverständnis zu sprechen kommen, merke ich, wie unterschiedlich wir da denken: Er meint, er könne hier nicht damit beginnen das Evangelium zu predigen, er müsse den Leuten doch erst einmal klar machen, dass sie Sünder sind ohne Jesus verloren gehen. „Sie müssen ihre Krankheit erkennen, bevor ich ihnen die Medizin geben kann!“ Für mich klingt das danach, den Leuten eine Lösung für ein Problem anzubieten, das sie ohne uns gar nicht hätten. Muss Evangelisation so verfahren? Reicht die Einladung, beim Reich Gottes dabei zu sein, nicht aus? Muss man wirklich mit dem „Verlorengehen“ drohen, damit Menschen zu Jesus finden? Hat Jesus das getan? Meines Wissens nur denen gegenüber, die sich nicht um „die Geringsten ihrer Brüder“ gekümmert und ihre soziale Verantwortung nicht wahrgenommen haben. Und selbst, wenn es anders wäre: Müssen wir das deshalb auch tun? Ich merke, wie diese „Theologie der Sünde“ mir zuwider ist – je länger, je mehr!

15:00 Uhr: Fortsetzung der Interviews in der Mädchenschule. Die Mädchen beantworten gerne alle meine Fragen, erzählen aber so gut wie nichts von sich aus. Ich unterhalte mich noch ein wenig mit Gudrun und erfahre mehr: über häusliche Gewalt, Zwangsverheiratungen, Alkoholproblemen, Missbrauch. All das sind hier keine Einzelprobleme, sondern das alltägliche Leben vieler, wenn nicht der meisten Mädchen. Ihre Träume sind bescheiden: Wenn sie viel Geld hätten, würden sie zuallererst ihre Familien unterstützen, dann die eigene Zukunft absichern. Von „Luxus“ träumen sie nicht. Wie ihr Leben in 10 Jahren aussehen könnte, das können sie sich kaum vorstellen. Wer weiß, ob sie überhaupt so alt werden? Die durchschnittliche Lebenserwartung hier liegt bei etwa 50 Jahren. Viele sterben früher.

17:30 Uhr: Ich brenne mit Götz Schell eine erste CD meiner Fotos und der Fotosammlung von Gudrun aus den letzten Monaten.

19:00 Uhr: Wir sind mit Götz und Gudrun, Betche Lambert und seiner Frau Marthe und Katherine Kolyang zum Essen verabredet. Ich unterhalte mich mit Katherine über das Verhältnis von Männern und Frauen in Afrika und über die daraus resultierenden Probleme. Beim Thema Polygamie regt sie sich richtig auf – und weiß zugleich, wie schwierig hier ein Umdenken zu erreichen ist. Für Männer, sagt sie, ist es ein Statussymbol, mehrere Frauen und viele Kinder zu haben und ernähren zu können (obwohl gerade das oft nicht gelingt). Für Frauen ist es vielerorts, vor allem auf dem Land, eine Selbstverständlichkeit. Sie haben kaum eine Alternative. Ehe sie gar keinen Mann haben, heiraten sie lieber in eine schon bestehende Familie ein. Und wenn sie die „Erstfrau“ sind, können sie sich später kaum dagegen wehren, dass weitere Frauen hinzukommen. Außerdem sind Frauen- und Männerwelt strengt voneinander getrennt, und die meisten Männer gebärden sich als wahre Paschas! Und sie erziehen ihre Söhne zu ebensolchen.
Schülerinnen in Saare Tabitha lernen in einem eigenen Fach („Empowerment“), dass sie als Frauen etwas wert sind und Rechte haben. Oft führt das zu Konflikten mit den Familien, vor allem mit den Vätern. Darum spielen Elternkontakte in der Mädchenschule eine große Rolle. Die Eltern werden darauf vorbereitet, dass ihre Töchter sich hier verändern, dass sie selbstbewusster und eigenständiger werden und unter Umständen nicht mehr alles mit sich machen lassen, was afrikanische Kultur und Tradition ihnen vorschreiben. Veränderungsprozesse im Denken und Handeln sind aber gerade hier sehr mühsam und brauchen viel Zeit und Geduld.
Ironischerweise ist gerade der Vormarsch von AIDS (hier: SIDE) in diesem Zusammenhang ein „positiver“ Faktor: Aus der Not heraus sieht sich der Staat gezwungen, hier in Aufklärung zu investieren. Dazu gehört auch, Mädchen und Frauen stark zu machen und ihnen ihre Rechte bewusst zu machen. Denn AIDS ist hier vor allem ein Problem der Frauen. In einer polygamen Ehe sind nämlich immer gleich mehrere Frauen betroffen. Von den vielen Kindern ganz zu schweigen.
Darum gehört zur AIDS-Prävention so etwas wie eine „Frauenbewegung“ dazu. Vielleicht führt dies irgendwann dazu, dass die traditionellen Strukturen aufbrechen und so etwas wie partnerschaftliche Beziehungen mehr als heute möglich werden. Davon würden natürlich auch die Kinder profitieren, die im gleichen Maße wie die Frauen unter diesen patriarchalen Strukturen leiden. Saare Tabitha leistet hier einen nicht zu unterschätzenden Beitrag!
Am Abend ein langes Gespräch mit Wilfried: Wir reden über die Krisen, in die fast jeder Europäer, der hier für längere Zeit lebt, hinein gerät. Krisen persönlicher Art, Beziehungskrisen. „Eigentlich“, sagt Wilfried, „müsste es hier jemanden geben, der nicht nur ‚zu Besuch’ ist, sondern hier lebt, lange hier lebt, und nichts anderes tut, als sich um die hier arbeitenden Missionare und Entwicklungshelfer zu kümmern. Denn in diesen Krisen sind sie hier meist allein; und viele zerbrechen daran.“
Ich denke: Vielleicht darf man nicht hierher kommen in dem Bewusstsein, nach ein paar Jahren wieder weg zu sein und mit dem (inneren und äußeren) Druck, in dieser Zeit möglichst viel bewegen oder verändern zu müssen. Vielleicht sollte nur kommen, wer auch bereit ist, hier zu leben – und zwar ganz, ohne Rückflugticket in der Tasche! Vielleicht kann nur der sich wirklich einlassen auf das Leben und die Menschen hier. Vielleicht wird letztlich auch nur so jemand wirklich akzeptiert und kann „Erfolg“ haben, wie immer das aussieht – die Möglichkeit des Scheiterns natürlich immer inbegriffen!
In einigen katholischen Missionen, sagt Wilfried, gibt es solche Leute. Noch eine Anfrage an unser baptistisches Missionsverständnis!


Freitag, 03.03.2006

7:15 Uhr: Frühstück bei Schells.
8:30 Uhr: Interviews mit CTM-Schülern.

10:00 Uhr: Wir machen uns auf den Weg nach Gamboura. Jakob begleitet uns. Er ist der Sohn von Pierre und Marie, einem Ehepaar, mit dem meine Eltern vor 40 Jahren in ihrer Zeit in Gamboura befreundet waren. Ich bin gespannt darauf, diese Menschen zu treffen!
180 km sind es bis Gamboura. Die ersten 80 km (bis Mokolo) sind asphaltiert, der Rest Piste. Die letzten 20 km nur mit einem kleinen Geländewagen zu bewältigen, den uns das CTM zur Verfügung stellt.
Wir kommen ziemlich nah an die nigerianische Grenze. Hier soll es in den vergangenen Tagen Straßensperren marodierender Banden gegeben haben, die Autos anhielten, ausraubten und dann nach Nigeria verschoben. Wir fahren einen Umweg über eine einigermaßen sichere Strecke, um dem zu entgehen.
Ein touristisches Highlight auf diesem Weg sind die Felsspitzen von Rhoumsiki: stehen gebliebene Lavakerne längst erodierter Vulkane – einer der wenigen Orte, der Touristen ins Land lockt.
Unsere Fahrt führt uns entlang der nigerianischen Grenze nach Süden bis Bourrah. Dann geht es Richtung Osten nach Gamboura.
Nach sechs Stunden Fahrt sind wir da. Unser „Empfangskomitee“ sind – wie fast überall, wo wir hinkommen – ein Haufen Kinder. Die Missionsstation in Gamboura ist inzwischen „kamerunisiert“. Das heißt: Es gibt keine weißen Missionare mehr dort. Ein kameruner Pastor leitet das Ganze: eine Kirche, eine Schule, ein Krankenhaus. Ich kenne nur die Fotos aus der Anfangszeit und erkenne zunächst nicht viel wieder: Die Kirche steht noch. Ebenso der Glockenturm mit der damals von einer Bochumer Gemeinde gespendeten Glocke.
Wir sind im ehemaligen Missionshaus untergebracht. Das hat mein Vater gebaut. Auch die Kranken- und die Entbindungsstation stehen noch und werden noch als solche genutzt. Hinzugekommen sind weitere Krankenstationen, die Schule, Häuser für Lehrer und andere Angestellte. Alles hat sich sehr verändert.
Das Ganze wirkt etwas verfallen und schlecht gepflegt. Folgen der Kamerunisierung. Viel Geld fließt nicht mehr in dieses Projekt.
Lange suche ich nach den ersten Hütten, die meine Eltern gebaut haben. Einige sind verfallen. Andere stehen noch und werden als Lagerräume genutzt. Einige sind Teil des „Pastorenhauses“ geworden.
Hier habe ich also die ersten 14 Monate meines Lebens verbracht! Ein eigenartiges Gefühl! Noch eigenartiger wird es, als die ersten Leute auftauchen, die meine Eltern noch gekannt haben: Dschau Tschad, der eine Art Hausmeister zu sein scheint, und dann vor allem Pierre, der Vater von Jakob, der sichtlich ergriffen ist mich zu sehen. Französisch sprechen wir beide kaum, so muss Jakob übersetzen. Pierre erinnert sich an meine Eltern, sagt, mein Vater sei sein Freund gewesen und ich – als der Sohn seines Freundes – auch sein Sohn.
Ich zeige ihm die Bilder von damals. Er lacht. 40 Jahre sind auch in Kamerun eine lange Zeit ...
Zum Abend hin organisiert Jakob uns ein Abendessen: Hühnchen und Kochbananen sollen es sein. Leider sind keine Bananen aufzutreiben. Aber Jakob kommt mit einem stattlichen Hahn zurück, der allerdings noch lebt. Er dachte wohl, wir würden uns den selber zubereiten. Das können wir natürlich nicht. So übertragen wir das Töten, Ausnehmen und Zubereiten des Tieres einer Frau aus dem Dorf. Zwei Stunden später – der Hahn war recht groß und auch schon ein wenig älter – können wir essen, und es schmeckt wider Erwarten gut!
Den Abend verbringen wir auf der Terrasse der Missionsstation. Von 18:00 – 21:30 Uhr läuft der Generator, und es gibt Strom (und damit Licht). Der petroleumbetriebene Kühlschrank funktioniert leider nicht, so dass wir das mitgebrachte Bier nahezu ungekühlt trinken müssen. Die Wasserpumpe ist auch defekt, aber mehrere Schüsseln und ein kleines Fass enthalten mehr als genug Wasser für die Abend- und die Morgentoilette!
Um
22:00 Uhr fallen wir todmüde ins Bett. Eine Klimaanlage gibt es nicht, es ist warm, und so schlafen wir schlecht. Aber wir wollen ja sowieso früh wieder los ...


Samstag, 04.03.2006

Um
6:30 Uhr stehen wir auf, um 7:00 Uhr sind wir abmarschbereit. Wir werden aufs Freundlichste verabschiedet. Pierre ist da und viele seiner Kinder. Wir fragen Jakob, ob es wohl möglich ist, eins der Gehöfte (Saares) im Dorf einmal von innen zu sehen, und er lädt uns gleich in das seiner Eltern ein.
Es gibt eine Hütte für den Vater, eine für die Mutter und die kleinen Kinder, eine Küche, einen Stall, und auch Jakob hat ein eigenes „Zimmer“. Das Ganze ist geräumiger als ich dachte, aber mit nichts zu vergleichen, was ich so aus Europa kenne. Manchen Behausungen in den Townships Südafrikas würde ich solch eine Unterkunft jedoch vorziehen.
Ich frage mich, was für ein Gefühl das für Jakob ist, zwischen diesem Dorfleben und der Großstadt Maroua hin und her zu pendeln. Ihn frage ich nicht.
Noch ein paar Fotos, noch ein letztes „Au revoir“, dann sind wir wieder fort. Auch Marie haben wir noch getroffen, Pierres Frau. Er bestellt herzliche Grüße an meine Eltern. Den Brief, den er schreiben wollte, hat er wohl doch nicht zustande gebracht. Vielleicht wusste er nicht, was er schreiben sollte? Zwischen ihm und meinen Eltern liegen nicht nur 40 Jahre, sondern Welten! Auch wenn die Zeit hier stehen geblieben zu sein scheint.
Auf dem Rückweg von Garoua zeigt Jakob uns ein kleines Nomadendorf. Rinderhirten vom Stamm der Mbororo. Wir werden sehr freundlich empfangen, dürfen sogar Fotos machen, was bei Muslimen wie diesen Nomaden nicht selbstverständlich ist. Stolz wirken sie, aber auf eine angenehme Art.
Dann geht es weiter nach Guider. Hier schauen wir uns die Gorgos de Kola an, eine bizarre Felsschlucht, die in der Regenzeit nicht zu sehen, in der Trockenzeit hingegen 10, an manchen Stellen 20 Meter tief ist.
Hier in Guider verabschieden wir Jakob. Er hat zuhause ein wichtiges Papier vergessen, muss also noch einmal zurück nach Gamboura (per Motorrad-Taxi) und dann am Sonntag weiter nach Maroua. Das wird einen Teil des Geldes, das wir ihm für seine Dienste geben, verschlingen. Aber wir stehen auf dem Standpunkt, dass seine Schusseligkeit nicht unser Problem ist. Leid tut er mir trotzdem! Ich werde ihm Fotos schicken aus Deutschland. Vielleicht freuen er und seine Familie sich darüber.
Wilfried und ich fahren weiter nach Garoua. Um
13:00 Uhr sind wir da, checken in einem Motel ein und gehen erst einmal was essen. Dann Siesta bis 17:00 Uhr. Danach wollen wir bei Pastor Ousmanou vorbeischauen und noch ein bisschen das Nachtleben von Garoua erkunden.

Dieser Trip nach Gamboura war mein persönliches Reisehighlight! Eine Reise in die Vergangenheit, die mich tief beeindruckt hat. Ich bin froh, dass wir die Zeit und Gelegenheit hatten dafür.
Der Gegensatz zwischen dem Leben in Gamboura und dem Hotel hier in Garoua ist groß. Ich frage mich, was die Menschen dort, die jeden Eimer Wasser aus einem Brunnen schöpfen und oft weite Wege transportieren müssen, zu dem Swimmingpool hier sagen würden, in dem sich Stadtkinder aus Garouas Oberschicht tummeln. Diesen Gegensatz zwischen Arm und Reich habe ich nun ja schon öfter gesehen – gewöhnen werde ich mich daran nicht.

Am Abend machen wir einen kurzen Abstecher in ein anderes Hotel. Dort findet gerade eine Veranstaltung der größten Brauerei des Landes statt, bei der die umsatzstärksten Großhändler gewürdigt werden. Der Chef ist natürlich ein Weißer, Franzose.
Wilfried und ich, wir unterhalten uns über Afrika und wie die ganze moderne Entwicklung diesen Kontinent überrollt hat: Landesgrenzen, die von den Kolonialmächten mit dem Lineal gezogen wurden – ohne Rücksicht auf Stammesgebiete und Traditionen. Regierungsformen wie „präsidiale Demokratien“, die in Konflikt geraten mit alten Häuptlings- oder Chef-Strukturen. Und das Ganze nicht von innen heraus als eigene Entwicklung, sondern von außen übergestülpt. Und die Lösung? Keine Ahnung. Es gibt wohl keine Alternative in einer globalisierten Welt. Wer nicht mitmacht, ist außen vor!
Später im Motel das inzwischen gewohnte Bild: Mädchen, die mit aufs Zimmer genommen werden und sich dafür erkenntlich zeigen wollen. Natürlich für Geld. Wir gehen allein zu Bettt ...


Sonntag, 05.03.2006

7:10 Uhr: Aufstehen.
7:45 Uhr: Frühstück im Hotel.
8:15 Uhr: Fahrt zur Gemeinde von Pastor Ousmanou.
9:00 Uhr: Gottesdienst.

Der Gottesdienst dauert über drei Stunden. Ein Jugendchor singt und zwei Frauengruppen. Theophil Bello hält die Predigt. Dann feiern wir noch Erntedank (wobei ein lebender Hahn in die Kirche gebracht wird) und Abendmahl.
Afrikanisch die Kollekte: Alle Gemeindemitglieder kommen nach vorne und legen ihr Spende in aller Öffentlichkeit auf einen Tisch. Kein Klingelbeutel, den man auch an sich vorbei gehen lassen könnte! Keine Möglichkeit sich zu drücken und nur so zu tun, als tue man etwas hinein! Es kommen fast 800.000 CFA zusammen. Das sind mehr als 1.000 EUR, im Durchschnitt 1,50 EUR von jedem der 710 Gottesdienstbesucher. Eine Menge Geld für viele von ihnen!
Wir werden in diesem Gottesdienst herzlich willkommen geheißen, aber nicht zu irgendwelchen Gottesdienstbeiträgen gedrängt. Wilfried bestellt kurz Grüße aus Deutschland, und das war’s. An Gäste aus Europa ist man hier gewöhnt.

14:00 Uhr: Mittagessen. Nach dem Gottesdienst kriegen wir bei Hervé Tuquois und seiner Frau etwas zu trinken, dann geht es in ein afrikanisches Restaurant zum Mittagessen. Ein reicher Geschäftsmann aus der Gemeindeleitung hat uns und einige andere Gäste eingeladen. Das Essen ist vorzüglich, die Stimmung ausgelassen. Es gibt reichlich Bier und Wein, und so freuen wir uns, dass wir gegen 16:00 Uhr endlich zur Siesta ins Hotel zurück können.
Zwei Programmpunkte – Gottesdienst und Mittagessen – sieben Stunden! Wilfried erzählt, wie er einmal Emmanuel Nai auf die überall „herumlungernden“ Afrikaner in den Straßen aufmerksam gemacht und gesagt habe: „Die vertun doch alle ihre Zeit!“ Darauf Nai: „Nein, die vertun keine Zeit, die machen Zeit!“
Heute mache ich auch Zeit: Siesta bis
18:00 oder 19:00 Uhr – und dann mal schauen ...
Viel unternehmen wir nicht mehr an diesem Abend. Ein kurzer Abstecher nach Garoua, wo wir uns eine noch im Bau befindliche katholische Kirche anschauen: Beeindruckend, wie hier sakrale Architektur und landestypisches Flair zueinander finden. Und die Lage – hoch über der Stadt – signalisiert unmissverständlich den Herrschaftsanspruch der Kirche über die Stadt!
Zurück im Hotel noch einmal afrikanisches Essen. Dann ein, zwei Bier am Pool. Ich weiß nicht, dass das, was ich als harmlose Unterhaltung empfinde, für Therese, „la belle de nuit“ des Abends, so gut wie ein Versprechen für eine einträgliche Nacht ist – ganz gleich, wie oft und wie deutlich ich „Non!“ sage. Wilfried rettet mich aus dieser Situation, indem er dem Mädchen 1.000 CFA fürs Moto-Taxi gibt und ihr deutlich macht, dass wirklich mehr nicht läuft mit uns heute abend.
Ich ärgere mich über mich selbst, weil ich nicht bedacht habe, dass für dieses Mädchen der Abend dadurch „verloren“ war. Ich werde ihr das Foto schicken, das ich von ihr gemacht habe, und mich dafür entschuldigen, denke ich ...

Um
22:30 Uhr gehen wir schlafen. Meine letzte Nacht in Kamerun. Morgen Abend geht es – wenn alles so läuft wie geplant – zurück nach Hause. Irgendwann werde ich darüber nachdenken, was diese Reise mir nun „gebracht“ hat. Aber nicht mehr heut Abend. Morgen wird ein anstrengender Tag, und wir müssen früh raus!


Montag, 06.03.2006

Die Rückreise ist schnell erzählt:
7:00 Uhr: Aufstehen.
8:00 Uhr: Frühstück bei Pastor Ousmanou.
9:00 Uhr: Fahrt zum Flughafen in Garoua.
10:10 Uhr: Abflug nach Yaoundé.
13:00 Uhr: Ankunft in Yaoundé / Abfahrt nach Douala.
16:00 Uhr: Ankunft in Douala, Gespräch mit der Leitung der UEBC und anschließende Einladung zum Essen.
18:00 Uhr: Abrechnung mit der EBM / Volkmar duscht.
19:00 Uhr: Quick-Check-in am Flughafen.
20:00 Uhr: zurück zur EBM / Wilfried duscht.
22:00 Uhr: wieder zum Flughafen für Sicherheitskontrollen, Ausreiseformalitäten und das Boarding.
23:50 Uhr: Start nach Paris.


Dienstag, 07.03.2006

6:30 Uhr: Ankunft in Paris.
7:15 Uhr: Weiterflug nach Berlin.
9:00 Uhr: Ankunft in Berlin-Tegel. Eine unangenehme Überraschung: Mein Koffer hat leider das „Umsteigen“ in Paris nicht geschafft, und ist dort stehen geblieben. Ich stelle mich am „Lost and found“-Schalter in die Schlange der anderen, denen es genauso ergangen ist.
11:00 Uhr: Die freundliche Dame der Air France versichert mir, dass mein Koffer mit dem nächsten Flug nachkommen und noch im Laufe das Tages zu mir nach Hause gebracht werden wird.
12:00 Uhr: Ich bin endlich wieder zuhause!
18:00 Uhr: Auch mein Koffer ist wieder da. Noch eine unangenehme Überraschung: Beim Auspacken stelle ich fest, dass die CD-ROM mit den Fotos der ersten Tage und der Mädchenschule, die ich dort verstaut hatte, damit sie nicht kaputt geht, verschwunden ist. Entweder hat der Zoll in Douala sie kassiert (obwohl ich nicht weiß, wie sie den Koffer aufgekriegt haben sollen, ohne ihn zu beschädigen) oder sie bist beim deutschen Zoll liegen geblieben (dort musste ich Schlüssel und Zahlenkombination hinterlegen, damit die Fluggesellschaft den Koffer abfertigen lassen konnte). Ich rufe bei der Hotline der Air France an, und man verspricht mir nachzuforschen. Viel Hoffnung, dass die CD wieder auftaucht, habe ich nicht. Ich werde Götz Schell anmailen, in der Hoffnung, dass er die Bilder noch auf seinem Rechner hat und mir eine Ersatz-CD brennen kann ...


Mein Fazit dieser Reise?

Persönlich: Dieses Land ein wenig kennen zu lernen, meine Geburtsstadt und den Ort, an dem ich die ersten Monate meines Lebens verbracht habe, zu sehen und Menschen zu treffen, die meine Eltern noch aus dieser Zeit kennen – darüber habe ich mich gefreut, und diese Eindrücke und Begegnungen werden mich noch eine Weile beschäftigen.
Und was meine Arbeit im GJW betrifft: Nun auch die Kamerun-Projekte des Gemeindejugendwerks aus eigener Anschauung zu kennen (und nicht nur aus zweiter Hand), hilft mir, manches besser zu verstehen und anders davon erzählen zu können, als wenn ich diese Gelegenheit nicht gehabt hätte.
In beiderlei Hinsicht bin ich dem AK Maroua dankbar, dass er mir diese Reise ermöglicht hat!

(c) Volkmar Hamp